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Zehn Jahre nach der Ermordung von Pim Fortuyn Hollands Kennedy-Moment

Pim Fortuyn begründete die neue Rechte in Europa. Er strich den Anti-Semitismus aus dem Programm und setzte stattdessen auf Anti-Islamismus. Vor zehn Jahren wurde der Rechtspopulist in den Niederlanden ermordet.

Pim Fortuyn wurde vor zehn Jahren ermordet. Foto: dpa

Er hatte eben noch einer Talkrunde zur anstehenden Parlamentswahl bestritten. Manche sahen in gar schon als neuen Regierungschef, so sehr hatte der Rechtspopulist Pim Fortuyn die politische Landschaft der Niederlande durcheinandergewirbelt. Doch als er am Abend des 6. Mai 2002 - am Sonntag vor zehn Jahren - das Rundfunkgebäude in Hilversum verließ, trafen ihn drei Schüsse. Tödlich. Die Niederlande standen unter Schock. Und Europa horchte auf. Der sozialdemokratische Premier Wim Kok sagte, es sei etwas kaputtgegangen im Land.

Der holländische Autor Cees Nooteboom erklärte: Fortuyns „Erfolg war nicht der Tatsache zu verdanken, dass er Dinge aussprach, die die Leute hören wollten, sondern der Umstand, dass er das Schweigen durchbrach.“ Sein Kollege Harry Mulisch fühlte sich gar an das Attentat auf John F. Kennedy erinnert - schließlich war es der erste politisch motiverte Mord in Holland seit mehr als dreihundert Jahren.

Fast jeder im Land weiß, wo er am Abend jenes 6. Mai war. Auch Meindert Fennema. Der Politikprofessor kam vom Sport nachhause, als er die Nachricht erfuhr. „Es war schrecklich. Ich war entsetzlich wütend“, sagt er. Der Täter, ein Geistesgestörter, war Tierschutzaktivist. „Die Kugel kam von links, hieß es“, erinnert sich Fennema. Der Politologe forscht an der Universität Amsterdam über Rechtspopulismus. In Fortuyn sieht er auch ein Vorreiter des neuen Populismus in Europa.

Äußerlich ein Polit-Dandy

Fortuyn, ein ehemaliger Soziologieprofessor, gab schon rein äußerlich den Polit-Dandy. Er liebte teure Anzüge und ließ sich im Jaguar chauffieren. Die politische Bühne betrat er wie es aus dem nichts - auch , weil er Themen ansprach, die mit einem Tabu belegt worden. Dem Islam erklärte er den kalten Krieg, die anderen Parteien waren schockiert. Noch mehr als seine Partei im März 2002 die Kommunalwahl in Rotterdam gewann.

Fortuyns Geheimnis? Sicherlich der Tabubruch. Mehr aber noch, er begründete eine neue Rechte in Europa. Er strich den Anti-Semitismus eines Jean-Marie Le Pen aus dem Programm, stattdessen setzte er auf Anti-Islamismus - nicht ethnisch, sondern kulturell begründete er die neue Wir-Gruppe. Zudem polemisierte er gegen Europa.

In Frankreich folgte ihm Marine Le Pen, in Holland setzt Geert Wilders sein Erbe fort. Dennoch sieht Fennema Unterschiede. „Wilders kam aus der Politik, er war ja Abgeordneter der rechtsliberalen VVD. Fortuyn aber kam aus der Anti-Politik.“ Dieser Unterschied lasse sich auch im politischen Klientel beobachten. Fennema: „Auf Fortuyns Liste standen Makler, Porno-Industrielle - eine neureiche Elite, die von der etablierten politischen Klasse nicht ernst genommen wurde.“ Wilders hingegen rekrutiere eine Kontra-Elite aus jenen, die sich sozial benachteiligt fühlten.

Ein kleines Denkmal zur Erinnerung

Fortuyns Partei LPF verschwand so schnell wie sie aufgetaucht war. Bei der Parlamentswahl neun Tage nach Fortuyns Tod erzielte sie 17 Prozent der Stimmen, der neue christdemokratische Premier Jan Peter Balkenende bot der LPF eine Koalition an, doch nach 86 Tagen war Schluss. Fortan verlor die LPF an Zustimmung, 2006 flog sie aus dem Parlament. An Fortuyn erinnert ein kleines Denkmal im Zentrum seiner Heimatstadt Rotterdam.
Sein geistiges Erbe trat Geert Wilders an. Auch seine Freiheitspartei war zuletzt in die Regierung eingebunden, auch dieses Bündnis währte nicht lange. Erste Vorkämpfer fordern nun mehr innerparteiliche Demokratie und verlassen die Fraktion. Steuert Wilders' Partei auf ihr Ende zu? Fennema glaubt dies nicht - zu stark sei die anti-europäische Stimmung. „Es gibt mehr Wähler rechts der Mitte als wir wahrhaben wollen - nicht nur in den Niederlanden“, warnt Fennema.

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