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Wende-Kinder Dritte Generation Ost

Geboren in der DDR, groß geworden im vereinigten Deutschland – eine neue Generation formiert sich, drängt ins Rampenlicht und fordert Eltern und Westler heraus. Die besondere Herkunft kann Glück oder Qual sein.

Kinder in der gerade fertig gewordenen Neubausiedlung Berlin-Marzahn, 1977. Foto: Dieter Andree

Geboren in der DDR, groß geworden im vereinigten Deutschland – eine neue Generation formiert sich, drängt ins Rampenlicht und fordert Eltern und Westler heraus. Die besondere Herkunft kann Glück oder Qual sein.

Adriana Lettrari schreckt vor Pathos nicht zurück. Sie schreibt: „Wendekinder, mögen wir lernen, uns selbst mit den Augen unserer Geschichte, der Transformation, wertschätzend zu betrachten“ und „unseren eigenen Fußabdruck in die Welt zu setzen“. Darin ist die ganze Botschaft der selbst ernannten „Dritten Generation Ost“ schon enthalten. Es geht um Selbstbewusstsein. Und es geht um Tatkraft. Es geht also um Eigenschaften, die den Klischees über die Ostdeutschen widersprechen.

„Dritte Generation Ost“ – so nennt sich die Initiative, die die 1979 in Neustrelitz geborene und in Rostock aufgewachsene Lettrari mit gegründet hat. Und so heißt auch ein soeben erschienenes Buch, in dem zu DDR-Zeiten geborene Ostdeutsche erklären, „wer wir sind, was wir wollen“. Eine Autorin ist Adriana Lettrari.

22 Jahre nach der Einheit und fast 23 Jahre nach dem Mauerfall jedenfalls prägen nicht mehr die Alten allein das Bild in den neuen Ländern. Mehr und mehr schieben sich die Jungen in den Vordergrund. Ob und wie das geschieht, hängt auch hier von der persönlichen Herkunft ab.

Zwitterwesen im neuen Deutschland

Die „Dritte Generation Ost“ ist eine Bewegung junger Ostdeutscher, die sich 2011 erstmals versammelte, um drei Tage lang über sich zu reden. Mehr als 150 junge und fast durchweg akademische Frauen und Männer der Jahrgänge 1975 bis 1985 wägten Herkunft und Zukunft. Trotz aller Verschiedenheit kamen sie dabei zu dem durchaus kühnen Schluss, etwas Besonderes zu sein. Sie erlebten als Kinder und Jugendliche die ausgehende DDR. Aber richtig groß geworden sind sie erst im neuen Deutschland. Sie sind also Zwitterwesen. Und sie sind nicht allein. Die Jahrgänge 1975 bis 1985 – das sind immerhin 2,4 Millionen Menschen.

Es blieb nicht bei dem ersten Treffen. Die „Dritte Generation Ost“ unternahm im Sommer eine gemeinsame Bustour durch die neuen Länder. Soeben brachte sie das besagte Buch heraus. Im September gab es eine öffentliche Veranstaltung in der Berliner Volksbühne. Im November soll ein weiteres Treffen folgen.

Die „Dritte Generation Ost“ wendet sich dagegen, wie heute über die Vergangenheit geredet wird – aus ihrer Sicht viel zu oberflächlich. Und sie will, dass sich die Dinge ändern. In dem Buch machen die Beteiligten deshalb drei Forderungen auf. Erstens haben sie an die eigenen Eltern den Wunsch, sich mit ihren Erinnerungen zu befassen und ihre Kinder dabei einzubeziehen. Denn: „Wer von ihnen nicht bereit ist zu erzählen, muss sich nicht wundern, wenn er oder sie am Ende mit den Ängsten und schmerzlichen Erinnerungen allein bleibt.“ Der Appell erinnert an West-Konflikte nach 1945.

Die Bonner Republik ist passé

Die zweite Forderung richtet sich an die Westdeutschen. Die sollten endlich anerkennen, „dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs auch die Selbstverständlichkeiten der alten BRD untergegangen sind. Die Bonner Republik ist passé!“ Es sei sinnlos, ihr nachzutrauern. Beide Landesteile brauchten einander. Drittens findet die „Dritte Generation Ost“, weder sie selbst noch ihre Altersgenossen im Westen dürften es sich „auf der Ost-West-Couch bequem machen“. Es gelte, hergebrachte Vorstellungen beiseite zu räumen. So sei beispielsweise der Rechtsextremismus „kein spezifisch ostdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches und europäisches Problem, dem an vielen Orten begegnet werden muss“. Diese Generation will weg von der Scham, ostdeutsch zu sein. Sie will Anerkennung. Und ein bisschen Karriere.

Adriana Lettrari – die Frau mit dem Pathos – hat es geschafft. Sie hat Politik- und Kommunikationswissenschaften studiert. Sie arbeitete als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag und promoviert in Bremen. 2009 erhielt Lettrari den Engagementpreis der Hans-Böckler-Stiftung.

In den Seelen gibt es die DDR noch

Eine ganz andere Scham als bloß die, ostdeutsch zu sein, beschreibt die Hamburger Journalistin Ruth Hoffmann in ihrem Buch „Stasi-Kinder – Aufgewachsen im Überwachungsstaat“. Es schildert, wie es war, hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter als Eltern zu haben (siehe "Auch Kinder tragen das Brandmal Stasi"). Denn es entsprach der Erwartung des Regimes, dass sich sowohl die Frauen der überwiegend männlichen Stasi-Offiziere als auch die Kinder reibungslos einpassten. Hoffmann zeigt, wie weit die Repression reichte und wie sich die Stützen des Regimes selbst einmauerten. Sie zeigt auch, dass viele Stasi-Kinder mit den Folgen ihrer Sozialisation allein fertig werden müssen.

Sie können weder Kraft schöpfen aus dem Staat, aus dem sie kamen, noch können sie sich positiv auf die eigene Familie beziehen. Vom Schwung der „Dritten Generation Ost“, in dem sich nicht selten Kinder aus Dissidenten-Haushalten bewegen, sind sie oft weit entfernt.

Die „Dritte Generation Ost“ und die „Stasi-Kinder“ belegen, wie Geschichte in den Nachgeborenen weiter wirkt. Die Mauer ist weg, die Einheit längst vollzogen. Doch die DDR ist in den Seelen immer noch da.

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