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Wehrmachts-Verbrechen Unter Verdacht

Das Massaker von Bassano del Grappa am 26. September 1944 ist bis heute nicht aufgeklärt. Italiener halten den Deutschen Karl Tausch für schuldig. Der bestreitet das. Der FR erzählt er seine Geschichte.

25.09.2008 00:09
SEBASTIAN WEISSGERBER
Langen, Bild 17 von x
Die Vergangenheit hat den alten Mann eingeholt. Es scheint, als habe sich Karl Tausch auf diesen Fall vorbereitet. Foto: FR / Arnold

Den ganzen Morgen schon beobachtet Paolo Tessadri das Reihenhaus von Karl Tausch im südhessischen Langen. Er späht durch die Fenster und macht sich Notizen. Tessadri sieht, dass Tausch eine Haushälterin hat, dass sein Garten gepflegt ist und an der Eingangstür eine kleine Hexe aus rotem Stoff hängt, vermutlich ein Glücksbringer. Jetzt braucht der Journalist aus Italien nur noch Bilder.

Als Tausch seinen Müll rausbringt, richtet Tessadri seinen Fotoapparat auf ihn. Ob er eine Genehmigung habe, will Tausch wissen und versucht, dem Unbekannten die Kamera zu entreißen. Es kommt zum Gerangel. "Er stößt, er drückt, reißt mit Gewalt an der Jacke. Hätte er etwas in der Hand, würde er es gegen uns benutzen", wird Paolo Tessadri in dem Artikel schreiben, der Ende Juli im italienischen Magazin L'espresso erscheint. Die Überschrift lautet: "Hier ist der Henker von Bassano".

Tessadri glaubt, er habe ihn gefunden, den Mann, der am 26. September 1944 im norditalienischen Bassano del Grappa 31 Jugendliche ermordet hat. Der Präsident von Venetien lobt den Journalisten öffentlich für die Recherche.

Das Massaker von Bassano del Grappa hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Venetianer eingegraben. Die deutsche Wehrmacht tötete während der Operation Piave rund um den Monte Grappa in den Tagen vom 20. bis 28. September 1944 im Kampf gegen Partisanen 264 Menschen. Eigentlich hatte die deutsche Soldateska in jedem Dorf 30 Widerstandskämpfer öffentlich hinrichten wollen. Doch die meisten konnten fliehen. Der SS-Obersturmführer Herbert Andorfer ersann daraufhin einen teuflischen Plan. Auf Plakaten versprach er jedem Mann das Leben, der sich freiwillig zur Flak oder zur Zwangsarbeiterorganisation Todt meldete. Eltern überredeten ihre Söhne, sich zu stellen, weil sie hofften, sie so zu retten - und lieferten sie ihren Henkern aus, die schließlich die 31 Jugendlichen folterten und erdrosselten.

Karl Tausch ist ein alter Mann, in wenigen Tagen wird er 86. Er geht gebeugt, aber seine hellblauen Augen wirken immer noch hellwach. Tausch hat nach dem Krieg bei der Kriminalpolizei gearbeitet und später für große Unternehmen EDV-Leute ausgebildet. Er spricht Italienisch, Tschechisch und Englisch.

Zu unserem ersten Gespräch mit Tausch bringen wir den Tessadri-Artikel aus L'espresso mit. Er kannte ihn nicht. Jetzt erst verstehe er, sagt Tausch, was Tessadri von ihm wollte. "Wieso hat er mich denn nicht gefragt, dann hätte ich ihm alles erklären können?" Tessadri hingegen sagt, Tausch hätte ein Gespräch verweigert.

Für den italienischen Journalisten liegen die Dinge klar. Kurz vor seinem Tod hat der ehemalige Bürgermeister von Bassano, Quirino Borin, in seinen Memoiren den Täter genannt. In der gedruckten Version heißt es, der Henker sei "ein Tschechoslowake mit dem Namen Thaus". Die italienische Historikerin Sonia Residori erklärt, es sei Tausch gemeint. Die handschriftliche Originalversion sei unleserlich. Tessadri schreibt: "Der Henker Tausch koordiniert die Hinrichtung."

Tausch bestreitet das. Er sei nicht an dem Massaker beteiligt gewesen. Aber er reagiert gefasst auf die Vorwürfe. Es scheint, als habe er sich lange auf diesen Tag vorbereitet. Er hat Unmengen an Briefen, Wehrdienstbescheinigungen, alten Fotos aufgehoben. Sie sollen beweisen, was er in Italien gemacht hat und was nicht. "Schmeiß es doch endlich weg, wofür brauchst Du das Kriegszeug denn noch?", hat seine Frau immer gefragt. "Irgendwann werde ich es brauchen", hat Tausch geantwortet. Der FR erzählt er seine Geschichte.

