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68er-Buch von Cohn-Bendit Vier Ziffern und ihr Wert

Daniel Cohn-Bendit und Rüdiger Dammann begeben sich mit Weggefährten auf Rückschau.

28.12.2007 00:12
CHRISTOPH ALBRECHT-HEIDER

Kaum ist die Rückbesinnung auf den Deutschen Herbst abgeklungen, baut sich eine neue Welle der Erinnerungskultur auf. Reichten dort drei Großbuchstaben (RAF), um das Thema zu umreißen, so genügen jetzt vier Ziffern. 2008 lag noch fern, da kamen die ersten Bücher zum 40. Jahrestag der Revolte auf den Markt, liefen die ersten Serien in Periodika an.

Die glorreiche Generation

"1968" reicht den Herausgebern Daniel Cohn-Bendit und Rüdiger Dammann denn auch als Titel für ihren Reader, in dem sich neun Autoren, zumeist Veteraninnen und Veteranen, am "Deutungskampf um 68" (Cohn-Bendit/Dammann) beteiligen. Auf dem Cover sind fast nur Tote abgebildet, von Heinrich Böll bis Jimi Hendrix. Das erhöht den Eindruck des unwiderruflich Abgeschlossenen, weckt aber andererseits insofern falsche Erwartungen, als dieses 1968-Buch sich der Umbrüche jener Jahre in der populären Musik etwa, in Literatur oder darstellender Kunst nicht annimmt.

Die Beschäftigung mit der Generation, die, wie Wolfgang Schmidbauer festhält, anders als die spätere Generation X oder die Generation Golf kein Etikett bekam, kann ausarten. Entweder auf die 68er wird eingedroschen, wobei die Flegel oft genug ungetrübt von wirklichen eigenen Erfahrungen sich bloß an ideologischen Ableitungen versuchen, um letztlich alles zwischenmenschliche Elend in der mitteleuropäischen Mittelschicht auf die Libertinage der Kommunarden zurückführen. Oder man ergeht sich in ermüdenden Reminiszenzen an glorreiche Zeiten, an denen sich allein die unmittelbar Beteiligten nicht satt hören können.

Auch in "1968" wird die Sehnsucht nach den "Weißt Du noch?"-Details bedient, in den Texten von Reinhard Mohr, Helke Sander und Gabriele Gillen vor allem, wird an Demo-Parolen und familiäre Hauptwidersprüche, an den Kanon politischer Pflichtlektüre (Wilhelm Reich!) und, ja auch, modische Trends erinnert. Die Aufsätze in "1968" bauen auf einem positiven Grundton auf, was angesichts der Herausgeberschaft von Cohn-Bendit nicht überrascht. Nicht alle Autoren gehen dabei so weit wie Gillen, die ihren Text über die sexuelle Revolution emphatisch mit einem "Nichts brauchen wir heute dringender als eine neue 68er Bewegung" beschließt. Gleichwohl wird an ihren wie auch den Einlassungen von Helke Sander deutlich, dass das Aufbegehren jener Jahre nirgendwo so nachhaltig - ein damals unbekanntes Wort - Veränderungen bewirkte wie im Verhältnis von Frauen und Männern und ihrem Verhalten in den Betten.

Bis zur Erschießung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 war der Jugendprotest in Deutschland ein weitgehend unpolitischer; daran erinnert Gerd Koenen. Er wie auch Schmidbauer und Reinhard Kahl finden stark hedonistische Züge in der Studentenbewegung. Von einer "jeunesse dorée des 20. Jahrhunderts" schreibt Koenen, ein "gesteigertes Selbstwertgefühl" unter den Protagonisten hat Schmidbauer beobachtet, von "gnadenlosen, jungen Priestern" redet Kahl, und davon, dass "wir uns in dieser Rolle gefielen".

Die Empörung über Napalmbomben in Vietnam, über Springers Hetze und knüppelnde Polizisten allein kann ja nicht die Hingabe und die Ausdauer der Revoluzzer erklären, die "ein elementares Misstrauen gegen die eigene Gesellschaft" (Koenen) hegten und "entschlossen waren, keine Statisten zu sein" (Kahl).

"1968" ist dort am stärksten, wo es sich, ohne ideologische Scheu, auf die Suche nach den politisch-sozialpychologischen Motiven für die Revolte macht. Die Herausgeber beschränken sich freilich auf den Schauplatz Deutschland und lassen (pop)kulturelle Aspekte eher am Rand behandeln. Das muss man wissen, bevor man das Buch in die Hand nimmt. Die zweifache Beschäftigung mit der Terrorszene - das Leben Astrid Prolls wird von Ulrike Edschmid skizziert, die Stasi-RAF-Verbindung von Michael Müller referiert - , die nur eine der Abstammungslinien von 68 ist, hätte man sich in diesem Umfeld sparen können.

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