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Wahlkampf in Österreich Sebastian Kurz entdeckt das Thema Islam

In Bosnien werden Frauen dafür bezahlt, voll verschleiert auf die Straße zu gehen? Die islamfeindliche Legende ist alt - nun hat sie der österreichische Außenminister Sebastian Kurz für den Wahlkampf ausgegraben.

Sebastian Kurz
Hat die FPÖ-Anhänger im Blick: Sebastian Kurz. Foto: rtr

Der österreichische Wahlkampf wird aggressiver. Außenminister Sebastian Kurz warnte nun im „Handelsblatt“ vor dem wachsenden Einfluss der Türkei und Saudi-Arabiens auf dem Westbalkan. In Sarajevo oder Pristina würden „Frauen dafür bezahlt, voll verschleiert auf die Straße zu gehen, um das Straßenbild zu ändern“, sagte Kurz. „Hier dürfen wir nicht tatenlos zusehen“, forderte er. Nun will Sebastian Kurz Regierungschef in Österreich werden, nicht in Bosnien-Herzegowina. Abgesehen davon ist das Gerücht, Frauen in den Balkanstaaten würden dafür bezahlt, sich voll zu verschleiern, mindestens 20 Jahre alt. Die, die seit Jahren versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen, stoßen immer wieder nur auf Legenden. Belege gibt es keine. Auch das österreichische Außenministerium hat bisher keine konkreten Fälle oder Quellen für Kurz’ These benannt.

Tatsache ist: Gerade in Sarajevo sind derzeit viele voll verschleierte Frauen in den Straßen zu sehen. Es handelt sich aber überwiegend um Touristinnen vom Golf. Die Besucher aus Dubai, den Arabischen Emiraten, aus Kuwait oder Saudi-Arabien kommen seit zwei, drei Jahren zunehmend in den Balkanstaat, weil sie die grünen Berge und vor allem die Flüsse lieben.

Sebastian Kurz geht es nicht um Fakten

In Bosnien-Herzegowina selbst gibt es etwa 65 salafistische Gemeinschaften. Die Frauen, die zu diesen Gruppen gehören, verschleiern sich oft auch zur Gänze. Sie bekommen allerdings kein Geld dafür. Die salafistische Ideologie kam im Krieg (1992–1995) nach Bosnien-Herzegowina, danach wurden auch viele Moscheen gebaut, finanziert aus saudischen Quellen. Auch im Kosovo stieg der Einfluss von salafistischen religiösen Gruppen über ausländische NGOs nach dem Krieg (1999) an. Religiöse „Hilfseinrichtungen“ aus arabischen Ländern bieten auch heute Englischkurse und Koranunterricht an. Kosovaren und Bosnier bekamen zudem Stipendien aus arabischen Staaten. Eine neuere Erscheinung sind die Rekrutierungen durch die Terrororganisation IS. 2014 gingen noch Hunderte Salafisten vom Balkan nach Syrien und in den Irak. Seit dem strengen Vorgehen der Behörden 2016 geht deren Zahl allerdings gegen null.

Allerdings verdingen sich viele bosnische Salafisten mit ihren Arabischkenntnissen als Reiseführer und Chauffeure für Touristen vom Golf. Die bosnischen Behörden haben die Botschaften der arabischen Staaten bereits gebeten, ihren Bürgern davon abzuraten. Geändert hat das nichts. Die salafistischen Gruppen verdienen weiterhin viel Geld mit den Touristen. Mit einem wachsenden Einfluss der Saudis hat das allerdings nichts zu tun.

Auch die ökonomischen Daten belegen diesen kaum. Die Bestände der ausländischen Direktinvestitionen im Staat Bosnien-Herzegowina betragen über die Jahre hinweg bisher 6,6 Milliarden Euro, davon kamen etwa 1,2 Milliarden aus Österreich, das lange Auslandsinvestor Nummer eins war, gefolgt von den Staaten Kroatien, Serbien, Slowenien, Russland, den Niederlanden und Deutschland. Die Türkei kommt mit 198 Millionen erst an elfter Stelle. Saudi-Arabien (an 13. Stelle) investierte bisher 129 Millionen Euro. Kuwait und die Arabischen Emirate investierten 101 Millionen und 85 Millionen. Viele arabische Investitionen fließen in Feriensiedlungen für die arabischen Touristen in Bosnien-Herzegowina.

Mit rechtem Populismus auf Stimmenfang

Bei Sebastian Kurz geht es wohl auch eher um österreichische Wählerstimmen als um Fakten auf dem Balkan. Kurz setzt im Wahlkampf in Österreich seit geraumer Zeit auf das Thema „Islam“ und „Türkei“. Dabei „vergisst“ er immer wieder in populistischer Manier, den Gleichheitsgrundsatz anzuwenden. Der ÖVP-Chef will etwa das Kopftuch in Schulen verbieten, das christliche Kreuz soll allerdings wegen der „historisch gewachsenen Kultur“ in den Klassenzimmern hängen bleiben. Ganz ähnlich ist seine Kampagne gegen muslimische Kitas. Kurz fordert ihre Schließung – unabhängig davon, welche Richtung des Islam dahintersteht. Die Tausenden katholischen Kindergärten bleiben natürlich unangetastet.

Diese pauschale Diskriminierung muslimischer Einrichtungen in Österreich könnte die ohnehin latent vorhandene Islamfeindlichkeit noch fördern. Kurz macht das Ganze viel eleganter als die rechtspopulistische FPÖ, aber die Richtung ist, so scheint es, dieselbe.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Österreich

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