Von dem Massaker habe er zum ersten Mal erfahren, als er Anfang der 70er Jahre die Gedenktafel an das Verbrechen in Bassano las. Insgesamt reist Tausch nach Kriegsende 16 Mal nach Italien und geht dort seiner Vergangenheit nach. Er fährt mit dem Auto den Weg seiner versuchten Desertation im Dezember 1943 ab; er betritt die Bäckerei in Loreto Aprutino, in der ihn die Verkäuferin an die Wehrmacht verriet; er steht vor dem Gefängnis in Verona, in dem er nach seiner Flucht drei Monate inhaftiert war. Und er nimmt sich ein Zimmer im Hotel auf dem Monte Grappa. Dort erschossen SS-Männer etwa zehn Partisanen. Andere Verhaftete hatte Tausch als Dolmetscher vernommen.

Tausch, am 6. Oktober 1922 im tschechischen Olmütz geboren, beginnt seinen Wehrdienst im Mai 1943. Er wird bei der Schutzpolizei zum Funker ausgebildet. Im September 1943 kommt er nach Norditalien und soll dort Funksprüche der Partisanen und Alliierten abhören. Doch Tausch, der schon vor seinem Einzug zur Wehrmacht zu seinem Onkel in die USA hatte fliehen wollen, versucht erneut zu desertieren. In Zivilkleidung läuft er gut 80 Kilometer, wird aber nach dem Verrat in der Bäckerei von den Deutschen festgenommen.

Auf Fahnenflucht steht die Todesstrafe. Ein deutscher Fabrikant aus Budweis, dessen Sohn er vor dem Krieg Tschechisch beigebracht hatte, setzt sich für Tausch ein. Nach drei Monaten Haft kommt er auf Bewährung frei und unterschreibt, dass seine Mutter und Schwester ihren Kopf für ihn hinhalten, sollte er noch mal türmen.

Als Spion soll er fortan Partisanen ausfindig machen. "Ab diesem Tag habe ich mich schuldig gemacht", sagt Tausch heute. "Ab diesem Tag habe ich mit den Deutschen kollaboriert." Sein erster Auftrag führt ihn zum Monte Grappa, in den Ort, in dem fünf Monate später das Massaker passieren wird, nach Bassano del Grappa also am Fuße des Berges. Dort trifft Tausch den italienischen Offizier Alfredo Perillo. Der wird nach Kriegsende aussagen, SS-Obersturmführer Herbert Andorfer habe das Massaker befohlen. Den ausführenden Täter wird Perillo nicht nennen. Andorfer war vor seinem Kommando in Norditalien Leiter des Konzentrationslagers Sajmiste in Belgrad und ließ dort 7500 Juden vergasen.

Doch bis Tausch auf Andorfer trifft, werden noch drei Monate vergehen. Tausch mischt sich in Norditalien unter die Bevölkerung. Er verfolgt seinem Auftrag gemäß Einheiten der Partisanen, versucht Funker zu orten oder die Fischer auszumachen, die flüchtige Engländer nach Korsika bringen.

Andorfer lernt er nach eigener Aussage schließlich bei seinem vorletzter Auftrag kennen. Es ist der 16. Juli 1944. Tausch hat einige Tage in Bardi verbracht. In dem Ort im nördlichen Apennin haben sich etwa 200 Partisanen niedergelassen. Im Hauptquartier der deutschen Luftwaffe in Salsomaggiore erstattet er Andorfer Bericht. Tausch erklärt, dass die Partisanen vor der anrückenden Wehrmacht aus dem Dorf geflohen seien. Andorfer fährt tags drauf mit Tausch und zwei SS-Leuten in das verlassene Dorf. Bardi fällt kampflos. So erzählt es Tausch.

Andorfers Schilderung - sie findet sich im Bundesarchiv in Berlin - liest sich anders. "Es ist im wesentlichen seinen (Tauschs, d.Red.) Meldungen zu verdanken, daß der Hauptsitz der Banden richtig erkannt und niedergekämpft wurde. Er hat an dem Sturm auf Bardi teilgenommen, die noch vorhandenen Banditen trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit niedergekämpft." Durch Andorfers Bericht werden die italienischen Historiker später zum erstenmal auf Tausch stoßen.

Andorfer kann Tausch am Grappa-Massiv gebrauchen, er will ihn die Gegend nach Funkstationen durchsuchen lassen. Im August 1944 wird Tausch dem Kommando Andorfer zugeteilt. Dort untersteht er dem SS-Untersturmführer Josef Feuchtinger in der Ortschaft Roncegno. Am 20. September beginnt die Operation Piave. Ihr Ziel ist die Vernichtung der Partisanen auf dem Grappa-Massiv.

Unter Führung des Kommandos Andorfer haben deutsche Wehrmachtsverbände, ein Regiment der italienischen faschistischen Jugendorganisation Fiamme Bianche (Weiße Flamme) und die russische Befreiungsarmee des sowjetischen Überläufers Andrei Andrejewitsch Wlassow das Grappa-Massiv umstellt. Trotzdem können die meisten Partisanen entkommen. Nur die Verletzten bleiben zurück. Von den insgesamt 264 getöteten Menschen sterben nur 30 im Gefecht.

Am dritten Tag der Schlacht wird Tausch auf dem Monte Grappa einquartiert. Dort verhört er als Dolmetscher Partisanen, die später inhaftiert werden. Andorfer ist nicht mit auf dem Berg. Der 26. September kommt, der Tag des Massakers in Bassano del Grappa am Fuße des Berges. Tausch sagt, er sei bis zum 28. September auf dem Berg gewesen, 20 Kilometer von Bassano entfernt. "Die Verbindungsstraße war zerstört, da hätten wir nicht fahren können." Es gebe einen Beweis, dass er auf dem Berg war, sagt Tausch. Ein unscharfes Schwarz-Weiß-Bild, abgedruckt im Buch "storia della resistenza" von Pietro Secchia und Filippo Frassati. In dem Buch sind weder ein genaues Datum noch der Fotograf, noch die Personen genannt. Tausch deutet auf den Mann im Hintergrund: "Der ohne SS-Runen auf der Uniform", das sei er und beschreibt die Szene: Der Mann vorne ist ein Deutscher namens Friedrich. Er war desertiert und hatte eine Partisanin geheiratet. Vor seiner Erschießung bittet Friedrich, ein letztes Mal seine Frau sehen zu dürfen. "Das ist nicht möglich", sagt ein SS-Mann. Sie ist schon tot. Auch Tausch weiß das, als er Friedrich eine letzte Zigarette anbietet.

Nach der Operation Piave wird Tausch als Übersetzer in Castel Tessino gebraucht. Erst Mitte Oktober 1944 kommt er wieder nach Bassano, wo er ebenfalls dolmetscht. Es ist das erste Mal seit seinem Spionageauftrag im April, dass er einen Fuß in den Ort setzt. So versichert es Tausch.

Der Journalist Tessadri sowie die Historiker Sonia Residori, Lorenzo Capovilla und Federico Maistrello sehen das anders. "Andorfer gab den Befehl und Tausch vollzog die Arbeit des Todes", sagt Residori der FR. Ob Tausch tatsächlich der Mörder sei, müsse die Justiz klären, fügt die italienische Wissenschaftlerin hinzu. Tessadri sagt, nicht nur die Memoiren des Bürgermeisters würden die Schuld Tauschs belegen. "Es tauchen gerade neue Dokumente und Zeugenaussagen gegen Tausch auf." Er belastet Tausch eines weiteren Mordes: "Tausch hat eine wahre Leidenschaft für das Morden. Am 5. Januar 1945 nimmt er ebenfalls in Vincento an der Ermordung von drei Personen teil, dieses Mal handelt es sich um Partisanen." Tausch sagt, zu dieser Zeit sei er schon wieder in seiner Heimat gewesen.

Karl Tausch wird am 14. April 1947 in Brünn wegen Kollaboration mit den Deutschen zu 20 Jahren Haft verurteilt. 1954 kommt er frei und siedelt ein Jahr drauf nach Deutschland über.

Anfang 1969 wird Herbert Andorfer wegen Beihilfe zum Mord an Juden im KZ Sajmiste zu 30 Monaten Haft verurteilt.

Seit Ende Juli 2008 ermittelt die Militärstaatsanwaltschaft Verona im Fall des Massakers von Bassano.

Am 23. August stellt Tausch bei der Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg Selbstanzeige im Zusammenhang mit dem Massaker von Bassano. Ludwigsburg hat in der vergangenen Woche nach Vorermittlungen den Fall an die Staatsanwaltschaft Darmstadt abgegeben.

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