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9/11-Jahrestag Was wäre wenn...

...es die Anschläge vom 11. September 2001 in New York niemals gegeben hätte? Wie die Welt dann womöglich aussähe, erklärt Niall Ferguson von der Harvard Universität.

10.09.2011 17:04
Niall Ferguson
Trümmerräumung einen Monat nach den Anschlägen. Foto: dpa

...es die Anschläge vom 11. September 2001 in New York niemals gegeben hätte? Wie die Welt dann womöglich aussähe, erklärt Niall Ferguson von der Harvard Universität.

Wie anders sähe die Welt heute aus, wenn es kein 9/11 gegeben hätte? Was wäre, wenn die Anschlagspläne durchkreuzt worden wären oder die Attentate vermasselt? Eine Antwort liegt offensichtlich auf der Hand: Die Amerikaner würden sich wahrscheinlich deutlich weniger um den Rest der Welt kümmern als sie es heute tun.

Anfang September 2001, am Vorabend der Zerstörung, wünschten sich nur 13 Prozent der Amerikaner, dass die Vereinigten Staaten die „alleinige Führungsnation auf der Welt“ sein sollten. Und weniger als ein Drittel sprach sich für höhere Verteidigungsausgaben aus. Heutzutage sind diese Zahlen natürlich viel höher. Oder?

Falsch. Nach den jüngsten Umfragen denken heute gerade einmal zwölf Prozent der Amerikaner, dass die USA die einzige Supermacht sein sollten - das ist fast genau der Wert vom Vorabend der 9/11-Anschläge. Der Anteil der Amerikaner, die sich mehr Ausgaben für die nationale Sicherheit wünschen, ist heute auf einen Wert von 26 Prozent gefallen. Paradoxerweise scheinen die Amerikaner heute weniger Interesse an der Welt zu haben als vor dem Fall der Twin Towers.

In den vergangenen zehn Jahren haben die USA mindestens drei Regierungen in der muslimischen Welt direkt oder indirekt gestürzt. Dennoch fühlen sich die Amerikaner heute weniger mächtig als damals. 2001 glaubte gerade einmal etwas mehr als ein Viertel, dass die USA eine „unwichtigere Rolle als weltweite Führungsnation im Vergleich zu zehn Jahren zuvor“ hatten. Heute sind esi 41 Prozent.

Drei Erklärungen drängen sich auf. Erstens: In der Praxis war es schwerer als in der neokonservativen Theorie, im Ausland Macht auszuüben. Zweitens: Die Finanzkrise hat den Elan der Amerikaner gedämpft. Die dritte Möglichkeit ist: 9/11 hatte einfach keinen großen Einfluss auf die amerikanische Meinungsbildung.

Aber die Schlussfolgerung, dass 9/11 nicht viel verändert hätte, wäre ein Missverständnis des historischen Prozesses. Die Welt ist ein sehr komplexer Ort. Und schon eine kleine Veränderung im Netz der Ereignisse kann gewaltige Folgen haben. Die Schwierigkeit besteht darin, sich vorzustellen, welche Konsequenzen das gewesen sein könnten.

Also: Spielen wir ein Spiel, das jenem ähnelt, das einer meiner Freunde beim „Muzzy Lane Software“-Unternehmen gerade entwickelt. Es trägt den Arbeitstitel: „Neue Welt-Unordnung“. Das Spiel simuliert das komplexe Zusammenwirken von wirtschaftlichen, politischen und internationalen Beziehungen und ermöglicht uns, die Vergangenheit zu wiederholen.

Beginnen wir im Januar 2001: Die 9/11-Anschläge werden vereitelt, weil Condi Rice und Paul Wolfowitz den Warnungen von Richard Clarke vor Al-Kaida Glauben schenken. Das Spiel geht gut los. Al-Kaida wird präventiv enthauptet, seine Anführer werden nach verdeckten Ermittlungen hochgenommen und der Gnade ihrer Regierungen überlassen. Und Präsident Bush kann sich auf seine erste Liebe konzentrieren, Steuersenkungen.

Aber dann, drei Jahre später, gelangen die finsteren Details dieser Operation auf die erste Seite der New York Times. John Kerry, Präsidentschaftskandidat der Demokraten, prangert das „kriminelle Verhalten“ der Bush-Regierung an. Die Liberalen schäumen. Gewöhnliche Amerikaner, von 9/11 nicht betroffen, sind schockiert. Osama bin Laden lässt sich mit einer scharfen Verurteilung der USA aus seiner Gefängniszelle in Saudi-Arabien vernehmen. Das führt zu einer Welle des Volkszorns im Nahen Osten, die jedes Regime zu Fall bringt, das Washington zu nahe steht.

Islamistischer Winter statt arabischer Frühling

Die Regierung von Katar – weg. Die Regierung von Kuwait – weg. Und überdies: die Regierung von Saudi-Arabien – weg. Erwartungsgemäß sind auf allen Fernsehkanälen Experten zu sehen, die erklären, dass der fundamentalistische Schlag gegen die von den USA unterstützten Öl-Monarchien seit Jahren vorbereitet worden sei (obwohl diese Experten nicht in der Lage waren, ihn vorherzusehen). „Wer hat den Nahen Osten verloren?“, fragt Kerry und zeigt anklagend mit einem Finger auf George W. Bush. (Erinnern wir uns: Vor 9/11 setzte sich Bush für eine Verringerung des US-Engagements im Ausland ein.) Die Demokraten gewinnen die Wahlen im Jahr 2004, worauf Bin Ladens neue Islamische Republik Arabien Geiseln in der US-Botschaft in Riad nimmt …

Mit anderen Worten: Wenn die Sache vor zehn Jahren anders gelaufen wäre, wenn es kein 9/11 und keine Vergeltung und keine Invasion in Afghanistan und im Irak gegeben hätte, könnte es gut sein, dass wir eher einen islamistischen Winter als einen arabischen Frühling erleben würden.

Das Geschichtsspiel ohne 9/11 zu wiederholen, lässt ironischerweise vermuten, dass die wahre Wucht der Attentate nicht die Amerikaner traf, sondern die Heimatländer der Attentäter.

Aus dem Englischen von Damir Fras.

Wie hat der 11.September 2001 die Welt verändert? Klicken Sie sich durch die Textgalerie:

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier 911

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