Lade Inhalte...

Wahl in Frankreich Auf der Woge des Volkszorns

Jean-Luc Mélenchon hat als „Bürgerrevolutionär“ im französischen Präsidentschaftswahlkampf Platz drei erobert. Der frühere Linksaußen der Sozialisten will mit dem System brechen und in Frankreich die Sechste Republik ausrufen.

Jean-Luc Mélenchon, Kandidat der Linken Front. Foto: AFP/ZOCCOLAN

Da stehen sie, die von Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy Enttäuschten und die von seinem sozialistischen Herausforderer François Hollande Angeödeten. Zu Zehntausenden drängen sie sich an diesem Abend auf der Place du Capitole zusammen, dem größten Platz von Toulouse. Sie trotzen Regenschauern und Kälteeinbruch. Sie wissen, Jean-Luc Mélenchon wird ihnen schon einheizen.

Wie kein anderer Kandidat spielt der Chef der Linken Front im Präsidentschaftswahlkampf auf der Klaviatur der Gefühle. Stets am Siedepunkt scheint der 60-Jährige zu sein. Der nächste Zornesausbruch ist niemals fern, der letzte liegt niemals weit zurück. Freund und Feind haben Mélenchon mit Beinamen eingedeckt, sie haben ihn „Revolutionsromantiker“ genannt, „Poet“ oder auch „Hugo Chávez à la française“. Lyons sozialistischer Bürgermeister Gérard Collomb hat den polternden Linkspopulisten gar als „Pol Pot“ verteufelt.

Mélenchon, der dritte Mann

Geholfen haben die Schmähungen offenbar nur dem Geschmähten selbst. Mélenchon, ein Mann mit dichten Brauen, störrischem Haar und rauer Stimme, ist heute „der dritte Mann“. Der Kandidat hat sich in der Wählergunst von sechs auf 15?Prozent hochgearbeitet und liegt damit laut Umfragen hinter Sarkozy und Hollande auf Platz drei – vor der Rechtspopulistin Marine Le Pen und deutlich vor dem Zentrumspolitiker François Bayrou.

Auf Mélenchon ist in jeder Beziehung Verlass: Das Outfit ist stets dasselbe – der Anzug anthrazitfarben, das Hemd weiß, die Krawatte feuerrot –, und die Botschaften variieren ebenfalls nicht. Die Gefolgschaft vernimmt ja auch immer wieder gern, wie Mélenchon einen Mindestlohn von 1.700 Euro für alle ankündigt oder verspricht, die Auslagerung von Produktionsstätten in Billiglohnländer strafrechtlich verbieten zu lassen.

Fixierte Feindbilder

Die Feindbilder sind dauerhaft fixiert. Was der fremdenfeindlichen Marine Le Pen die Ausländer sind und zumal die Araber, sind dem selbsternannten „Bürgerrevolutionär“ die Reichen und zumal die Banker. Erdreistet sich jemand, darauf hinzuweisen, dass eine massive Erhöhung des Mindestlohns die lahmende Wirtschaft abwürgen und noch mehr Arbeitslosigkeit hervorbringen könnte, hält Mélenchon ihm das Feindbild vom reichen Mann entgegen wie der Missionar dem Ketzer das Kreuz.

Die Reichen sollen Verzicht üben, für die Armen aufkommen. Alles, was jährliche Einkünfte von 360.000 Euro übersteigt, will der Kandidat beschlagnahmen lassen. Hollandes Ankündigung eines Spitzensteuersatzes von 75?Prozent für Beträge, die ein Jahreseinkommen von einer Million Euro überschreiten, mutet daneben moderat an.

Auch in Toulouse hält sich Mélenchon ans Bewährte. Auf einer Bühne, wie sie Rockstars in Stadien errichten lassen, poltert und zürnt er. Zu seinen Füßen wogt ein rotes Fahnenmeer. Und wenn die Reichen nicht mitmachen, sich ins Ausland absetzen? „Dann sollen sie doch alle verschwinden“, empfiehlt Mélenchon.

Realitätsferne Botschaft

Sarkozy, für den Redner „der Präsident der Reichen“, soll nach dem Willen des Bürgerrevolutionsführers gleich mit verschwinden. „Wir leben nicht im selben Frankreich, er und ich“, donnert Mélenchons Stimme über die Place du Capitole. Mit dem System will er brechen, dem Diktat der Eliteschulabsolventen und Finanzmakler ein Ende machen, in Frankreich die Sechste Republik ausrufen. Der frühere Linksaußen der Sozialisten, der sich 2008 von seinen damaligen Genossen losgesagt, die neue Linkspartei gegründet und sie in die neue Linke Front mit den Kommunisten und kleinen linken Gruppen eingebracht hat, trotzt der Krise, der Globalisierung, der Welt, wie sie ist.

Wenn die realitätsferne Botschaft auf fruchtbaren Boden fällt, dann nach Ansicht des Politologen Pascal Perrineau deshalb, weil es „in Frankreich eine Wählerschaft links von der Linken gibt, die Reste revolutionärer Kultur in Ehren hält“. Hinzu komme, dass Mélenchon es verstehe, mit kriegerischen Tönen die Gemütslage eines von der Krise zermürbten, pessimistischen, zornigen Volkes zu treffen.

Sollten die Meinungsforscher Recht behalten, werden beim ersten Wahlgang am 22.?April 15?Prozent der Franzosen für den Linksradikalen Mélenchon stimmen, 14 Prozent für die Rechtsradikale Marine Le Pen und 32 Prozent für überhaupt niemanden. Ein Szenario, das selbst den Wahlsieger – ob er letztlich Sarkozy oder Hollande heißen mag – pessimistisch stimmen dürfte.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen