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Weltmacht Die höflichen Eroberer aus China

Wer die Chinesen begreifen will, muss verstehen, wie sie auf die Welt schauen.

Peking
Service-Kräfte auf einer Konferenz zur Wiederbelebung der Seidenstraße in Peking. Foto: rtr

Seide, Namensgeber jener legendären und sagenumwobenen Handelsstraße, die vor circa 2000 Jahren den Westen (hauptsächlich Rom) mit dem Osten (hauptsächlich China) verband, steht symbolisch wie keine andere einzelne Ware für Globalisierung, Reichtum und interkulturellen Austausch. Völker der unterschiedlichsten Kulturen und Religionen trafen in den großen Handelsstädten entlang des gigantischen Netzwerkes aufeinander und tauschten neben Waren auch Ideen, Einstellungen, Philosophien und Traditionen aus. Toleranz war eine unabdingbare Voraussetzung für das friedliche Miteinander im Raum zwischen Schwarzem Meer und Zentralchina, und nicht zuletzt war es dieses Streben nach einer offenen Welt, das die Faszination der alten Seidenstraße ausmacht.

Das alte, dynastische chinesische Kaiserreich blickte dabei mit dem Selbstverständnis des damals mächtigsten Landes der Erde auf seine Handelspartner herab, ein Selbstverständnis, das sich am besten im süffisanten Lächeln seiner intriganten Höflinge spiegelte. Die Reichsherrlichkeit des kaiserlichen Chinas und der chinesischen Kaiser war unübertroffen, bestätigten doch die Berichte der Karawanengänger die Überlegenheit Chinas in allen Belangen.

Neben den wie mit feiner Seide gesponnenen Fäden der Höflingskultur, den filigranen Ausprägungen der darstellenden Kunst und den komplexen – von Armeen von Beamten verwalteten – Sozialbeziehungen und gesellschaftlichen Hierarchien, legitimiert durch die Lehren des Konfuzius, machten sich das antike Rom oder das schillernde Byzanz aus wie zerstrittene Barbarenstaaten. An dieser Ansicht hat sich bis heute wenig geändert: Demokratie erzeugt nur Langeweile und den Aufschwung gefährlicher Eliten. Hinzu kommt – damals wie heute – die schiere Größe des Reiches, die unter der Qing-Dynastie ihre größte Ausdehnung und Machtfülle erreichte. Genau da will China wieder hin.

Etwa 200 Jahre nach Christus begannen die Seewege als wichtige Handelsrouten immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Der Seeweg war schneller, sicherer und versprach höhere Profite. Mit der Schifffahrt begann der Aufstieg des europäischen Imperiums, China verlor seine zentrale Stellung in Ostasien und wurde geplündert, besetzt und gedemütigt. Im Februar 1912 dankte der letzte Kaiser von China ab. Und damit begann eine beispiellose Aufholjagd. 

Das neue China benutzt dabei alte, bewährte Muster: Das Land begriff sich immer als ein Reich, das „Alles unter dem Himmel“ erfasst. Das Zentrum des Reiches bildete der Kaiser, dem Tribut gezollt werden musste. Wer das nicht tat, war ein Barbar. Was sich dem Kaiser unterstellte, gehörte zum Reich. Und das Reich war die Welt. Auch Europa konnte in der Vorstellung Chinas Teil dieses Reiches sein, hätte es denn je Tribut gezollt. Heute zollt Europa Tribut: Kein Konzern kann ohne den chinesischen Markt wachsen.

Kaiser gibt es im heutigen China nicht mehr. Es gibt aber das Verbot, politisch zu handeln und zu denken, wie es verboten war, die „himmlische Gnade“ des Kaisers infrage zu stellen. Es gibt den Zwang, die Gesetze der Volksregierung zu befolgen und sich durch Arbeit zu neuen Menschen erziehen zu lassen, um sicherzustellen, dass sich der Einzelne unter die Organisation unterordnet. Eine Ordnung, die die Minderheit unter die Mehrheit stellt, die unteren Instanzen unter die oberen und die gesamte Partei unter das Zentralkomitee. Wer gegen diese Regeln verstößt, untergräbt die Einheit der Partei. 

China soll wieder erstarken

Ein Kaiser kann nicht gestürzt werden, so wie ein Zentralkomitee oder dessen Vorsitzender nicht entmachtet werden können. Denn dieses Zentralkomitee und sein Vorsitzender verfolgen im Interesse aller Chinesen nur das eine, eherne Ziel: China wieder zur größten Wirtschaftsmacht der Welt zu machen, die es bis ins beginnende 19. Jahrhundert schon einmal war. Dieses Ziel geht einher mit dem Selbstverständnis Chinas von der unbedingten Zentralität und Universalität seiner Kultur.

China sieht sich selbst heute nicht als ein Land von vielen, sondern nach wie vor als kaiserliches „Alles unter dem Himmel“. China soll wieder erstarken, und wenn das vorübergehend als die zentrale Welt-Kraft nicht möglich ist, dann zumindest als ‚Primus inter pares‘ im Konzert der Großmächte. Nicht mehr und nicht weniger.

