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Wehrmachtsverbrechen Verdächtiger nimmt sich das Leben

Ein ehemaliger Wehrmachtsangehöriger aus dem hessischen Langen hat sich nach Berichten über eine mögliche Verstrickung in Kriegsverbrechen umgebracht. Der FR schilderte er zuvor seine Version des Massakers von Bassano.

26.09.2008 00:09
Karl Tausch schilderte der FR ausführlich seine Version des Massakers in Bassano. Foto: Arnold

Karl Tausch hat sich am Donnerstag das Leben genommen. Der 85-Jährige aus dem hessischen Langen stand unter dem Verdacht, vor 64 Jahren das Massaker von Bassano del Grappa ausgeführt zu haben. Am 26. September 1944 ermordete die Wehrmacht in dem norditalienischen Ort 31 Jugendliche.

Tausch hat den Vorwurf eines italienischen Journalisten, er sei der Henker von Bassano del Grappa, stets abgestritten. Auch sein Abschiedsbrief enthält kein Schuldgeständnis. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Darmstadt gestern auf Nachfrage.

Der FR-Bericht vom Donnerstag schilderte die Vorwürfe und ließ Tausch ausführlich dazu Stellung nehmen. Der Text erschien wenige Stunden vor seinem Tod. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft erwähnt Tausch den Bericht in seinem Abschiedsbrief. Er schreibe der FR jedoch keine Schuld an seinem Freitod zu. Tausch macht laut Staatsanwaltschaft italienische Presseberichte als "Urheber der Hetze" verantwortlich.

Tausch fühlte sich in den vergangenen Wochen von italienischen Bürgern in Langen geschnitten. Er beklagte sich über Mobbing. Nachts seien ihm angeblich Gegenstände an den Rollladen geworfen worden. Anfang dieser Woche seien ihm zwei Kinder hinterhergelaufen und hätten ihn gewarnt: "Freu dich auf Freitag." Der gestrige Freitag war Jahrestag des Massakers.Tausch fürchtete Mahnwachen vor seinem Haus. Der FR sagte er, er werde deshalb am Freitag nicht "da sein". Auf die Frage, wo er den Tag verbringen wolle, antwortete er ausweichend.

Tausch hat keine nahen Verwandten. Seine Frau ist schon vor ein paar Jahren gestorben. Er hat sie anonym beerdigen lassen. Auch Tausch wünschte für sich ein anonymes Begräbnis.

Karl Tausch wäre in zwei Wochen 86 Jahre alt geworden. Er wurde am 9. Oktober 1922 im tschechischen Olmütz geboren. Nach dem Krieg verurteilte ihn das Volksgericht Brünn (Brno) wegen Kollaboration zu 20 Jahren Haft. Nach sieben Jahren Lagerarbeit in den Bergwerken von Ostrava kam er frei, siedelte 1955 nach Deutschland über. Hier lernte er seine spätere Frau kennen. Er arbeitete drei Jahre als Kriminalpolizist in Ludwigshafen am Rhein.

Dann zog Tausch nach Langen und ließ sich zum Programmierer ausbilden. Er stieg schnell auf und bildete bei verschiedenen Firmen EDV-Spezialisten im In- und Ausland aus.

Seine Kriegsvergangenheit aber ließ ihn nie los. Im Prozess gegen den SS-Untersturmführer Josef Feuchtinger in Wien sagte Tausch 1963 vor dem Amtsgericht Frankfurt aus. Er reiste eigenen Angaben zufolge nach dem Krieg insgesamt 16 Mal nach Italien, wo er in den Hotels stets seinen Namen angab. Er besuchte die Orte seines Kriegsaufenthalts, darunter auch Bassano del Grappa, und wollte sich dort mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen.

Als ihn die FR Anfang August mit den Vorwürfen der Italiener konfrontierte, wirkte Tausch gefasst und vorbereitet. Er erzählte bereitwillig seine Kriegserlebnisse und legte unzählige Dokumente vor, die er über Jahre aufgehoben hatte und die seine Unschuld beweisen sollten. Tausch engagierte sich sehr und hoffte auf eine Berichterstattung, die auch seinen Standpunkt wiedergibt. Er stellte eine Selbstanzeige, in der er seine Schuld bestreitet und zur Aufklärung drängt.

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt erklärte auf Anfrage der FR, dass sie das Verfahren nach dem Tod Tauschs voraussichtlich einstellen werde. (fr)

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