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Jahrestag 9/11 Suche nach Stille

In aller Ruhe und ohne große Gesten gedenkt Amerika der Toten vom 11. September. Die Stadt New York ringt um eine angemessene Form der Erinnerung.

12.09.2011 17:52
Andreas Geldner
Gedenken in New York – Robert Peraza trauert in der am Sonntag eröffneten Gedenkstätte um seinen Sohn Robert David. Foto: REUTERS

Die Wasserfälle sind das erste, was an diesem Morgen zu hören ist. Die Kaskaden stürzen in die Tiefe der neuen Gedenkstätte am World Trade Center. Das Wasser legt einen Schleier über alles, was hier die Andacht stören könnte. In der Menschenmenge, die zur Eröffnung gekommen ist, halten Angehörige von Opfern der Terrorattacke Plakate hoch. Ich liebe dich, steht da immer wieder zu lesen, gefolgt von einem Namen.

Es sind die Einzelschicksale, die diese Feier bestimmen. Kein nationales Pathos, kein konstruierter Sinn. Zu leiser Cellomusik beginnen zwei Frauen mit dem Verlesen einer langen Liste mit den Namen derer, die am 11. September ums Leben gekommen sind. Dazu gehören auch der Sohn der einen und die Tochter der anderen Frau. Gordon M. Aamote, Edelmiro Abad, Maria Rose Abad, Andrew Anthony Abate…

Vier Stunden wird es dauern, bis alle verlesen sind, und Joseph Zuccala, Andrew S. Zucker und Igor Zukelman die Liste beschließen.

Wie zu jedem vorangegangenen Jahrestag hat die Stadt auch dieses Mal äußerste Zurückhaltung verordnet. Keine Reden von Politikern, keine Predigten von Geistlichen. Auch Präsident Barack Obama und sein Amtsvorgänger George W. Bush dürfen nur wie alle anderen Texte anderer Autoren verlesen. New Yorker Polizisten entfalten eine aus den Trümmern gerettete Fahne und ein Kinderchor singt die Nationalhymne – nicht so schmetternd und laut, wie man sie oft in den USA zu hören bekommt. Die klagenden Töne der Dudelsäcke und der Rhythmus der Trommeln, den die New Yorker nun seit zehn Jahren zu diesem Ereignis gewohnt sind, scheinen wie geschaffen, falsches Pathos zu übertünchen.

Applaus für George W. Bush

„Zehn Jahre sind vergangen seitdem der sonnigste Tag in die dunkelste Nacht verwandelt wurde“, sagt der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. „Gott ist unsere Hilfe und Zuflucht“, sagt Barack Obama und rezitiert als erster Redner nach dem Bürgermeister einen Psalm. „Gott ist mit uns“. Sein Auftritt dauert wenige Sekunden. Vereinzelte wagen schüchternen Beifall.

Als George W. Bush einen Trostbrief von Abraham Lincoln für einen Kriegstoten verliest, wird der Applaus deutlich lauter. „Ich übermittle ihnen den Dank der Republik, für die er gestorben ist“, zitiert Bush. Doch die düstere Monotonie durchbrechen erst die Tränen, die persönlichen Erinnerungen von Betroffenen, die an einen geliebten Menschen erinnern, den sie verloren haben.

Ein Stück weiter am Times Square, dem prominentesten Platz der Stadt, ist davon nichts zu spüren. Am Sonntagmorgen, als die Feier schon begonnen hat, laufen die bunten Leuchtreklamen wie immer. Der Zeitungsverteiler des Gratisblattes Metro New York preist lautstark seine Ware an. Erst wenn man einen Blick hineinwirft, offenbart sie sich als Flugblatt, auf dem nichts anderes zu lesen ist, als die Namen der Opfer der Terroranschläge. Das Wort „Rache“, das unter dem großen Videoschirm des Fernsehsenders ABC steht, hat nicht etwa mit Gefühlen nach den Terrorattacken zu tun. Es ist lediglich eine Werbung für eine neue, spannende Fernsehserie.

Monströse Dimension ist kaum begreifbar

Die Menschen halten erst inne, als die Dudelsackpfeifer der New Yorker Polizei in einer düsteren Prozession um die Gedenkstätte ziehen. Doch es ist nur noch eine Handvoll, die den Moment der Stille respektiert, der um 8.46?Uhr, dem Zeitpunkt des Einschlags des ersten Flugzeuges in die Zwillingstürme, stattfinden soll. „Wir werden niemals vergessen“, steht auf der Tafel des amerikanischen Nationalgetränks Budweiser, bevor wieder eine Bierdose auftaucht. Nur Bildschirm der Versicherung Prudential bleibt schwarz. „Erinnerung an 9/11“ steht da ganz schlicht.

Wie werden Zahlen zu Schicksalen? New York ringt zehn Jahre nach dem Terror auch an diesem Gedenktag einmal mehr mit einer Antwort. 2?982 Tote in weniger als einer Stunde, das ist mehr als die menschliche Vorstellung zu fassen vermag. Viele Versuche gab es an diesem Wochenende, die monströse Dimension begreifbar zu machen.

Unweit der Gedenkfeier ist ein weiterer dieser Versuche zu besichtigen. Schon seit 2002 steht die Skulptur „The Sphere“ des deutschen Künstlers Fritz Koenig auf einer kleinen Rasenfläche in Battery Park. Das als Symbol des Weltfriedens gedachte Werk zierte einst den Vorplatz vor dem World Trade Center. Heute ist sie zerbeult und durchlöchert. Im Park sind zudem 2?982 Fahnen verteilt. Wie Friedenszeichen wirken sie aus der Ferne. Erst aus der Nähe ist zu erkennen, dass die Namen der Toten im Muster der amerikanischen Nationalflagge aufgestickt sind. Doch das rot-weiß-blau ist erstaunlich dezent. Nationalflaggen aus Dutzenden von anderen Ländern sind eingestreut. Eine libanesische Flagge steht in einer Reihe mit der israelischen, das deutsche Schwarz-Rot-Gold ist genauso präsent wie das Schweizerkreuz.

Unter den Wogen des amerikanischen Patriotismus drohte in den vergangenen Wochen oft die Tatsache begraben zu werden, dass das World Trade Center wirklich ein Welthandelszentrum war. Der Battery Park wirkt wie eine Oase. Doch dieses schlichte Erinnern, war der Stadt an diesem weltweit beachteten Wochenende nur selten vergönnt gewesen.

Diskrete Präsenz der Polizei

Daran Schuld war weniger der neueste Terroralarm, denn der war im Straßenbild an vielen Stellen kaum zu spüren. Wer von Vorstädten wie Queens und Brooklyn mit der U-Bahn nach Manhattan kam, sah auf dem Bahnsteigen kaum Polizisten. Selbst im Zentrum war die Präsenz der Sicherheitskräfte erstaunlich diskret. New York hat eher das Problem, dass die Trauer so sehr im Visier der globalen Öffentlichkeit ist. Das World Trade Center ist in diesen Tagen die größte Touristenattraktion der Stadt.

Die Digitalkameras klicken dort unaufhörlich. Eine Familie geht vor dem Feuerwehrauto in Stellung, auf das die Namen aller getöteten New Yorker Feuerwehrleute graviert sind. Die Familie blickt so fröhlich in die Kamera als sei dies ein nettes Motiv für die Verwandten zu Hause. Matrosen des Kriegsschiffes „New York“ sind gekommen, das vor der Stadt ankert. Feuerwehrleute aus den ganzen USA parken in den Nebenstraßen ihre dicken Harley-Davidsons. „Gedenktour 2011 – New York – Pentagon – Shanksville“ steht auf einem Begleitfahrzeug. „Ich finde das alles hier nur atemberaubend“, sagt Feuerwehrmann Alan Hitchen, der eigens aus Pittsburgh angereist ist.

Weiße Wand mit den Namen der Toten

Direkt am Bauzaun hat die Stadt eine weiße Wand mit den Namen der Toten aufgestellt – eine Einladung für spontane Reaktionen. Die Fotos von Opfern, Bildern der Freiheitsstatue und salutierenden Feuerwehrleuten, Kinderzeichnungen und Gebeten offenbaren, wie wenig sich die Erinnerung an den 11. September abseits der offiziellen Gedenkrituale einrahmen lässt.

Als erste durften hier die Angehörigen der Toten ihre Gefühle ausdrücken. Seither kann jeder, der hier vorbeigeht, seinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen. Manche Botschaften sind hastig hingekritzelt, manche in liebevoller Schönschrift der Wand anvertraut. „Wir sind alle Brüder und Schwestern für immer“, steht da. Oder: „Ich hatte so viel Glück, dass ich der Bombe 1993 entkommen bin – es tut mir so Leid für euch“. Oder auch: „Freiheit für Palästina.“ Gegenüber hat sich ein Mann mit einem riesigen Plakat postiert: „Die Juden regieren die USA“.

Sarah Baragas aus Dallas wusste erst nicht, ob sie überhaupt hierher sollte. Ein Jahr vor den Terrorakten logierte die damals 14-Jährige in einem Hotel direkt gegenüber den Zwillingstürmen. Sie weiß noch, wie sie immer wieder staunend an ihnen emporblickte. Sie frühstückte in dem später zerstörten Restaurant „Windows of the World“. Seither ist sie nie mehr in New York gewesen. Nun steht sie hier – und weiß nicht wohin mit ihren Gefühlen. „Es ist so seltsam, dass all das,was ich damals gesehen habe, heute einfach weg ist“, sagt sie.

Als sie in diesem Jahr ihre Reise buchte, war ihr die Bedeutungsschwere des Datums gar nicht bewusst gewesen. Nun macht es Baragas Angst, dass sie ausgerechnet an diesem symbolbeladenen Datum in den Flieger nach Hause steigen muss. Sie blickt auf die Namen an der Wand – und fragt dann nach einem Kugelschreiber . „New York – wir lieben dich“, kritzelt sie darunter.

Sarah Baragas kann nicht sagen, was sie genau empfindet. Dazu ist es nicht still genug. Vielleicht wird die neue Gedenkstätte einmal der Ort für stille Besinnung sein. Ringsum aber wird New York so sein wie immer: Lärmend und betriebsam, sentimental und voll zupackender Menschlichkeit – aber ohne Raum für Kontemplation.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier 911

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