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Zehn Jahre danach Generation 9/11

Seit den Terroranschlägen lebt die US-Jugend ohne Gewissheiten. Der Tag, an dem Osama bin Laden getötet wurde, war das Coming Out dieser Generation.

Helaina Hovitz erfuhr es per SMS, als sie Bin Laden endlich erwischt hatten. Ein ehemaliger Schulkamerad aus ihrer Kindheit in Downtown Manhattan schrieb ihr fast noch im selben Moment, als er die Meldung in den Nachrichten hörte. Zunächst fühlte es sich für Helaina an, als dürfe sie nach zehn Jahren endlich ein paar viel zu enge und drückende Schuhe ausziehen. Zumindest für kurze Zeit. Dann setzten sofort wieder die Beklemmungen ein, jene Beklemmungen, die ihr so vertraut waren. „Ich dachte – verdammt nochmal, wir haben ihn hingerichtet und ins Meer geschmissen. Das lassen die doch nicht auf sich sitzen“, sagt die heute 22-Jährige.

Wir treffen uns in einem Diner in der Nassau Street, keine zweihundert Meter vom Ground Zero entfernt und keine vierhundert Meter von der Wohnung, in der Helaina aufwuchs. Helaina hat die Anschläge des 11. September 2001 direkt vor ihrer Haustür erlebt, zwölf Jahre alt war sie damals, ein Schulmädchen. Sie hatte um ihr Leben rennen müssen, als die Türme des World Trade Centers in sich zusammenstürzten. Es war ein Alptraum, der ihr Erwachsenwerden begleitet hat. Und vor vier Monaten, an jenem Tag Anfang Mai, als ein amerikanisches Geheimkommando den Chef des Terror-Netzwerks al-Kaida in Pakistan aufspürte und tötete, da war sie wieder da, die Angst. Davor, dass so etwas jeden Moment wieder passieren könnte, dass die Terroristen wieder angreifen, diese Angst, die sie Tag und Nacht mit sich herumgetragen hat, bis sie 19 Jahre alt war. „Bei mir haben immer die Alarmglocken geläutet, vierundzwanzig Stunden lang, meine ganze Jugend über“, sagt Helaina. Erst seit drei Jahren lerne sie langsam, gemeinsam mit einem Therapeuten, „ab und zu den Finger vom Alarmknopf zu nehmen. “Das Trauma, das Helaina am 11.?September 2001 erlitt, blieb Lilly O’Donnell erspart. Sie war an dem Tag weit genug weg von ihrer Geburtsstadt New York. Sie lebte damals in Kalifornien, saß um fünf Uhr morgens mit ihrer Mutter vor dem Fernseher und schaute still und betreten zu, wie die Türme zusammensackten. 13 Jahre alt war sie, ein Jahr älter als Helaina, und sie erinnert sich nur daran, dass sie damals dachte: „Das kommt mal in die Geschichtsbücher.“ Lilly war sich durchaus darüber im Klaren, dass sich die Welt gerade veränderte. Doch der Schock hielt nicht lange an. „Ich war schon am nächsten Tag wieder der gleiche zynische, entfremdete kleine Punk, der ich meine ganze Jugend über war“, sagt Lilly, die heute Journalismus an der New Yorker Columbia University studiert.

9/11, wie die Amerikaner das historische Ereignis nennen, war für Lilly ein weit weniger kompliziertes Erlebnis als für Helaina. So konnte sie auch den Tod Bin Ladens mit größerer Klarheit sehen. Obwohl Lilly politisch eher links steht, wie sie sagt, und den sogenannten Krieg gegen den Terror, den die USA 2001 ausriefen, überaus skeptisch sieht, empfand sie Bin Ladens Tod als kathartisch. „Seine Ermordung ist eine Befreiung für unsere gesamte Generation“, schrieb sie in einem Editorial für ihre Studentenzeitung. „Er war unser ganzes Leben lang nicht nur ein Symbol des Terrorismus, sondern des Terrors selbst. Sein Tod ermöglicht es uns, mit diesen verwirrenden, schwierigen Jahren ein Stück weit abzuschließen.“

Lilly und Helaina gehören zur „Generation 9/11“, wie sie in den USA immer häufiger genannt wird. Damit sind all jene gemeint, die 2001 so jung waren, dass der 11.?September sie grundlegend geprägt hat. Es ist eine Generation, die sich kaum bewusst an eine Welt vor diesem Tag erinnern kann – eine Welt, in der man nicht am Flughafen die Schuhe ausziehen und sich betatschen lassen musste, in der die USA keine endlosen Guerillakriege im Mittleren Osten und am Hindukusch führten. Und vor allem: eine Welt, die nicht von Paranoia und Angst beherrscht war.

Der Tag, an dem Osama bin Laden getötet wurde, war das Coming Out dieser Generation. An den Universitäten der USA und in den jungen Vierteln der Großstädte wurde zum Befremden vieler von der Friedensbewegung der 60er Jahre geprägten Amerikaner hemmungslos gefeiert. Die Jungen gingen auf die Straßen, schwenkten Fahnen, tröteten in Vuvuzelas und sangen „Born in the USA“.

Auf den ersten Blick sah das so aus, als habe die Terror-Bedrohung eine patriotische und militaristische neue Generation hervorgebracht. Doch bei genauem Hinsehen wurde klar, dass das Bild komplexer ist. So erklärte ein feiernder Student in Oregon einem Reporter: „Unsere Identität als Amerikaner ist durch die Tragödie geformt worden. Auch diese Feiern zum Tod von Bin Laden heute – wir haben nur durch solche schrecklichen Dinge gelernt zu begreifen, wer wir sind.“ Eine muslimische Amerikanerin, eine Studentin, die an den Feiern mit Kopftuch teilnahm, sagte etwas sehr Ähnliches: „Für uns war von Anfang an alles kompliziert. Unabhängig von der Religion war für uns immer unklar, was es bedeutet, Amerikaner zu sein. Wir sind nicht mehr eindeutig die Guten, wir sind nicht mehr die Größten in der Welt.“ Als Amerikaner in der Welt nach 9/11 aufzuwachsen, war und ist schwierig.

Der Tod Bin Ladens verschaffte diesen jungen Amerikanern für einen Augenblick Erleichterung. Doch niemand machte sich wirklich Illusionen, dass die Welt dadurch einfacher geworden sei. Es tat gut, eine Nacht lang zu singen und Fahnen zu schwenken. Am nächsten Tag jedoch war alles beim alten.

„Osamas Leiche in die nordarabische See zu werfen, hat Amerikas meist gehassten Bösewicht für immer zum Schweigen gebracht“, schrieb Lilly in ihrem Editorial. „Doch die Auswirkungen des Terrorismus auf unsere Gesellschaft bestehen weiter.“ Eine Rückkehr zur vermeintlichen Unschuld ihrer Kindheit vor dem 11. September wird es nicht geben.

Für Helaina Hovitz sowieso nicht. Die Bilder in ihrem Kopf, die Schweißausbrüche im U-Bahntunnel, die Panikattacken, wenn ein Flugzeug über Manhattan donnert, die wird sie wohl nie ganz loswerden. Helaina war am 11. September 2001 wie an jedem Morgen in ihrer Schule, der IS 89, die nur durch eine vierspurige Stadtautobahn vom World Trade Center getrennt war. Nachdem das erste Flugzeug in den Nordturm geflogen war, schickte der Rektor die Kinder in die Schulkantine. Doch als kurz danach der Turm in Flammen aufging, hatte der Rektor für die Kinder nur noch einen Rat: Rennt um Euer Leben.

Und Helaina rannte. Sie sah, wie die Menschen aus den beiden Türmen sprangen, sie hörte, wie sie auf Autodächern aufschlugen. Als der erste Turm einstürzte, wurde sie von einem Handwerker in ein Gebäude gezogen, wo sie mit schreienden, heulenden Erwachsenen in der grauen Finsternis der Staubwolke stand. „Ich war mir sicher, dass wir alle sterben“, sagt sie heute. Doch als sich dann die Staubwolke lichtete und sie immer noch lebte, rannte sie weiter. An Straßensperren vorbei, immer in Richtung East River, wo ihre Großeltern alleine in der Wohnung saßen. Den fliehenden Menschenmengen entgegen, die alle aus der Gegend herausströmten, in die sie wollte.

Als der zweite Turm fiel, stand sie am East River neben einem hustenden, schluchzenden Mann, der über und über mit Staub bedeckt war. „In diesem Moment war mir klar, dass das hier niemand mehr unter Kontrolle hat.“ Die Welt der Zwölfjährigen war aus den Fugen geraten.

Die nächsten Jahre waren ein Alptraum, aus dem sie nicht mehr aufwachen konnte. Helaina war depressiv und zornig und wusste nicht warum. Sie konnte manchmal wochenlang nicht zur Schule gehen, bewarf ihre Eltern unvermittelt mit Gegenständen. Mit 14 fing sie an, sich jeden Tag zu betrinken. Sie flog so oft von Schulen, dass es für ihre Eltern immer schwieriger wurde, überhaupt noch eine für sie zu finden. Und niemand konnte ihr helfen. Erst als sie 19 war, fand sie einen Therapeuten, der die richtige Diagnose stellte: Posttraumatisches Stress-Syndrom. Helaina rang mit den gleichen Problemen wie die Soldaten, die aus Afghanistan und dem Irak zurückkehrten.

Seit sie richtig behandelt wird, geht es Helaina besser. Sie hat gelernt mit ihren extremen Gefühlszuständen umzugehen, wie sie sagt. Sie hat sie als Teil ihres Lebens akzeptiert. Die Selbstmordgedanken, mit denen sie sich jahrelang quälte, sind verschwunden. „Ich führe beinahe so etwas wie ein normales Leben“, sagt sie.

Helaina hat ihren Bachelor gemacht, sie arbeitet als freie Journalistin, und sie schreibt ein Buch über sich und ihre Klassenkameraden, die 9/11-Kinder aus der IS 89. Sie lebt bei ihrer Familie, mit der sie sich nach einer extrem schwierigen Zeit ausgesöhnt hat. Sie kümmert sich um ihre Großmutter, die 95 Jahre alt ist und die für sie „alles bedeutet“, wie sie sagt. Irgendwann will sie selbst eine Familie haben. „In ein paar Jahren, wenn ich vielleicht nicht mehr ganz so neurotisch bin.“

In ihrem Beruf als Journalistin will Helaina alles tun, nur nicht über Politik berichten. „Die Politik“, sagt sie, „ist so vermurkst.“ Lieber will sie über soziale Themen schreiben. Sie möchte dazu beitragen, dass Dinge sich verändern, sagt sie. So hat sie zum Beispiel für die Stadtteilzeitung eine Artikelserie verfasst über das Altersheim in ihrer Nachbarschaft, das die Stadt schließen will. Für den Soziologen Neil Howe ist Helaina Hovitz, von ihrem Trauma abgesehen, in vielerlei Hinsicht typisch für ihre Generation. Die „Millenials“, wie er die zwischen 1982 und 2000 Geborenen nennt, sind für ihn familienorientiert. Sie sind weniger egoistisch als ihre Eltern, die Baby-Boomer. Es ist ihnen wichtiger, sich sozial zu engagieren, als eine großartige Karriere hinzulegen und viel Geld zu verdienen. Sie legen Wert auf Gemeinschaft, sind permanent vernetzt.

Es sei kein Zufall, sagt Howe, dass ein Millennial wie Mark Zuckerberg Facebook erfunden hat. Politisch sind sie moderat, sie haben die ideologischen Kämpfe ihrer Eltern satt, die Polarisierung der Gesellschaft. In der komplizierten Welt, in der sie aufgewachsen sind, gibt es kaum mehr Eindeutigkeiten. So hat etwa der arabische Frühling Lilly O’Donnell ins Grübeln gebracht. „Natürlich fand ich es richtig, dass wir den libyschen Rebellen geholfen haben“, sagt sie. Gleichzeitig erinnerte es sie aber doch allzu sehr an die US-Invasion im Irak. „Warum ist es in dem einen Fall richtig, einen Diktator zu stürzen und im anderen Fall nicht?“ Es ist eine Frage, auf die sie keine rechte Antwort zu finden vermag. Diese Grundverunsicherung, das Misstrauen gegenüber vermeintlichen Gewissheiten, ist für den Soziologen Neil Howe einer von vielen Gründen, warum er große Hoffnungen in die Millenial-Generation setzt.

Die Millennials, glaubt Howe, werden die jetzige Lähmung in der Politik überwinden. Sie werden die alten Fronten aufbrechen und miteinander reden. Sie sind keine Revoluzzer wie ihre Eltern, die Baby-Boomer, und nicht so apathisch wie ihre Vorgänger aus der Generation X. Sie wollen etwas zur Gesellschaft beitragen, sie wollen Amerika besser machen. Und sie verstehen, nach 9/11, dass das nicht ohne den Rest der Welt geht. „Das wird nach der Weltkriegsgeneration die nächste ,great generation’ von Amerika“, sagt Howe – er meint jene Generation, die Amerika zum Wohlstand geführt und die Welt von Hitler befreit hat.

Allerdings glaubt Howe, dass es nicht alleine der 11. September 2001 war, der die Millenials zu dem gemacht hat, was sie im Werden begriffen sind. „Der 11. September hat lediglich gewisse Dinge verstärkt, die in dieser Generation schon angelegt waren.“ Die soziale Ader, der Wunsch, Gräben zu überbrücken und zum Allgemeinwohl beizutragen, das seien vorwiegend Resultate der Erziehung durch Eltern, die von den 60er Jahren beeinflusst waren, darunter viele Alt- und Ex-Hippies.

Für Howes These spricht, dass die Millennials den 11. September lieber früher als später vergessen wollen. So findet Lilly O’Donnell, dass Amerika zehn Jahre danach ganz andere Probleme hat als den Terrorismus. Die soziale Ungleichheit, die Lähmung in Washington, die Wirtschaftskrise – von all dem lenke die Rückschau auf damals doch nur ab. Auch Helaina Hovitz möchte nach vorne schauen. Wenn sie heute durch ihr Viertel läuft und sieht, wie das neue World Trade Center täglich um ein paar Stockwerke wächst, dann ist das Balsam für ihre Seele. Bald, denkt sie sich dann, gibt es keinen Ground Zero mehr.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier 911

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