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Wehrpflicht Freiwillig dienen

Für unseren Autor war der Zivildienst eine der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens. Doch einen Zwang zur Dienstpflicht lehnt er ab. Eine Kolumne.

Zivildienst
Der Zivildienst war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens, stellt unser Autor fest. Foto: imago

Es gibt Momente, die man nie mehr vergisst. Plötzlich legte Sascha – dieser oft störrische, abweisende Jugendliche – seinen Arm um mich. Er zog mich nah an sich heran. In einer Mischung aus Flüstern und Stammeln sagte er: „Du bist mein bester Freund.“ Das war am letzten Tag meines Zivildienstes. Der Zivildienst war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Zwischen Abitur und Studium, zwischen der Jagd nach guten Noten und nach zukunftsträchtigen Praktika eine Zeitlang für andere da zu sein, hat mir gut getan. Dennoch tut sich in mir großer Widerwille auf, wenn CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer heute eine allgemeine Dienstpflicht vorschlägt.

Lassen wir großzügig beiseite, dass Kramp-Karrenbauer eines genau weiß: Für ein solches Projekt gibt es derzeit keine politische Mehrheit. Die Generalsekretärin will mit ihrem Vorstoß den Konservativen in der CDU das Gefühl geben, die von Angela Merkel weit in die politische Mitte geführte Partei sei noch immer ihr Zuhause. Es geht Kramp-Karrenbauer um innerparteilichen Geländegewinn, um sonst nichts. Sonst hätte sie ihren Vorstoß nicht im Sommer gemacht, sondern im laufenden parlamentarischen Betrieb. Trotzdem ist es ja – jenseits solcher parteitaktischer Überlegungen – nicht verboten, die Fragen zu stellen: Wäre es nicht sinnvoll, wenn jeder sich eine Zeitlang für unser Land und andere Menschen engagieren würde? Und ihnen, im tatsächlichen Wortsinn, dient? Ließe sich so nicht auch manche Lücke im Sozialsystem schließen?

Ich habe in meinem Zivildienst 13 Monate lang in einem Internat für Gehörlose und Schwerhörige gearbeitet. Ich habe, so gut es ging, Gebärdensprache gelernt. Ich habe den Jugendlichen bei den Hausaufgaben geholfen, für sie Freizeitangebote organisiert und im Internat Nachtschichten geschoben. Im Alltag habe ich mit ihnen rumgealbert, Fußball gespielt, sie aber auch mal in den Arm genommen, wenn sie einen schlechten Tag hatten. Wenn kein Erzieher da war, musste ich auch klare Ansagen machen.

Die Jugendlichen hatten gern einen Ansprechpartner, der nicht gleich 20 Jahre älter war als sie. Ich bin ein ganzes Stück erwachsener geworden. Beide Seiten hatten etwas von meinem Zivildienst. Warum also sollte der Staat eine solche Win-win-Situation nicht wieder zum Gesetz erheben? Der Grund ist einfach. Die Dienstpflicht – oder, deutlicher ausgedrückt, der Zwangsdienst – ist ein großer Eingriff in die Grundrechte des Einzelnen. Damit ist gar nicht mal in erster Linie gemeint, dass Generationen von jungen Männern mit heruntergelassener Unterhose vor Musterungsärzten standen und sich fragten, was das eigentlich mit ihrer Wehrtauglichkeit zu tun hat. In einer freien Gesellschaft sollte jeder das tun dürfen, was er möchte – im Rahmen der geltenden Gesetze und ohne dabei anderen zu schaden. Ein junger Mensch sollte die Möglichkeit haben, einen Freiwilligendienst abzuleisten. Er sollte aber genauso die Wahl haben, direkt nach der Schule mit Studium oder Ausbildung anzufangen. Oder mit dem Rucksack durch Lateinamerika zu ziehen.

Der Eingriff in die Freiheit bedarf einer besonderen Begründung. Die gab es bei der Wehrpflicht zu Zeiten des Kalten Krieges. Schon als ich vor 20 Jahren Zivildienst gemacht habe, lag diese Rechtfertigung nicht mehr vor. Verteidigungsminister war zu meinem Dienstbeginn übrigens ein gewisser Volker Rühe (CDU), der heute sagt: „700 000 Jungen und Mädchen zwangszuverpflichten“, das gehe rechtlich nicht an und löse auch die Probleme der Bundeswehr nicht. Es wäre schön, er hätte das früher kapiert.

Heute braucht Deutschland eine überschaubar große, aber hervorragend ausgerüstete und ausgebildete Armee, um seinen internationalen Verpflichtungen nachzukommen. Die Rückkehr der Wehrpflicht wäre sicherlich ein geeignetes Mittel, um – wie von US-Präsident Donald Trump gewünscht – den Anteil der deutschen Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt hochzutreiben. Nur: Militärisch in der Nato besser aufgestellt wäre Deutschland damit nicht.

Und was ist mit der allgemeinen Dienstpflicht, die vor allem sozialen Einrichtungen zugute kommen könnte? Dass Jobs in der Pflege zu schlecht bezahlt werden und es deshalb an Personal fehlt, rechtfertigt noch keinen Grundrechtseingriff. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass soziale Arbeit noch niemandem geschadet hat. Wer so argumentiert, könnte auch eine Dienstpflicht für rüstige Rentner fordern. Das käme halt nur in einer immer älteren Wählerschaft nicht so gut an wie ein Zwangsdienst für junge Erwachsene. Die Bundesregierung muss dringend helfen, die Bedingungen für Arbeitnehmer in sozialen Berufen zu verbessern. Und sie sollte Freiwilligendienste und das Ehrenamt für Menschen jeden Alters attraktiver machen.

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