Als die Akademie der Wissenschaften Ende der 1970er Jahre anfing, im Auftrag des Zentralkomitees Pläne für die wirtschaftliche Öffnung des Landes zu schmieden und umzusetzen, tat sie dies mit dem Kalkül, die führenden Industrienationen mit der schieren Größe des chinesischen Marktes und dem größten Wachstumspotenzial der industriellen Neuzeit von sich abhängig zu machen. Dieser Plan ging in weniger als 30 Jahren auf. Parallel dazu mutierte die chinesische Wirtschaft von der ‚copy-paste-Werkbank‘ der Welt und milliardenschwerem Aufkäufer von Know-how zum heute innovativsten Technologie-Star der Welt. 

In kaum einem Feld kann heute die Industrie eines anderen Landes mit der Innovations- und Umsetzungskraft Chinas mithalten. Das betrifft auch modernste Lösungen gesellschaftlicher und globaler Probleme wie Umwelt, Nachhaltigkeit und soziale Belange. Das schafft China auch ohne allzu viele Menschenrechte. Und da ist wieder das süffisante Lächeln der Höflinge zu spüren, die seelenruhig ein Großprojekt nach dem anderen der staunenden Weltöffentlichkeit als ‚made in China‘ präsentieren: die grünste Stadt, den schnellsten Zug, die sauberste Energie, den zur Zeit schnellsten Computer der Welt, die derzeit smartesten künstlichen Intelligenzen, die meisten E-Mobile und die nachhaltigste Agrarindustrie. Aber auch die effizienteste staatliche Zensur und die gründlichste Überwachung der Bevölkerung. Zur Not wird dies alles durchgesetzt mit zentralistischer Verordnung unter Androhung der Todesstrafe. 

Während sich westliche Konzernchefs an einer Shanghaier Hotelbar über das unbeholfene Chinesisch-Englisch, das ‚chinglisch‘, lustig machen, feiern ihre unterwürfig auftretenden Verhandlungspartner den nächsten Sieg. Die Westler haben in ihrer Arroganz nicht begriffen, dass sie nur eine von den Chinesen ihnen zugedachte, kleine Rolle im Masterplan des neuen China spielen dürfen, ein Masterplan, der von einer der westlichen Mentalität weit überlegenen Kraft umgesetzt wird, und der seinen Ursprung in der Tiefe der Zeit hat, und nicht nur bis zur nächsten Aktionärsversammlung halten muss – oder bis zur nächsten Wahl. 

Chinas neuer Reichtum und das industrielle Know-how erlauben der Regierung unter Xi, eine ganz neue Art von Globalisierung zu schaffen. China strebt eine Dominanz an, die ganz anderen Regeln folgt als die alternde, institutionelle Globalisierung westlichen Zuschnitts, bei der es vornehmlich um das Erschaffen neuer Märkte ging. Das Ziel Chinas ist so definiert, dass die ökonomische Weltordnung in Zukunft von Ländern und Konzernen bestimmt wird, die eng um den chinesischen Orbit kreisen. Hierfür wird bis zu eine Billion Dollar bereitgestellt – so viel, wie die USA China schulden. 

Trumps Abschottungspolitik schafft Lücken

China „muss die Globalisierung 2.0 dominieren“, zitiert die „New York Times“ Cao Wenlian, den Generaldirektor des „International Cooperation Centers“ der „National Development and Reform Commission“. Die Abschottungspolitik von US-Präsident Trump schafft genau die Lücken, in denen das Land nun seinen Einfluss in der Welt ausbauen und konsolidieren kann. Ein politisches Geschenk für die Kaiserreichsherrlichkeit der chinesischen Führung. 

Politisch ist China erst bei seinen ersten, zaghaften Schritten auf dem internationalen Parkett. Es läge der chinesischen Mentalität mit ihrem Überlegenheitsnimbus nichts ferner, als das neugewonnene Gewicht allzu sichtbar auf der internationalen politischen Bühne – etwa bei UN-Debatten – zur Schau zu stellen. Man regelt in China die Dinge zielstrebig und sehr erfolgreich mit den eigenen Methoden.

Warum also riskieren, dass die eigenen Werte-Paradigmen von Vertretern „unterlegener Staaten“ diskutiert oder gar infrage gestellt werden, und damit der künftige Herrschaftsanspruch auf der Weltbühne in Gefahr gerät? Nein, der feuerspeiende Drache geht mit samtenen Handschuhen und höflichem Lächeln auf jede Cocktailparty im diplomatischen Viertel mit dem Wissen, dass er mit einem einzigen Hieb seiner bereits sehr kräftigen Klauen für klare Verhältnisse sorgen könnte. 

Die Firmenbosse, Banker und Regierungsvertreter auf allen Ebenen seien daran erinnert, dass die Diplomatie als Kunstform gesellschaftlicher Machtausübung, auch in ihrer allermeisterhaftesten Ausprägung, in den Reflexen chinesischer Unterhändler von heute schlummert. Es sind bewährte Reflexe, die schon seit Tausenden von Jahren dazu dienen, das einst größte Reich der Welt, diesen – bis heute – extrem widersprüchlichen Vielvölkerstaat, zu einen, erfolgreich zu regieren und wieder zu alter Größe zu bringen: als modernes, neo-kaiserliches China. Wer China regieren kann, kann alles regieren, „Alles unter dem Himmel“. Und da gibt es – aus chinesischer Sicht – rein gar nichts zu verhandeln.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier China

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