Lade Inhalte...

Wende-Generation „Die Frustration sucht ein Ventil“

Der Psychologe Jörg Frommer über psychische Leiden von Ostdeutschen und ihre politischen Konsequenzen.

AfD
Afd-Anhänger brüllen im sächsischen Torgau gegen Angela Merkel an. Foto: rtr

Herr Frommer, gibt es durch eine DDR-Vergangenheit bedingte Traumata, die sich jetzt politisch auswirken? 
Man darf den Begriff Trauma nicht inflationär verwenden. Denn dann ist ja alles traumatisch. Wer die Shoa erlebt hat oder in der DDR in Haft saß, bei dem kann das ein Trauma hinterlassen haben. Generell gilt: Wenn jemand Unrechtserfahrungen verinnerlicht, bleiben eine Empfindlichkeit zurück und die Tendenz, Neues eher negativ zu betrachten.

Wie viele Menschen im Osten betrifft das?
Das ist eine spannende Frage. Wir haben gerade einen Forschungsantrag dazu gestellt. Wir glauben, dass es mehr als 300.000 Betroffene gibt: politische Gefangene, Heimkinder in Werkhöfen, Dopinggeschädigte – und einen Verdünnungseffekt über Angehörige in die Normalbevölkerung hinein. Die Entwicklung des Westens und sein anhaltender Vorsprung sind für Ostdeutsche außerdem ein ständiger Provokationsfaktor. Wenn jemand von Magdeburg nach Stuttgart kommt, dann sieht er, dass es den Menschen dort besser geht. Das zeigen alle Daten.

Traumatisiert sind also Leute, die in der DDR unter Repressalien gelitten haben?
In einem autoritären Staat leiden alle, und zwar auch, wo sie es selbst nicht wahrnehmen. Ich würde nur nicht generell von Traumata sprechen. Gesamtdeutsch betrachtet haben 20 bis 30 Prozent der Menschen psychische Probleme. Doch unter den Frauen sind es über 30 Prozent, die explizit sagen, dass es ihnen nicht gut geht. Bei den Männern sind es weniger als 20 Prozent. Männer führen hingegen bei Sucht und Gewalt.

Kann es sein, dass Männer ihre Leiden auch politisch externalisieren, etwa indem sie zu einer Kundgebung der Kanzlerin fahren und rufen: „Merkel muss weg“? Die AfD-Wähler im Osten sind ja überwiegend männlich.
Ja natürlich, die Frustration aufgrund versagter Chancen sucht nach einem Ventil, und da ist schnell ein Schuldiger gefunden.

Und was ist mit den Wunden eines Ostdeutschen, der mit 45 arbeitslos wurde, weil die Treuhand seinen Betrieb zu Unrecht geschlossen hat, und der danach nie wieder einen regulären Job fand?
Das gab es tatsächlich, aber das ist nicht der gängige Fall von Menschen, die zu mir kommen. Auch wurden die Schwierigkeiten finanziell oft gut abgepuffert. Verstörend wirkte eher der Zwang zur plötzlichen Selbstentwicklung: Wenn ich als Mittvierziger auf einmal mein eigenes Leben gestalten muss und das nicht gelernt habe. Ich würde das aber nicht als Traumatisierung bezeichnen, sondern als weiteren Schritt in einer bereits zuvor angelegten Problematik.

Das Problem war demnach die DDR und nicht das wiedervereinigte Deutschland.
Ja, das Problem war und ist die Erziehung zur Unselbständigkeit. Deshalb wird auch der Ruf nach starken Führern laut. Neues wird als bedrohend empfunden mit der Folge, dass man sich nach Führung sehnt und ausrichtet.

Kann man an dieser Sehnsucht etwas ändern?
Ja, Menschen können das ändern. Aber es ist ein langwieriger Prozess. Denn es erfordert eine langsame Wandlung der Identität mit inneren Konflikten. Die Loyalität gegenüber der Vergangenheit nimmt dann ab, und die Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen nimmt zu. Nur wollen viele keine inneren Spannungen. Fest steht: Wenn ich dem Vergangenen gegenüber treu bleibe, dann erstarre ich. Wenn ich nicht treu bleibe, droht mir die Rolle des Verräters.

