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YPG-Milizen Türkei greift Verbündete der USA an

Türkische Kampfflieger greifen Boote der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) an, weil die Kurden in Nordsyrien den Euphrat durchqueren. Die YPG-Milizen sind Verbündete der USA im Kampf gegen IS-Terroristen.

Türkische Soldaten vor der Grenzstadt Kobane. Foto: REUTERS

Die Türkei steht im Begriff, massiv in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen. Am Dienstag räumte die Regierung in Ankara erstmals einen Angriff des türkischen Militärs auf kurdische Milizen in Nordsyrien ein. Übergangsministerpräsident Ahmet Davutoglu bestätigte Berichte türkischer Medien, wonach Kampfflugzeuge der Türkei am Sonntag zwei Boote der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) unter Beschuss nahmen, die den Fluss Euphrat in westlicher Richtung durchqueren wollten. „Wir haben zweimal zugeschlagen“, sagte er im türkischen Fernsehen. Die YPG-Führung bestätigte den Vorfall nicht, sondern erklärte, dass vielmehr ihre Truppen in der Grenzstadt Tel Abiad am Wochenende mehrfach von der türkischen Armee attackiert worden seien. Ob Menschen zu Schaden kamen, wurde nicht bekannt.

Die Türkei hatte den Euphrat im Juli als „rote Linie“ für ein weiteres Vorrücken der YPG-Milizen in Syrien bezeichnet. Sollten die syrischen Kurden den Fluss in westlicher Richtung überschreiten, würden sie vom türkischen Militär angegriffen. Die islamisch-konservative AKP-Interimsregierung in Ankara befürchtet, dass an ihrer Grenze in Syrien ein zweiter De-facto-Kurdenstaat wie im Nordirak entsteht, dessen bloße Existenz separatistische Bestrebungen der Kurden in der Türkei anfachen könnte. Sie betrachtet die im syrischen Kurdengebiet regierende linke Partei der Demokratischen Union (PYD) mit der Hauptstadt Kamischli als einen Ableger der Kurdenguerilla PKK in der Türkei und bezeichnet die PYD wie die PKK als „Terroristen“.

YPG-Milizen sind Verbündete der USA

Damit steht Ankara im Konflikt mit den USA, die die PYD und ihre YPG-Milizen, denen rund 50000 militärisch trainierte Männer und Frauen angehören, als Verbündeten im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) betrachten. Während Washington die PKK ebenfalls als Terrororganisation auflistet, unterstützt die amerikanische Regierung die PYD mit Logistik, Munitionslieferungen und Luftangriffen gegen den IS; die militärischen Operationen werden in einer gemeinsamen Führungszentrale im nordirakischen Erbil koordiniert.

Mit Hilfe der US-Luftwaffe haben die YPG-Milizen im Januar die vom IS belagerte kurdische Enklave Kobane befreit und im Juni Tel Abiad erobert, wobei sie zwei ihrer drei bislang getrennten syrischen Kantone bis östlich des Euphrats territorial vereinigen konnten. Das erklärte Ziel der PYD-Regierung in Kamischli ist es, das kurdische Gebiet weiter zu arrondieren und mit der Enklave Afrin, die rund 100 Kilometer weiter westlich liegt, zu vereinigen. Das Gebiet dazwischen beherrscht der IS und zu einem kleineren Teil die oppositionelle Freie Syrische Armee (FSA). Seit die PYD neuerdings auch von Russland, das in Syrien Luftangriffe gegen regimefeindliche Rebellen fliegt, unterstützt wird, ist die Türkei aufs Höchste alarmiert. Ankara beschuldigt die PYD seit Langem, mit dem syrischen Regime von Baschar al-Assad gegen die Türkei zu konspirieren.

Die türkischen Angriffe auf die YPG erfolgen zu einem Zeitpunkt massiver innenpolitischer Spannungen vor den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag nach dem verheerenden Doppelanschlag von IS-Mitgliedern auf einen prokurdische Friedensmarsch in Ankara mit 102 Toten am 10. Oktober. „Wir haben erklärt, dass die PYD westlich des Euphrats nichts zu suchen hat und wir sie in dem Moment angreifen werden, wenn sie es tun“, sagte Regierungschef Davutoglu am Montagabend im Fernsehen, ohne weitere Details zu nennen. Die YPG-Milizen haben schon mehrfach beklagt, von der Türkei aus beschossen worden zu sein, doch hatte Ankara dies bislang nie zugegeben. Laut kurdischen Medienberichten steht die YPG gerade im Begriff, zusammen mit Einheiten der FSA die syrische IS-Hauptstadt Rakka anzugreifen.

Selahattin Demirtas, der Co-Vorsitzende der prokurdischen Linkspartei HDP in der Türkei, erklärte am Dienstag, offensichtlich wolle die Regierung den Krieg gegen die PKK auf die Kurden in Syrien ausweiten, um damit im Wahlkampf zu punkten. „Davutoglu macht stolze Erklärungen über Angriffe gegen die syrische Kurdenregion kurz vor den Wahlen“, sagte Demirtas vor Journalisten. „Das ist eine Schande.“

 

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