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Waisentransport nach Australien Vom Empire verstoßen

Arbeiten vom Morgengrauen bis zur Dämmerung - dabei geprügelt, misshandelt und vergewaltigt. 150.000 Kinder verschickte Großbritannien nach Australien - um dort den "Erhalt der weißen Rasse" zu garantieren. Von Peter Nonnenmacher

16.11.2009 00:11
Peter Nonnenmacher

London. Zehn Jahre alt war John Hennessy, als er 1947 zusammen mit 146 anderen britischen Kindern auf der SS Asturias in See stach. Der Junge aus einem Waisenhaus in Bristol dachte, er gehe auf eine Abenteuerreise. Er kam in ein Heim der "Christlichen Brüder" in West-Australien, musste vom Morgengrauen bis zur Dämmerung arbeiten, wurde geprügelt, misshandelt, vergewaltigt.

Die Fahrt entpuppte sich für mindestens 150.000 britische Kinder als Alptraum, die zwischen den 1920er und 1960er Jahren in Ex-Kolonien wie Australien oder Kanada verfrachtet wurden. Erst 1967 wurde das "Kinder-Auswanderungs-Programm" beendet, das London mit den Commonwealth-Staaten ausgehandelt hatte.

Besonders Australien wollte sich mit "weißem Menschenschlag", Erbgut aus dem Mutterland, versorgen. John Hennessy erinnert sich, wie der damalige Erzbischof von Perth die anderen Kinder begrüßte: "Willkommen in Australien - wir brauchen euch zum Erhalt der weißen Rasse." Ähnliches steht in Dokumenten, die das britische Staatsarchiv in Kew jüngst veröffentlichte.

Die britischen Behörden wollten sich eine teure Last vom Hals schaffen: Die Kinder kamen teils aus Waisenhäusern und Jugendheimen, noch öfter aus mittellosen oder zerrütteten Familien. Den Eltern wurde weisgemacht, ihre Kinder würden anderswo im Lande adoptiert, dürften sich auf ein "besseres Leben" freuen. Den Kindern erzählte man, sie gingen auf eine tolle Reise oder ihre Eltern seien gestorben.

In Wirklichkeit führte Großbritannien die ahnungslosen Drei- bis 14-Jährigen einem grausamen Schicksal zu. Zahllose Kinder mussten auf Bauernhöfen als unbezahlte Arbeiter schuften, von ihren neuen "Besitzern" drakonisch behandelt. Andere wurden in Heimen missbraucht.

Einige der kirchlichen und karitativen Verbände, die am Programm beteiligt waren, haben bei den Opfern um Vergebung gebeten. Australiens Regierungschef Kevin Rudd schloss am Montag die britischen Kinder in eine feierliche Entschuldigung bei einer halben Million Menschen aus aller Welt ein, die bis in die 70er Jahre in australischen Heimen ein bitteres Dasein fristeten. In London sprach der Minister für Kinder, Ed Balls, von einem "Schandfleck auf unserer Gesellschaft".

Auf ein Sorry des Premiers müssen die Opfer warten: Gordon Brown will sich erst mit diversen Verbänden abstimmen, bevor er im Namen der Nation die Verbrechen der Vergangenheit verurteilt. So schnell wie sein Vorgänger Tony Blair, der zu Amtsbeginn für die britische Schuld an der Hungersnot in Irland Mitte des 19. Jahrhunderts und später für Großbritanniens Mitverantwortung für die Sklaverei um Vergebung bat, ist Brown nicht.

Die Opfer haben dafür kein Verständnis. Es sei ja "nicht zu Charles Dickens´ Zeiten" passiert, sagt John Hennessy, "es war zu unseren Lebzeiten. Und England war das einzige Land in der Geschichte, das die eigenen Kinder auf die andere Seite der Welt transportierte, um sie dort ihrem Schicksal zu überlassen."

Sandra Anker, 1950 mit sechs Jahren nach Melbourne geschafft, sagt: "Jahrelang habe ich damals darauf gewartet, dass jemand merken würde, dass sie einen Fehler gemacht haben, und dass sie kommen würden, um mich abzuholen." Man habe sie um ihre Kindheit, um ihre Heimat betrogen: "So viele elende Jahre hat es gedauert, in denen wir nicht wussten, woher wir kamen, wer wir waren. Unser ganzes Leben lang haben wir gelitten."

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