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Wahl in Indien Indien am Wendepunkt

Das vielschichtige Indien mit seinen zig Sprachen und Kulturen sowie einer langen Tradition der Toleranz steht an einem Wendepunkt: Die Parlamentswahl könnte in einer politischen Katastrophe enden.

Ein Wahlhelfer transportiert im nordindischen Bundesstaat Assam eine elektronische Wahlmaschine ab. Foto: REUTERS

Die Frau in einem verwaschenen Sari schrubbt, was das Zeug hält. Sie tunkt Hühnerhaut in einen Topf voll Wasser und wäscht den pockennarbigen Fetzen noch einmal. Sie bereitet das Mittagessen für ihre Familie. Töchter, Söhne und Ehemann sind noch auf dem Feld. Die Zwiebeln müssen umgepflanzt werden und ein Grundbesitzer hat fast alle Bewohner des Dorfes Jamsaut dafür angeheuert. Die Bewohner des kleinen Fleckens ein paar Kilometer nördlich von Patna, der Hauptstadt des Bundesstaats Bihar, freuen sich über jede Gelegenheit, ein paar Rupien zu verdienen. Die Nachbarn der ein paar Hundert Meter entfernt stehenden Häuser nennen die Frauen von Jamsaut „Mushahar“ – Rattenesser – weil sie sich überwiegend von Feldratten ernähren, wenn das Geld nicht reicht.

„Nein, bei uns war noch niemand“, sagt ein scheue junge Frau mit silbern leuchtenden Kettchen an den Fußgelenken. die Stroh für das Dach ihrer Hütte sortiert. In ganz Indien tobt der Wahlkampf. Narendra Modi, Spitzenkandidat der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party“ (BJP) macht sich Hoffnungen, dass die 816 Millionen Wahlberechtigen ihm bei den Wahlen zur Lokh Sabha, dem indischen Parlament, eine Mehrheit unter den 552 Abgeordneten bescheren. Die Kongresspartei unter Sonja Gandhi, die seit 2004 regiert, scheint erschöpft und ausgelaugt. Die neue „Aam Aadmi Party“ (AAP – Partei des einfachen Mannes) lockt mit dem Thema Korruptionsbekämpfung Wähler.

Jede Stimme zählt. Doch zu den Rattenessern von Jamsaut, die in der Kastenhierarchie der 1,3 Milliarden Inder an unterster Stelle stehen, ist wenige Tage vor dem Beginn der über fünf Wochen gestaffelten Mammutwahl noch kein einziger Wahlkämpfer gekommen. Zwei Drittel der Inder müssen täglich mit weniger als eineinhalb Euro auskommen. Angesichts der Lebensmittelinflation ist die wirtschaftliche Lage in vielen Haushalten trotz des Booms der vergangenen Jahre prekärer geworden.

„Die Armen werden entscheiden, ob Modi Premierminister wird“, sagt die katholische Nonne Sudha Varghese, die vor Jahrzehnten aus Kerala in den ärmsten Bundesstaat Indiens umgezogen ist. Heute ermöglicht ihre Organisation „Nari Gunjan“ (Stimme der Frauen) in 50 Zentren in Bihar 3000 Mädchen der Ratten-esser-Kaste den Schulbesuch.

Sie steht vor einem in fröhlichen Farben getünchten Haus in Jamsaut, das jahrelang ihr Zuhause gewesen ist und aus dem sie vor rund zehn Jahren aus Furcht vor Angriffen der Grundbesitzer der Umgebung fliehen musste. Jetzt beherbergt die zwei Zimmer große Unterkunft Maschinen für ein Produkt, das in Bihars Wahlkampf eine wichtige Rolle spielt. Die Frauen von Jamsaut pressen Monatsbinden zu zwei Rupien das Stück (umgerechnet 2 Cent). „Die sind hygienischer als die traditionell üblichen mit Asche oder Sand be-streuten Lappen“, sagt Didi (ältere Schwester), wie die Nonne von den Frauen genannt wird.

Den gesundheitlichen Vorteil der Binden erkannte auch die Regierung des Bundesstaats unter Führung des aus einer unteren Kaste stammenden Ministerpräsidenten Nitish Kumar von der Regionalpartei Janata Dal. Er lässt sie seit einigen Monaten an öffentlichen Schulen kostenlos an Mädchen verteilen. So haben arme Familien einen Anreiz, ihre Töchter in die Schule zu schicken. Die Mütter wiederum, so jedenfalls hofft Kumar, werden es ihm mit ihrer Stimme an den Wahlurnen lohnen.

„Bihar lag während der vergangenen Jahre mit einem Wirtschaftswachstum von elf Prozent über dem indischen Durchschnitt“, sagt Pavan Kumar Varma, Verfasser des Bestsellers „The Great Indian Middle Class“ und gegenwärtig Sprecher von Bihars Ministerpräsident. „Wir haben den Armen sozial und ökonomisch kräftig unter die Arme gegriffen.“ Er hofft, dass sich diese Politik bei der am Montag beginnenden Wahl in Stimmen für die Regionalpartei umsetzen wird.

