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Winfried Kretschmann wird 70 Unbeirrter Kretsch

Der mächtige Grüne Winfried Kretschmann wird 70 - und hält sich seine politische Zukunft weiter offen.

Winfried Kretschmann
Ist sein Erfolgsrezept überholt? Winfried Kretschmann. Foto: dpa

Winfried Kretschmann lässt die Zukunft offen. Auf die Frage nach seinem 70. Geburtstag an diesem Donnerstag sagte Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident zwar unlängst der „Süddeutschen Zeitung“, er wisse nicht, ob man sich darauf wirklich freuen könne. „Danach geht man ja auf die 80 zu.“ Mit Blick auf die Landtagswahl 2021 fuhr er jedoch fort: „Alle wollen, dass ich weitermache. Wenn ich gesund bin und das Gefühl habe, dass das erwünscht ist, dann besteht diese Möglichkeit durchaus.“ Der Grüne zieht also in Erwägung, noch einmal zu kandidieren. Zumindest tut er so, um Spekulationen über seine Nachfolge klein zu halten.

Tatsächlich machte Kretschmann erst Karriere in einem Alter, in dem andere bereits in den Ruhestand hinübergleiten. So wurde er 2011 der erste grüne Ministerpräsident – mit 62 und in einer grün-roten Koalition. 2016 schaffte „Kretsch“, wie ihn Freunde nennen, die noch viel größere Sensation. Er demütigte die CDU und ließ sich von ihr zum Regierungschef wählen. Spätestens seitdem strahlt der Stern des Katholiken und Altkommunisten bundesweit. Anfang 2017 hatte Kretschmann gar Chancen, Bundespräsident zu werden. Ende 2017 war er intensiv an den Gesprächen über eine Jamaika-Koalition in Berlin beteiligt; ein Gelingen hätte ihm gewiss nachhaltigen Einfluss auf der Bundesebene verschafft. Doch daraus wurde nichts.

Im Mai 2018 sieht die Sache anders aus. Zuweilen scheint es, als habe Kretschmann seinen Zenit überschritten. Jedenfalls gibt es konträre Sichtweisen auf das, was sich in seinem Land so tut und wie viel das mit ihm, dem Ministerpräsidenten, zu tun hat. Seine Kritiker ziehen eine Linie von der jüngsten Regierungskrise in Stuttgart, wo die CDU-Fraktion eine vereinbarte Wahlrechtsreform zugunsten einer stärkeren Repräsentanz von Frauen torpedierte, zur Wahlniederlage des langjährigen grünen Freiburger Oberbürgermeisters Dieter Salomon und dem Irrlichtern seines Tübinger Amtskollegen Boris Palmer. Auch Fritz Kuhn, Chef im Rathaus der Landeshauptstadt, steht unter Druck. Allen Südwest-Grünen gemein ist ein sehr realpolitischer Kurs. „Wir haben die Niederlage in Freiburg selbst verschuldet“, monieren Berliner Parteifreunde. Die Partei sei zu weit nach rechts gerückt. Das ist auf den gesamten Landesverband und damit auch auf Kretschmann gemünzt. Im Landesverband gibt es derartige Stimmen nicht minder.

Kretschmann tritt gegenüber den eigenen Leuten – gestützt auf seine Wahlsiege – vorwiegend als strenger Patriarch auf, der jede Form linken Idealismus’ als Flausen brandmarkt, die sie sich aus dem Kopf schlagen müssten. Nicht selten wirkt es, als sei die Anerkennung des bürgerlichen Lagers Kretschmann bedeutend wichtiger als die Übereinstimmung mit der eigenen Partei. Es gab nur einen Moment, in dem „Kretsch“ und seine Grünen zuletzt versöhnt wirkten – in jener Novembernacht, in der FDP-Chef Christian Lindner die Jamaika-Sondierungen platzen ließ.

Kalauer zum Geburtstag

In den Sondierungen hatten sich die Grünen als jene Verantwortungsethiker gezeigt, die Kretschmann sich wünscht. Die verantwortungslosen Gesinnungsethiker waren jetzt andere. Zwar sieht die letzte Umfrage die Südwest-Grünen bei satten 34 Prozent; Kretschmann ist unverändert beliebt. Gleichwohl scheint es, als sei sein Erfolgsrezept von gestern. In Kretschmanns Umfeld wollen sie davon indes nichts wissen. Baden-Württemberg als Ganzes sei mit dem Öko-Biotop Freiburg gar nicht zu vergleichen, verlautet von dort. Es ticke etwa im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb konservativer. Und schon 2011 sei erklärt worden, der damalige Wahlerfolg sei auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima zurückzuführen. Mit der Wahl 2016 habe sich diese Analyse endgültig als falsch erwiesen. Überdies sei Kretschmann geistig frisch und eigne sich auch neue Themen an wie etwa jenes der Digitalisierung. Das Alter sei sowieso nicht ausschlaggebend. So sei Joachim Gauck mit 77 noch Bundespräsident gewesen.

Kretschmann selbst scheint unbeirrt. Im eingangs erwähnten Interview lobte er die neuen Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck so, wie Eltern ihre Kinder loben. Ihnen zuzusehen, sei „fast schon vergnüglich für mich“ – besonders „der Wunsch, in die Mitte der Gesellschaft zu rücken“. Da war von Sorge, beim Rücken in die Mitte Profil zu verlieren, nichts zu spüren, im Gegenteil. Auch einen Kalauer hatte der Jubilar noch parat. „Geburtstag hat jede Kuh“, sagte er. „Nur 70 wird sie halt nicht.“ Bei Kretschmann ist das anders.

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