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WM 2018 in Russland Zackig grüßt der Polizeistaat

Russland will sich während der WM von einer weltoffenen Seite präsentieren. Doch am repressiven Vorgehen gegen Andersdenkende ändert sich nichts.

Russland - St. Petersburg
Ein großes Polizeiaufgebot vor dem Stadion in Sankt Petersburg. Foto: dpa

Vergangenen Freitag wurden drei Hochschüler der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität festgenommen. Sie sollen einen WM-Wegweiser nahe des Uni-Hauptgebäudes mit dem Spruch „Keine Fan-Zone“ übermalt haben. Seit Monaten protestieren Studenten dagegen, dass eine der Fan-Zonen in der Hauptstadt auf dem Hochschulgelände eröffnet werden soll. Sie befürchten, der Lärm der Fußballfreunde werde ihr Studium stören. Die Polizei aber hat ein Strafverfahren wegen „Vandalismus“ eröffnet, den Verdächtigen drohen Gefängnisstrafen. „Obwohl der Wegweiser eher nach Sperrholz aussah als nach einem Kulturdenkmal“, wie einer der Studenten, Dmitri Petelin, dem Reportageportal meduza.io sagte.

Russlands Fußball-WM treibt eigene Blüten. „Es scheint, als wollten die Sicherheitsorgane gerade jetzt beweisen, wie tüchtig sie sind“, sagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow. Mehrere Hunderttausend Polizisten, Nationalgardisten, Geheimdienstler und Militärs werden die Stadien und Ausrichtungsstädte schützen, es hagelt Alkohol-, Grill-, Wassersport- und Kundgebungsverbote. Und Repressalien gegen Oppositionelle, in Grosny etwa sitzt Ujub Titijew, Regionalchef der Menschenrechtsorganisation Memorial, als mutmaßlicher Drogenhändler in Untersuchungshaft.

Mit Stromstößen gefoltert

In Pensa und Sankt Petersburg sollen Vernehmungsbeamte des Inlandsgeheimdienst FSB mehrere junge Antifaschistinnen mit Stromstößen gefoltert haben. Nach den Anti-Putin-Demonstrationen am 5. Mai wurden mehr als 1500 Menschen festgenommen, der Oppositionspolitiker Alexei Nawalny, sein Stabschef, seine Pressesprecherin, sowie andere enge Mitarbeiter und Regionalkoordinatoren zu mehrwöchigen Arresten verurteilt. Der Polizeistaat grüßt zackig.

Russlands Vision für diese WM hat sich seit ihrer Vergabe 2010 gewandelt. Damals hieß Russlands Nationaltrainer Guus Hiddink, seine junge Mannschaft hatte 2008 das EM-Halbfinale erreicht. Aber es folgten Pleiten in Serie. Russlands Experten sind sich einig, dass der Sbornaja jetzt die Klasse fehlt, um mehr als die Gruppenphase zu überstehen. Angesichts zweiprozentiger Siegchancen, die ihnen eine vaterländische Mathematikergruppe zugesteht, hat auch Wladimir Putin den erhofften WM-Triumph ins Außersportliche gedreht: „Sieger werden die Veranstalter sein, die dieses bemerkenswerten Fest auf würdigem Niveau organisieren.“

Für umgerechnet 13 Milliarden US-Dollar hat Russland auf jeden Fall das teuerste Fußballturnier der Geschichte organisiert. Man modernisierte 13 Flughäfen, errichtete allein in Moskau 30 Hotels, baute 7700 Kilometer Autostraßen und 2000 Kilometer Eisenbahn neu. Investitionen, die den Regionen dauerhaft nutzen. Vor allem aber richtete man zwölf WM-Stadien ein, davon acht komplette Neubauten. Allein die Sankt Petersburg-Arena mit 67 000 Plätzen kostete 800 Millionen US-Dollar, doppelt soviel wie etwa die Münchner Allianz-Arena mit 75 000 Plätzen. Diese sündhaft teure Infrastruktur, zu der auch zahlreiche Trainingszentren gehören, soll den Fußball zumindest im europäischen Russland flächendeckend beleben. Allerdings ist in Kaliningrad, Sotschi, Saransk oder Wolgograd unklar, ob die dortigen Zweitligaklubs die neuen Stadien wirklich lange füllen werden.

Und es gibt viel politischen Ärger. Das Verhältnis Russlands zum Westen hat sich seit 2010 arg verschlechtert. Damals war der junge Dmitri Medwedew Präsident, sein Land galt als auf einem leidlich guten Weg ins demokratische Lager. Aber 2012 kehrte Wladimir Putin in den Kreml zurück, es folgte die Dopingskandal-Olympiade von Sotschi, die Annexion der Krim, die Kriege in der Ostukraine und Syrien, westliche Sanktionen, mutmaßliche russische Cyber-Attacken und der Giftmordanschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergei Skripal in Großbritannien.

Danach verglich der britische Außenminister Boris Johnson Putins WM mit Hitlers Sommerspielen 1936, 60 grüne EU-Abgeordnete forderten kürzlich einen europaweiten Politikerboykott der WM, die Putin wie Olympia 2014 in Sotschi als Propaganda-Show missbrauchen wolle. Fraglich, dass etwas daraus wird: Frankreichs Präsident Emmanuelle Macron hat schon angekündigt, er wolle bei einer Finalteilnahme seiner Nationalmannschaft in Moskau dabei sein. Eine Auswahl des deutschen Bundestages soll schon am Freitag gegen die Kollegen der Staatsduma kicken, in der übrigens kein einziger demokratischer Abgeordneter mehr sitzt.

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