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Der deutsche Hoechst-Konzern hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert den Boden für das Elend bereitet, in dem Bihar bis in die Gegenwart erstarrte. Die Chemiker des Unternehmen fanden einen synthetischen Ersatz für die Königsfarbe Indigo, auf der bis dahin der Wohlstand der Region beruhte. Seither wurde der Name der Region Bihar, in der vor Jahrhunderten das berühmte Kamasutra geschrieben wurde, zum Spottnamen. Seit einigen Jahren steht Bihar aber für Erneuerung. „Wir haben eine massive soziale Umwälzung erlebt“, sagt Shaibal Gupta, Direktor des Asian Development Research Institute in Patna. „Niemand weiß, wie beispielsweise die Frauen wählen werden.“

Am Wendepunkt

Der Name Modi zieht, obwohl er nichts mit den Verbesserungen im ärmsten Bundesstaat Indiens zu tun hat. Dabei kennt jeder in Bihar mit seinem hohen Anteil von Muslimen die Vorgeschichte des hindunationalistischen Spitzenkandidaten Narendra Modi. Er schaute als Ministerpräsident des Bundesstaats Gujarat im Jahr 2002 tatenlos zu, als hinduistische Fanatiker mit Duldung der Partei knapp 2000 Muslime massakrierten. Sie nahmen blutige Rache für einen Brandanschlag auf einen Zug, bei dem 58 hindunationalistische Aktivisten, darunter auch Frauen und Kinder, verbrannten. „Modi ist nicht als Premierminister für Indien geeignet“, sagt auch Rajendra Tiwari, Chefredakteur der auf Hindi erscheinenden Tageszeitung „Prabhat Khabar“ in Patna.

Der letzte hindunationalistische Regierungschef Atal Bihari Vajpayee ließ während seiner Amtszeit von 1998 bis 2004 einen Atomsprengsatz zünden und bescherte der Welt eine neues nukleares Wettrüsten in Südasien. Diesmal gehen Aktivisten der radikalen hindunationalistischen Organisation „Rashtriya Swayamsevak Sangh“ (das „Reichsfreiwilligenkorps“ RSS) von Haustür zu Haustür und trommeln für ihren früheren „Pracharak“ (Propagandisten) Modi.

Das vielschichtige Indien mit seinen zig Sprachen und Kulturen sowie einer langen Tradition der Toleranz steht an einem Wendepunkt: Etwa 2000 RSS-Mitglieder stehen laut indischen Medienberichten bereit, um nach der Machtübernahme systematisch in indischen Institutionen eingesetzt zu werden, dort dann Schulmaterialen umzuschreiben, Indiens Geschichte neu zu deuten sowie bei der Polizei und den Streitkräften Schlüsselpositionen zu übernehmen. Alles, um Machtverhältnisse auf lange Zeit zu zementieren. Ein Kommentator des indischen Massenblatts „Times of India“ warnte jüngst: „Mit Modi wird eine sanfte Form von Faschismus Einzug halten.“

Indiens superreiche und mächtige Magnaten stört dies wenig. Inklusive des Tycoons Ratan Tata haben sie sich nahezu alle auf die Seite des Hindunationalisten geschlagen, der Indien in einen Staat verwandeln will, in dem hinduistische Regeln für alle Minderheiten von Christen bis Muslims verbindlich sein sollen. Dank seines massiven finanziellen Rückhalts entfesselte Modi einen hypermodernen Wahlkampf, der wie eine Welle über das Land hinweg rollt. Modi, dessen Vater am Straßenrand Tee verkaufte, zeigt sich mit Kopfbedeckungen aller Volksgruppen. Nur ein Käppchen, wie es bei den 150 Millionen Muslimen üblich ist, setzt er nie auf. „Har Har Mahadev!“ – Jeder kann Lord Mahadev sein – skandieren seine Anhänger Sprechchöre, die Hindus auffordern, sich wie „der große Gott“ (Mahadev) Shiva zu verhalten, „Har har Modi“ – jeder kann angeblich auch ein Modi sein.

„Selbst wenn manche Leute sich wegen ihrer Freiheiten Sorgen machen“, winkt der Kleinunternehmer Anand Mahindra in der Hauptstadt Delhi ab, „wir brauchen einen Premierminister, der Geschäfte erleichtert und die Korruption stoppt.“ Und der 35-jährige Shravan Kumar aus Bihar hat ebenfalls längst beschlossen, den Superstar der BJP zu wählen. „Unsere ganze Familie will ihn zu wählen. Er soll die Inflation stoppen.“

Kumar verkauft in der abendlichen Dämmerung Erdnüsse auf dem Maidan, einem riesigen Platz, den einst die britischen Kolonialherren im Stadtzentrum für Paraden und Kricket-Wettbewerbe bauten. In Rufweite steht eine nagelneue gigantische beleuchtete Statue des indischen Unabhängigkeitshelden und Begründer des gewaltlosen Widerstands, Mahatma Gandhi. Seit 15 Jahren verkauft Kumar seine Erdnüsse an dieser Stelle. Auf der anderen Seite des Gitterzauns kampieren Rikschafahrer und Abfallsammler. Auf kleinen Feuern bereiten sie ihre kärglichen Abendmahlzeiten zu, während die Scheinwerferkegel vorbei rauschender Autos über sie hinweg huschen.

„Vor ein paar Jahren wurde man hier auf dem Maidan in der Dunkelheit überfallen. Jetzt bin ich sicher.“ Kumar weiß, dass er diesen Fortschritt dem gleichnamigen und der gleichen Kaste angehörenden Regionalpolitiker Kumar an der Spitze Bihars verdankt. Aber bei der Parlamentswahl will er von dessen Regionalpartei Janata Dal im Gegensatz zu früheren Jahren nichts wissen. „Namo“, nennt der Erdnussverkäufer Modi bei dessen Spitznamen, „wir brauchen Namo.“

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