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Wahl in Frankreich Vote blanc und vote nul

In Frankreich wird über die Enthaltung bei Wahlen diskutiert. Sie hat am Sonntag einen Rekordwert erreicht.

Stimmzettel
Wer weiß wählt, gibt einen unausgefüllten Stimmzettel ab. Foto: afp

Wo beginnt Demokratie? Die Beteiligung am wichtigsten Augenblick der demokratischen Partizipation, der Wahl? Beim Kreuzchen machen? Das sieht man in Deutschland seit eh und je so. In Frankreich dagegen beginnt Demokratie viel früher. Nämlich beim Gang zum Wahllokal.

Was sich hier wie eine beschauliche Posse von hüben und drüben des Rheins liest, ist in Frankreich eine schon seit Jahren dauernde ernsthafte politische Diskussion: Was macht man mit dem „vote blanc“, der „weißen Wahl“? „Weiß“ wählen Franzosen, wenn sie zur Wahl gehen und entscheiden, dass sie keinem Kandidaten ihre Stimme überantworten können. Sie verharren dann „auf halbem Wege zwischen Enthaltung und Wahlbeteiligung“, wie es die „Revue française de science politique“ 2001 definierte, ihr Wahlzettel bleibt leer, sie wählen weiß.

Das geht schon so weit, dass gar Kandidaten für „le parti blanc“ gekürt wurden. Aber viel mehr bedeutet es, dass die Unzufriedenheit des wahlwilligen (weil an der Urne erschienenen) Bürgers, sein Dilemma gegenüber gleichermaßen inakzeptablen Kandidaten dokumentiert gehört. Denn eine „weiße Wahl“ ist etwas anderes als die ungültige Wahl, der „vote nul“. Eine Null wirft der unzufriedene Wähler in die Urne, in dem er seinen Wahlzettel verunstaltet, kommentiert, zerreißt, nicht kandidierende Personen draufschreibt oder Ähnliches. Die Nullen kommen statistisch in den gleichen Mülleimer wie die, die überhaupt nicht zur Wahl erschienen.

Aber die Weißen hat das französische Polit-Establishment durchaus schon auf seine Agenda gesetzt. In den Programmen der gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Benoît Hamon und François Fillon fand sich die politische Anerkennung der Unzufriedenen. Am vorgestrigen Sonntag waren das immerhin 4,2 Millionen Menschen (inklusive der Nullen), die weißen Wahlzettel machten schließlich rund zwölf Prozent aus – das ist Rekord in der Geschichte der Fünften Republik, doppelt so hoch wie im bisherigen Rekordjahr 1969 (da aber nervte das Wahlvolk die zu große Ähnlichkeit der Stichwahlkandidaten). Bei anderen als der jetzigen Wahl hätten sie den Ausschlag gegeben. Im ersten Durchgang absentierten sich 2,56 Prozent der Wähler, 2012 waren es nur 1,92 Prozent. Diese Zahl erhöht sich immer, wenn in der Stichwahl die Kandidatenriege zusammenschrumpft: weniger Auswahl gleich weniger Demokratie gleich mehr Verweigerung.

Auf Twitter gilt bei den Weißen jedenfalls derjenige concitoyen als der wahre Sieger, der in seinen Wahlumschlag ein Foto des Schauspielers Michel Blanc steckte, um seine „weiße Entscheidung“ zweifelsfrei zu dokumentieren. Allerdings … den Regeln nach ist das dann ungültig, eine Null.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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