Wie viele Menschen haben Probleme mit diesem Identitätswandel?
Es betrifft vor allem Menschen, die in der DDR dem System nahe standen. Ausgenommen sind eher die, die einen weiteren Horizont hatten. Wer im Tal der Ahnungslosen ohne Westfernsehen lebte, der war der DDR natürlich viel stärker ausgeliefert. Wer sich hingegen eine bürgerliche Nische erhalten konnte, der hatte nach der Wende einen Schutzfaktor: Pfarrer, Künstler, Physiker, Mediziner, Mathematiker, Intellektuelle überhaupt und Selbstständige aller Art.

Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund all dessen das, was wir im Osten jetzt politisch erleben?
Das wird Sie verwundern: Aber wir erleben in meiner Wahrnehmung eine positive Entwicklung – von einem negativen Ausgangspunkt. Partizipatives Denken und demokratische Kultur gewinnen Raum. Und wenn Menschen demonstrieren gehen, dann kann man das auch als gutes Zeichen werten, selbst wenn sie wegen der falschen Sachen demonstrieren. Ein Problem ist allerdings: Je demokratieaffiner die Linkspartei wird, desto mehr stärkt das die AfD. Denn es gibt einen Bevölkerungsanteil, der keine Demokratiebindung hat. Der liegt im Osten bei vielleicht 20 Prozent. Aber solche Gruppen gibt es im Westen genauso. Ich würde zum Beispiel für manche Teile Bayerns meine Hand ebenfalls nicht ins Feuer legen. Das hat zu tun mit der alten deutschen Autoritätsneigung. Unser demokratisches Fundament ist nicht so stark wie etwa das in England. Theodor W. Adorno, Erich Fromm und Max Horkheimer haben den autoritären Charakter ja schon Ende der 1920er Jahre recht gut erforscht. Freiheit ist eben auch ein Risiko.

Wenn Westdeutsche sagen, der Osten habe ein besonderes Problem mit dem Rechtsextremismus: Hilft das? Oder schadet es eher, weil die Ostdeutschen das als weitere Abwertung empfinden?
Eher Letzteres. Und man kann das Problem ohnehin nicht verarbeiten, wenn man die Schuld auf den Osten schiebt. Das ist zu oberflächlich. Im Grunde hätte man im Osten nach 1989 ein Reeducation-Programm auflegen sollen, wie das die Amerikaner nach dem Krieg im Westen gemacht haben. Das wurde verschlafen. Und deshalb dauert es halt länger. Doch ich kann mich nur wiederholen: Ich sehe insgesamt einen positiven Entwicklungsprozess. Wenn es in Magdeburg immer noch so wäre wie in den 90er Jahren, dann würde ich es hier nicht aushalten. Aber die Ministerpräsidenten Reinhard Höppner, Wolfgang Böhmer und Reiner Haseloff waren und sind okay. Unter einer glaubwürdigen Landesführung hat sich langsam eine vertrauenswürdige politische Kultur entwickelt. Das sind beeindruckende Leute aus dem Osten. Ich sehe keinen Prozess der Verdüsterung. Hier in Magdeburg auf keinen Fall.

Trotz eines fast 25-prozentigen Anteils von AfD-Wählern bei der Landtagswahl?
Vielleicht hat es auch Vorteile, dass wir die latente Gefahr des Rückfalls in vordemokratische Verhältnisse so klar vor Augen geführt bekommen. Wenn die 75 Prozent Nicht-AfD-Wähler sich jetzt in Sicherheit wiegen und denken, wir haben doch politisch alles erreicht, was wir wollten, dann sind sie auf dem Holzweg. Demokratie lebt von nicht nachlassendem Engagement.

Steht die Demokratie im Osten auf der Kippe?
Diese Gefahr ist immer da: im Osten wie im Westen. Die Gefahr geht aber nicht von den AfD-Hanseln aus, sondern von dem destruktiven Erbe der Opfer- und Schuldverstrickungen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, das aus dem kollektiven Gedächtnis jeder deutschen Familie über die Generationen hinweg nur langsam verschwindet. Das waren die großen Katastrophen dieses Jahrhunderts. Und die haben Nachwirkungen bis heute.

Interview: Markus Decker

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum