Lade Inhalte...

Wasserstreit Irak fürchtet die große Dürre

Die Türkei befüllt das neue Tigris-Staubecken und gräbt dem Nachbarland das Wasser ab.

Bagdad
Im Tigris waten statt baden: Der niedrige Wasserstand des Tigris erschreckt die Iraker. Foto: rtr

Während die Gebetsrufe wie üblich das abendliche Fastenbrechen im Ramadan verkündeten, versetzte dieser Tage ein ungewöhnliches Schauspiel die Bewohner von Bagdad in Panik. In der Dämmerung wateten junge Männer quer durch den breiten Tigris, das Wasser ging ihnen höchstens noch bis zu den Oberschenkeln. Noch nie in den letzten hundert Jahren war der weltbekannte Strom so niedrig, berichteten die Leute entsetzt.

Und so trat am Wochenende eilends der Nationale Sicherheitsrat in Bagdad zu einer Krisensitzung zusammen. Denn anders als vereinbart, begann die Türkei bereits am 1. Juni, das umstrittene Illisu-Staubecken nördlich der irakischen Grenze zu befüllen. Mindestens ein Jahr soll die Drosselung dauern, die dem Tigris nach Schätzungen von Fachleuten bis zu 40 Prozent seiner Wassermenge entzieht. Am Donnerstag jedoch machte die Türkei dann einen kleinen Rückzieher, ließ die Schleuse wieder öffnen und nannte nun den 1. Juli als neues Fülldatum. Dies geschehe aus Rücksicht auf den heiligen Fastenmonat Ramadan, hieß es dazu in Ankara.

Denn die Bauern im Zweistromland fürchten um ihre Existenz – zumal sie die heißen Sommermonate noch vor sich haben. Auch dem Ökosystem der mesopotamischen Marschen im Südirak, welche die Unesco 2016 zum Weltkulturerbe erklärte, droht der Kollaps. Weite Sumpfregionen werden wohl austrocknen, zahllose Büffelzüchter müssen aufgeben, befürchtet Jassim Al-Asadi, Direktor von „Nature Iraq“. „Wir sind völlig ratlos, es gibt keine Lösung“, sagt der Wasserexperte, der selbst als Kind noch in den Marschen aufwuchs.

Das Drama um das Tigris-Wasser ist im Nahen und Mittleren Osten keineswegs ein Einzelfall. Auch um den Zwillingsstrom Euphrat streiten sich seit Jahrzehnten die Türkei, Syrien und der Irak. Der Nil entzweit Äthiopien und Ägypten, der Jordan Israel und Jordanien, der Karoun Iran und Irak. Im gesamten Orient fehle es an verbindlichen Vereinbarungen, um die Nutzung von grenzüberschreitenden Flüssen zu regeln, erklärte der Nasa-Wasserspezialist Jay Famiglietti. Stattdessen agieren alle Nationen auf eigene Rechnung, was die Staaten an den Unterläufen erpressbar macht.

Wasserminister wiegelt ab

Mit mehr als 25 Dämmen, von denen sich die meisten in der Türkei befinden, gehören Euphrat und Tigris zu den am häufigsten gestauten Flüssen des Globus. Die Atatürk-Barriere am Euphrat ist mit ihrem Volumen von 48 Kubikkilometern etwa so groß wie der Bodensee. Das jetzt fertiggestellte Illisu-Staubecken am Tigris gehört mit elf Kubikkilometern ebenfalls zu den Giganten der Region.

Trotzdem versuchte der irakische Wasserminister, Hassan Al-Janabi, seine aufgewühlten Landsleute zu beruhigen. Die Regierung habe die Krise unter Kontrolle, erklärte er. Es drohe keine Dürre, Wasser gebe es genug, wenn auch derzeit für die Landwirtschaft nur die Hälfte der üblichen Menge. Zudem hätte die türkische Seite zugesagt, höchstens 25 Prozent aus dem Tigris abzuzweigen, in den Augen Al-Janabis ein „fairer Deal“.

Auch der türkische Botschafter in Bagdad bemühte sich, die Wogen zu glätten. Man werde sicherstellen, dass genügend Wasser über die Grenze fließe, schwor Fatih Yildiz. Gleichzeitig aber bestritt er ausdrücklich, es gebe eine 25-Prozent-Vereinbarung zur Füllmenge, wie von irakischer Seite behauptet.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen