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Wikipedia-Manipulation Stille Helfer der AfD

AfD-Freund „Lukati“ tilgt negative Einträge zur Partei auf Wikipedia - und ist damit nur ein Extrembeispiel dafür, was jeder politisch engagierte Nutzer in der Enzyklopädie tut.

Wikipedia
Immerhin kann alles, was in dem Internetlexikon editiert wird, öffentlich nachvollzogen und diskutiert werden. Foto: Gary Cameron/rtr

Wenn in der Wikipedia die ehemalige Dresdner Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling von einer „Rechtspopulistin“ zur „politischen Aktivistin“ umbenannt oder im Eintrag von AfD-Politikerin Beatrix von Storch die Bezüge ihrer Verwandten zur NS-Vergangenheit getilgt werden, dann war mit einiger Wahrscheinlichkeit „Lukati“ am Werk. In einem ausführlichen Artikel zeigte der Journalist Marvin Oppong in der FR auf, wie der Wikipedia-Nutzer Einträge zur AfD systematisch von jeglichen Vorwürfen des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus befreit und damit in Verdacht gerät, bezahlte Auftragsarbeit für die Partei zu leisten, was nach den Regeln der Online-Enzyklopädie unzulässig wäre. Eine nachweisbare Verbindung lässt sich auf der Basis eines Wikipedia-Pseudonyms freilich nicht herstellen.

Genau dieser fehlende Nachweis wird Oppong jedoch in der hitzigen Diskussion über seinen Artikel auf Wikipedia vorgeworfen. Auch „Lukati“ selbst meldet sich dabei zu Wort, nachdem er sich zum Zeitpunkt der über Crowdfunding finanzierten Recherche für einige Zeit zurückgezogen hatte: „Man kann mir sicher vorwerfen, versucht zu haben (und ich habe das auch weiter vor), Artikel im Umfeld der AfD unseren Regeln entsprechend neutral und ausgewogen zu halten.“ „Neutral und ausgewogen“ bedeutet für „Lukati“ etwa, im Eintrag des AfD-Politikers Holger Arppe dessen Verhöhnung des Vaters der ermordeten Studentin in Freiburg ersatzlos zu entfernen. Mit seiner Beharrlichkeit setzt sich der Nutzer in etlichen Editierkriegen oft durch. Dabei geht er äußerst geschickt vor, tarnt ideologische Änderungen mitunter als Kürzungen oder stilistische Ausbesserungen.

Für Empörung in der Community sorgt vor allem Oppongs einleitende und zugleich abschließende Feststellung, Wikipedia sei ein „Paradies für Manipulateure“. Dabei ist diese Nachricht keineswegs neu. Als CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg 2009 Wirtschaftsminister wurde, dichtete ein Nutzer zu seinen zahlreichen anderen Namen auch „Wilhelm“ in den Eintrag hinein - mehrere Medien übernahmen den Fehler. Andere Manipulationen sind weniger harmlos: Im Jahr 2005 suggerierte der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zu John Seigenthaler über mehrere Monate hinweg eine Verbindung des US-Journalisten zu den Morden an Robert und John F. Kennedy. Im Jahr 2007 wurde die Wikipedia-Biografie des grünen Landtagsabgeordneten Tarek Al-Wazir umgeschrieben und damit der CDU-Politiker Clemens Reif entlastet, der nach der Aussage anderer Abgeordneter durch den rassistischen Zwischenruf „Geh zurück nach Sana‘a“ aufgefallen war. Mit dem „Wikiscanner“, einer Erfindung des US-Studenten Virgil Griffith, konnte die IP-Adresse des Manipulateurs in den hessischen CDU-Landesverband zurückverfolgt werden - angeblich war dort ein Praktikant am Werk.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier AfD

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