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Wahlen in der Türkei Erdogans AKP läuft die Jugend weg

Erstmals in der türkischen Geschichte werden wichtige Wahlen von der Jugend entschieden. Bei der ziehen Recep Tayyip Erdogans Parolen nicht mehr.

Wahlen Türkei
In Deutschland lebende Türken können schon seit gestern ihr Kreuz auf dem Stimmzettel machen. Foto: dpa

Mit einem bangen Gefühl sieht die 22-jährige Ayse den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in der Türkei am 24. Juni entgegen. Die Literaturstudentin an der Istanbul-Universität befürchtet Gewaltausbrüche, falls die Wahlen nicht so ausgehen sollten, wie es sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seine regierende islamisch-neoliberale AKP wünschen. „In meinem Bekanntenkreis ist niemand, der sich nicht einen Wechsel ersehnt. Die Jugend will Freiheit“, sagt die junge Frau, die ihren echten Namen aus Angst vor Repressionen nicht genannt haben will. „Aber wir haben auch Angst vor dem Chaos.“

Ayse hat beim Referendum über die Einführung des autoritären Präsidialsystems vor einem Jahr mit „Nein“ gestimmt – wie alle ihre Freunde aus der linken Hochschulgruppe. Kürzlich drohte Erdogan, „kommunistische“ und „terroristische“ Studenten hätten an den Unis nichts verloren und würden „rausgeworfen“. 70 000 Studenten sitzen derzeit aus politischen Gründen im Gefängnis. „Alle, die nicht nach Erdogans Pfeife tanzen, werden als Terroristen oder Kommunisten bezeichnet. Das führt dazu, dass die meisten nicht mehr offen sagen, was sie denken“, sagt Ayse. „Wenn es nach der Jugend geht, wird diese Regierung hinweggefegt.“

Tatsächlich werden erstmals in der türkischen Geschichte wichtige Wahlen wesentlich von der Jugend entschieden. Rund die Hälfte aller Wähler ist jünger als 30 Jahre, 13 Millionen – also mehr als 30 Prozent – sind unter 25 Jahren. Alle Parteien im Land haben erkannt: Wer die Jugend auf seiner Seite hat, dem gehört die Zukunft. Doch es gibt ein Problem: Man weiß nicht so genau, wie die jungen Leute ticken.

Bisher halten sie sich überwiegend von der Parteipolitik fern. Profunde Studien über ihre politischen Präferenzen gab es bisher nicht. Daher war ihr Wahlverhalten beim Präsidentschaftsreferendum für viele Beobachter eine Überraschung. Analysen zeigten: 61 Prozent der Wähler unter 25 Jahren stimmten mit „Nein“. Nun könnten sie für ein politisches Erdbeben sorgen. 

Dabei haben viele Jungwähler in ihrem Leben nur Erdogan als politischen Anführer und seine AKP als herrschende politische Kraft erlebt. Doch eine neue Studie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Türkei ergab, dass der Präsident zunehmend an Ansehen verliert. Bei der Frage, wem die jungen Menschen am meisten vertrauten, landete er mit 44 Prozent erst auf Platz fünf – hinter Wissenschaftlern, Armee, Parlament und Universitäten. 

Wenig Interesse an Politik

Die Bewegung für die Rettung des Istanbuler Gezi-Parks 2013 zeigte zwar, dass sich ein Teil der jungen Leute sehr wohl für die Probleme des Landes interessiert. Aber die Stiftungsstudie belegt, dass sich fast zwei Drittel aller Jugendlichen kaum oder gar nicht für Politik interessieren. In ihrer großen Mehrheit sind die Jugendlichen eher konservativ und auf sich bezogen. Während für die meisten „Familie“ den wichtigsten Wert darstellt, nannten nur zehn Prozent „religiöse Werte“. 

Für Erdogan und die AKP sind diese Ergebnisse verheerend, denn konservative Jugendliche sind eigentlich seine Stammwähler. Erste Anzeichen einer Wende zeigten sich schon bei den Parlamentswahlen im November 2015. Da holte die siegreiche AKP laut einer Studie des Istanbuler Umfrageinstituts A&G bei der Jugend nur 29,5 Prozent, während der eigentliche Gewinner bei der Jugend die linke, prokurdische HDP mit 23,8 Prozent war. Auch die Istanbuler Studentin Ayse hat HDP gewählt. „Weil sie sich für die Rechte von Frauen und Minderheiten einsetzt“, sagt sie.

Der Plan des Präsidenten, eine ihm gewogene „religiöse Generation“ zu erziehen, ist offensichtlich nicht aufgegangen. Das bestätigt Kerem Öktem, Politologe und Türkei-Forscher an der Universität Graz. Konservative urbane junge Wähler, die die AKP in der Vergangenheit unterstützt hätten, seien extrem unzufrieden. Die Partei versprühe keine Energie, keine Hoffnung, keine neuen Ideen mehr. „Sie wird als ausgebrannt und erschöpft wahrgenommen“, sagt Öktem. Weil ihm das bewusst ist, begann Erdogan seine Rede auf dem AKP-Jugendkongress im Mai wohl auch mit den Worten: „Liebe Jugend, ich weiß, dass ihr gelangweilt seid.“ Und er führt seit Ende 2017 eine Kampagne gegen „Metallermüdung“ in der AKP, ließ Funktionäre und Bürgermeister durch Jüngere zu ersetzen. 

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