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Wassermangel Gaza-Stadt Gaza sitzt auf dem Trockenen

Für die 1,8 Millionen Palästinenser in der Enklave am Mittelmeer wird Trinkwasser immer mehr zum Luxus. Die Wassernot ist katastrophal.

Fischer aus Gaza reinigen ihre Fangbehälter. Dafür eignet sich das Salzwasser des Mittelmeers. Foto: rtr

Zur Al-Susi-Moschee kommen die Menschen nicht nur zum Beten. Sie stillt auch den Durst bedürftiger Familien aus dem Schati-Camp, dem palästinensischen Flüchtlingslager am Strand von Gaza-City. Viele schicken ihre Kinder vor, wenn der Hausmeister der Moschee jeden Morgen und jeden Nachmittag für zwei Stunden den Blechkasten aufschließt, der vier Wasserhähne abdeckt. Schnell bildet sich dann ein Gedränge, um möglichst viele der mitgebrachten Plastikflaschen und Kanister zu füllen. Hier gibt es Trinkwasser für umsonst. Es kommt aus einem 20 Meter tiefen Brunnen und hat nicht die beste Qualität. Der Grundwasserspeicher unter dem Küstenstreifen ist derart überpumpt, dass fast überall Meerwasser einsickert. Eine primitive Filteranlage sorgt dafür, dass das Wasser an dieser freien Ausgabestelle zumindest genießbar ist – im Unterschied zu dem, was aus den Leitungen der Stadtverwaltung fließt und nur zum Waschen und für die Klospülung taugt.

Mehrere hundert solcher Entsalzungsanlagen gibt es im Gazastreifen, die meisten befinden sich in privater Hand. Ohne sie wäre die Versorgung längst zusammengebrochen. Abu Mohammed Hanif gehört zu jenen, die mehr schlecht als recht davon leben. Er zapft das Grundwasser unter seinem sechsgeschossigen Wohnhaus an und pumpt es mittels eines Dieselmotors hoch in riesige Behälter auf dem Dach. Über einen herabbaumelnden Schlauch wird es dann in Tanklaster gefüllt, die das Schati-Camp beliefern. Einen Schekel, gut 20 Cent, kosten 20 Liter. „Klar“, sagt Hanif, „auch mein Brunnenwasser ist brackig; wäre es das nicht, bekäme ich keine Förderlizenz.“ Das bisschen Süßwasser, das es noch gebe, beanspruchten die Behörden für sich. Aber weil Hanif das Wasser, das er verkauft, vorher filtert, geht es als noch trinkbar durch.

Die Wassernot ist katastrophal. Das unterirdische Reservoir, das 95 Prozent des Bedarfs der 1,8 Millionen Palästinenser in Gaza decken muss, sinkt von Jahr zu Jahr. Es ist nicht nur mit Chlorid aus dem Meer belastet, sondern auch mit Bakterien und Nitraten aus eindringendem Abwasser. Die Vereinten Nationen warnen, dass der Gazastreifen bis 2020 unbewohnbar werde, wenn der Mangel an Wasser, Energie und Sanitäranlagen fortbestehe.

Das mit deutscher Entwicklungshilfe gebaute Klärwerk in Gaza-Stadt läuft mehr schlecht als recht. Die KfW-Bankengruppe hat zwar vor einigen Jahren 20 Millionen Euro in die Erweiterung gesteckt. Aber die Anlage gilt als Auslaufmodell und wurde zudem im Krieg leicht beschädigt. „Sie erreicht aktuell wegen Reparaturarbeiten nicht die volle Reinigungskapazität“, räumt Jonas Blume vom KfW-Büro in Ramallah ein. Die Pumpstation kämpft mit ständigen Stromausfällen. Immer wieder ergießt sich eine stinkige Kloake ins Meer, so wie an vielen anderen Stellen der Gaza-Küste. Die Umweltorganisation EcoPeace schätzt, dass täglich 90 000 Kubikmeter ungeklärtes Schmutzwasser aus dem Gazastreifen über die Strömung nordwärts treiben, in Richtung israelischer Strände. Eco-Peace-Direktor Gidon Bromberg sieht darin auch den Grund, warum die hochmoderne Entsalzungsplantage in der israelischen Hafenstadt Aschkelon mehrfach aussetzen musste, weil das Meerwasser zu verseucht war. „Umweltprobleme machen nicht an Grenzen halt“, konstatiert er.

Die dramatische Lage ließe sich entschärfen, wenn endlich ein größeres Speicherbecken für Trinkwasser aus Israel fertiggestellt würde. Demnächst soll ebenso der Bau eines weiteren, von der KfW finanzierten Klärwerks in Al-Bureij südlich von Gaza-Stadt beginnen. Nur hapert es bei den nötigen Materialimporten, weil die Israelis äußerst restriktiv die Lieferung von Zement und technischer Ausrüstung in den Gazastreifen handhaben. Die Maßnahme richtet sich gegen die Hamas aber auch gegen das eigene Umweltinteresse.

Die unmittelbar Leidtragenden sind die Ärmsten in Gaza, für die sauberes Wasser ein Luxusgut geworden ist. „Es wird schlimmer von Jahr zu Jahr“, klagt der 75-jährige Moharib Buheiri, der gehüllt in eine Dschalabija aus grobem Leinen unterm Zeltdach in Schati hockt. „Keinen Schluck“ könne man mehr von dem städtischen Wasser trinken, so versalzen wie es sei. Deshalb kaufe er wöchentlich 200 Liter aus dem Tankwagen hinzu, damit seine Kinder und Enkel keinen Durst leiden müssten. Aber wie lange gehe das noch gut? Manche Leute bohrten ihre Brunnen schon sechzig Meter tief. „Sie bekommen für eine halbe Stunde Süßwasser, danach schmeckt es wieder salzig wie das Meer.“

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