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WM 2022 Katar Skandal in der Fußball-Glitzerwelt

Katar, Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2022, nimmt es nicht so genau mit dem Schicksal von Gastarbeitern. Schon oft haben Menschenrechtler Alarm geschlagen - geändert hat sich nichts.

Gastarbeiter schuften 2006 im Vorfeld der Asien-Spiele auf einer Baustelle in Doha. Foto: afp

Katar ist ein Land, da bleibt einem schon manchmal der Mund offen stehen angesichts der Entwicklung. Das ist sozusagen das Markenzeichen dieses Landes“, sagt Uli Stielike. Der Ex-Bundesliga-Star kennt das kleine, superreiche Emirat am Golf, er war dort lange als Trainer. Er steuert seinen Mercedes über die Schnellstraße, vorbei an glitzernden Bürotürmen, Einkaufszentren und luxuriösen Wohnanlagen. Dazwischen: Baustellen, die bis zum Horizont zu reichen scheinen. Gleich Dutzende von Baukränen drehen sich, ziehen Lasten hinauf in den Himmel zu den Stahlbetongerippen.

Stielike war bis 2012 Teil der Fußballmaschine von Katar, angestellt im Lokal-Club al-Sailiya. „Es wird viel in den Sport investiert. Nicht nur Bauwerke entstehen, es gibt den Ehrgeiz, dass Katar auch sportlich mithalten will und dafür werden die Clubs jetzt aufgebaut und trainiert“, sagt er. Als Katar 2010 den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 bekam, galt dies als Beweis, dass im Emirat (fast) alles möglich sei. Schließlich klettern die Temperaturen im Sommer auf 50 Grad, und hohe Luftfeuchtigkeit kommt noch dazu. Mit schicken Hotels, überdachten Fußgängerzonen und luxuriösen Malls soll das ausgeglichen werden: Für die Fans soll die WM 2022 zu etwas ganz Besonderem gemacht werden. Katar ist da, wo Fußballträume wahr werden.

Oder eher Alpträume? Die Boom-Stadt Doha hat sehr wohl ihre Schattenseiten. Um diese zu finden, braucht man manchmal nur von der Hauptstraße abzubiegen. In den kleinen Gassen glitzert nichts mehr. Niedrige Baracken drängen sich aneinander. In den Höfen sind Wäscheleinen voller Arbeitskleidung gespannt. Männer in asiatischen Wickelröcken hocken auf Plastikmatten, bereiten einfache Mahlzeiten oder starren nur vor sich hin. Fremde sind hier nicht willkommen: „No photo!“, sagt einer und wedelt wild mit den Armen. Die Männer haben schon genug Probleme, mit Journalisten reden sie lieber nicht. Pete Pattisson, Reporter des britischen „Guardian“, konnte das Schweigen brechen – und nun hat die Fußballglitzerwelt ihren ersten handfesten Skandal.

Allein zwischen Anfang Juni und Anfang August sollen 44 Arbeiter aus Nepal auf Baustellen umgekommen sein. Das geht aus Papieren hervor, die Pattisson von der nepalesischen Botschaft in Katar bekam. Die meisten erlitten Herzinfarkte: schlechte Arbeitsbedingungen, Hunger und viel zu kleine Sammelunterkünfte, in denen oft 12 bis 14 Männer ohne Klimaanlage zusammengepfercht werden. Und dann ist da die Angst. Die Männer haben Arbeitsvermittlern viel Geld gezahlt, um aus ihren entlegenen Dörfern auf die Baustellen von Katar zu gelangen.

Doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wird allzu oft enttäuscht. Viele der Arbeiter, die der Reporter interviewt hat, erzählen, dass sie – als sie in Doha landeten – einen viel geringeren Lohn bekamen als der ursprünglich versprochene, und oft gibt es nicht einmal den. Mancherorts bekommen die Arbeiter noch nicht einmal genug Trinkwasser gestellt. Weg können sie auch nicht: Die Arbeitgeber nehmen ihnen die Pässe ab, ohne ihr Einverständnis können sie weder zurückreisen noch den Job wechseln. Menschenrechtsorganisationen sprechen von moderner Sklavenhaltung.

Die Fifa ist aufgeschreckt

Dass die Arbeitsbedingungen von Gastarbeitern am Golf katastrophal sind, ist nichts Neues. Das gilt nicht nur für Katar, auch auf den Großbaustellen Dubais und sogar für die Errichtung vornehmster Kunstmuseen in Abu Dhabi werden Arbeiter aus Asien ausgebeutet. Mal sind es fehlende Sicherheitsstandards, die zu zahlreichen Unfällen führen, mal ist es die schlechte und späte Bezahlung, mal kommen alles und mehr zusammen.

Verschiedentlich haben Menschenrechtsorganisationen in den letzten Jahren Alarm geschlagen und in Dubai kam es auch mehrfach zu Protesten und Streiks der Arbeiter. Groß Wirkung hatte die internationale Empörung bisher nicht. Das ist nun in Katar anders. Die Fifa, aufgeschreckt von den grausamen Bildern im Guardian, fordert das für die WM verantwortliche „Katar-2022-Komitee“, zu Sofortmaßnahmen auf. Die Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter sollen sogar Thema sein, wenn sich ab Donnerstag in Zürich das Fifa-Exekutiv-Komitee trifft. Manche Fans haben auch schon einen Boykott der WM als Druckmittel erwogen.

Das zeigt Wirkung. Die katarische Regierung und das Organisationskomitee bemühen sich, die Gemüter zu beruhigen: „Wie alle, welche die Bilder, die Videos und den Text des Guardian-Journalisten gesehen haben, sind auch wir tief erschüttert“, streute ein Sprecher des Komitees gegenüber Al-Dschasira Asche aufs Haupt: „Gesundheit, Sicherheit und das Wohlbefinden aller Arbeiter, die zum Gelingen der WM 2022 beitragen, liegen uns am Herzen.“

Bisher würden allerdings in Katar noch keine Stadien für die WM gebaut. Also könne auch noch kein Arbeiter für die WM gestorben sein. Tatsächlich geht es in dem Guardian-Bericht um die Arbeitsbedingungen in dem Riesenprojekt Lusail-City, einer ganz neuen Stadt. Dort soll später aber auch das 90.000-Zuschauer-Stadion für das WM-Finale entstehen.

Die 2022-Organisatoren stehen unter großem Druck. Die Berichte über Sklavenarbeiter auf ihren Großbaustellen sind nur einer von zahlreichen Skandalen, mit denen sie zu kämpfen haben. Vor einem Jahr kursierten Berichte, dass Katar Fifa-Mitglieder bestochen hätte, ihnen die Zustimmung zu 2022 regelrecht abgekauft hätte. Dieser Verdacht wurde nie ganz ausgeräumt, nie wirklich aufgeklärt.

Das ist nun anders. Zigtausende Gastarbeiter in Katar können hoffen. Schließlich wollen die Scheichs die WM um alles an den Golf holen. Dafür wird die Regierung in Zukunft die Rechte der Arbeiter sicherlich ernster nehmen. Und wer weiß, vielleicht könnte sogar das Sponsoren-System „Kafala“ abgeschafft werden. Bisher braucht jeder Gastarbeiter in Katar nämlich einen Einheimischen, der für ihn bürgt. Kafala leistet der modernen Sklaverei oft genug Vorschub.

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