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WM 2018 Besser nicht anecken

Der DFB möchte politisch heikle Themen die Weltmeisterschaft betreffend elegant umschiffen.

Merkel bei der Nationlmannschaft
Bundeskanzlerin Angela Merkel unterhält sich während ihres Besuchs im Trainingslager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit Spielern. Foto: dpa

Dieser Tage saß Mats Hummels unter einem Sonnenschirm und wurde gefragt, wie er sich auf die kniffligen politischen Fragen zur bevorstehenden Weltmeisterschaft vorbereitet. Der deutsche Verteidiger gehört zu den reflektierten Fußballprofis im 23-Mann-Kader, der am Dienstag aus Frankfurt nach Moskau abhebt, gleichwohl räumte er ein: „Mein Bild von Russland ist noch extrem unausgereift.“ Hummels hat sich daher Bildungslektüre besorgt und kennt den Titel: „Es heißt ,100 Gramm Wodka“, klingt spaßig, ist aber ein ernsthaftes Buch“.

Am Abend zuvor hatte der 29 Jahre alte Münchner Spieler mit Angela Merkel im Kaminzimmer des Mannschaftshotels in Südtirol gesessen und den Worten der Kanzlerin gelauscht. „Es ging auch darum“, sagt Hummels, „ob man als Fußballprofi vielleicht mal etwas freier etwas sagen kann, ohne auf die politische Korrektheit bis ins letzte Detail zu achten.“

Politische Fragen sind elegant zu umdribbeln

Es ist so eine Sache mit der politischen Korrektheit. Das haben allen voran Hummels‘ Teamkollegen Mesut Özil und Ilkay Gündogan zuletzt zu spüren bekommen. Die einen fanden ihr Date inklusive Fototermin mit dem türkischen Präsidenten Erdogan sehr korrekt, die anderen empfanden es als äußerst unkorrekt, als deutsche Staatsbürger und deutsche Nationalspieler dem despotischen Machthaber zu huldigen. Das Thema wird im Kreis der Mannschaft zusehends als leidig empfunden. Mesut Özil, von dessen fußballerischer Klasse und Form so viel abhängt, läuft seit Tagen stumm mit einem Gesichtsausdruck herum, der Bände spricht: Politik und Sport lassen sich ganz konkret nicht voneinander trennen.

Ginge es nach Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff, dann würden die Spieler politische Fragen zum WM-Gastgeber ähnlich elegant umdribbeln wie die Gegenspieler auf dem Platz. Denn die beiden wissen, dass derartige Schlagzeilen für alle Beteiligten – siehe Gündogan und Özil – leistungshemmende Störungen nach sich ziehen.

Der Deutsche Fußball-Bund hatte deshalb schon zum Confederations Cup 2017 in Russland allen Spielern Apps eingerichtet, auf denen sie nachschauen können, wie sie auf sensible politische Fragen antworten sollten. Credo: Besser nicht anecken. Der DFB veröffentlichte zum Finale in St. Petersburg gar im Namen des damaligen Kapitäns Julian Draxler ein zweisprachiges Dankesschreiben an die lieben Gastgeber: „Die Momente mit den russischen Fans haben uns Spielern immer Spaß gemacht.“ Besonders an der Schwarzmeerküste sei es klasse gewesen: „Es schien immer die Sonne.“ Tatsächlich hatte es nach der Ankunft in Sotschi zwei Tage lang ausdauernd geregnet. Nur so ein Detail. Aber ein bezeichnendes.

Für die Bewegungen auf dem spiegelglatten politischen Parkett ist im deutschen Fußball inzwischen allein Verbandschef Reinhard Grindel als Chefdiplomat zuständig. Der 56-Jährige achtet tunlichst darauf, bei der Verbeugung vor dem Gastgeberland und seinem Präsidenten Putin den Kopf nicht in allzu tiefer Demut bis zu den Knien zu senken, so, wie es einer seiner Vorgänger aus Anlass der WM 1978 in Argentinien getan hatte. Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger stand der Militärjunta stets zu treuen Diensten. Ein Kotau, den Grindel 40 Jahre später nicht zu wiederholen getrachtet.

Der ehemalige CDU-Bundestagsmann traute sich immerhin, zum Confederations Cup den homosexuellen DFB-Botschafter für Vielfalt, Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, mit in die deutsche Delegation aufzunehmen. Russische Schwul-Lesben-Organisationen nahmen das als ermunterndes Zeichen zur Kenntnis, die russische Politik reagierte, wie zu erwarten, mit Ignoranz. Grindel betont, es sei nicht seine Aufgabe, „mit erhobenem Zeigefinger“ durchs WM-Gastgeberland zu laufen, sondern: „Wir wollen Brücken zwischen den Menschen bauen. Solche Begegnungen können die Welt verändern.“ Ob es aber gelingt, mit Unterstützung von 62 000 deutschen Fans vor Ort die russische Zivilgesellschaft zu unterwandern?

Aus Sicht der sportlichen Leitung dürfte es mit Erleichterung wahrgenommen worden sein, dass die deutsche Mannschaft laut Spielplan nicht in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, antreten muss. Dort starben im schlimmsten Stellungskampf des Zweiten Weltkrieges Hunderttausende russische und deutsche Soldaten. Ein großes Zeichen der Erinnerung wäre an historischer Stätte wohl unausweichlich gewesen. Aber es hätte die gewohnten Abläufe der Spielvorbereitung gestört.

Anlässlich der EM 2012 in Polen hatte es der DFB noch nicht mal geschafft, das gesamte Team geschlossen zu einem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz zu bewegen. Selbst ein kurzer Besuch des Kaders auf der unweit des Teamhotels in Danzig gelegenen Westerplatte kam nicht zustande. An jenen Ort, an dem die deutsche Flotte am 1. September 1939 Polen angegriffen und so den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte, begaben sich lediglich Präsidiumsmitglieder, angeführt vom damaligen Verbandschef Wolfgang Niersbach, zur Kranzniederlegung. Ein sportpolitisches Armutszeugnis, dem bald das Aus im Halbfinale gegen Italien folgte.

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