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Wahl im Kosovo Vom Schlag Berlusconis

Im Kosovo will Behgjet Pacolli Präsident werden – bekannt durch die „Kremlgate“-Affäre. Vor allem bei gebildeten Kosovaren herrscht blankes Entsetzen über den designierten Staatschef.

Behgjet Pacolli, Präsidentschaftsaspirant, findet, die Politik sollte sich nicht in die Wirtschaft einmischen. Foto: dpa

Innerparteiliche Kritiker von Premier Hashim Thaci zogen im letzten Moment die Reißleine: Die geplante Wahl von Behgjet Pacolli zum Präsidenten im Parlament wurde auf heute vertagt. Zu unwahrscheinlich war, dass der Kandidat die nötigen Stimmen bekommen würde. Mit seinem designierten Staatsoberhaupt, befürchten viele Kosovaren, versinkt das Land endgültig im Sumpf internationaler Korruption.

Vor allem unter gebildeten Kosovaren herrscht blankes Entsetzen über den Aspiranten, der sich künftig mit Thaci die Macht teilen will. Wirtschaft und Politik sollen „parallele Wege gehen“, aber „die Politik soll sich nicht in die Wirtschaft einmischen“: Mit seinen Sprüchen provoziert Kosovos designierter Präsident, der praktisch seit dreißig Jahren im Tessin lebt, immer wieder bösen Hohn. Aber gegen den Dackelblick, mit dem er sie vorträgt, kommen die Spötter nicht an. „Parallel mit der Politik“ geht der größte Tycoon des Landes seit Jahrzehnten; 2007, bei seiner ersten Wahl ins Parlament, gab er sein Vermögen mit 420 Millionen Euro an.

1951 in eine Bauernfamilie in den Bergen nahe Pristina geboren, ging Behgjet Pacolli mit nicht ganz 19 Jahren nach Hamburg, arbeitete im Hafen und in der Gastronomie und besuchte nebenher angeblich eine Handelsschule. Zurück in Jugoslawien, führte der Militärdienst den jungen Albaner in Titos Leibgarde. Nach seinem Abschied bei der Armee verkaufte der damals 25-Jährige für eine Kufsteiner Firma in Russland Textildruckmaschinen. In Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg, fand er einen kongenialen Freund. Der um 20 Jahre ältere lokale Parteichef, ein Mann namens Boris Jelzin, mochte den jungen Albaner, der noch in Russland bei der kleinen Luganer Firma Interplastica anheuerte.

Selbstständig als Bauunternehmer

Als die Sowjetunion zusammenbrach, erkannte Pacolli seine Chance und macht sich mit einer Baufirma selbstständig. Erste Aufträge verschaffte ihm der Parteichef von Jakutsk, Pavel Borodin, der bald darauf Schatzkanzler beim russischen Präsidenten wurde. Der hieß jetzt Jelzin und traf sich gern auf einen Wodka mit dem alten Kumpel. Der Jugoslawe, seit 1992 auch Schweizer Staatsbürger, durfte mit seiner Baufirma Mabetex die Duma, das Föderationsparlament und sogar den Kreml renovieren.

Es war die korrupteste Phase in Russlands jüngerer Geschichte. Nach Jelzins erzwungenem Rücktritt Ende 1999 drohte auch Pacolli Ungemach. Der neue Generalstaatsanwalt Jurij Skuratow wollte den „Kremlgate-Skandal“ aufklären. Auf ein russisches Amtshilfeersuchen drang die gefürchtete Staatsanwältin Carla Del Ponte in die Geschäftsräume von Mabetex in Lugano ein. Aber dank eines neuen Windes in Moskau kam Pacolli davon. Ankläger Skuratow wurde angeblich mit zwei Prostituierten ertappt und musste auf Druck des neuen Präsidenten Wladimir Putin den Hut nehmen. Weil aus Russland nun keine Informationen mehr kamen, stellte 2002 auch die Genfer Staatsanwaltschaft die Schmiergeld-Ermittlungen gegen Pacolli ein.

Bekanntestes Detail der Untersuchung wurden die goldenen Kreditkarten, die Pacolli den beiden Jelzin-Töchtern Tatjana und Jelena gezahlt haben soll. Als der Mailänder Corriere Della Sera die Geschichte aufbrachte, klagte er erfolgreich. Mit seiner Version der angeblichen Verleumdung verriet Pacolli, selbst Inhaber einer großen Zeitung im Kosovo, wie er Politik, Geschäft und Journalismus sieht: Die Corriere-Geschichte sei eine Retourkutsche von Gianni Agnelli, erzählte Pacolli. Der italienische Industrielle sei sauer gewesen, weil er angeblich sein Treffen mit Jelzin verhindert habe.

Zwielichte Geschäfte

Später gab er zu, dass er für die Kreditkarten gegenüber einer russischen Bank „gebürgt“ habe. Warum ausgerechnet die Präsidententöchter bei einer russischen Bank für ihre Kreditkarten die „Bürgschaft“ eines ausländischen Unternehmers brauchten, blieb Pacollis Geheimnis.

In der italienischen Öffentlichkeit schadete ihm der Fall nicht. Seinen berlusconesken Lausbuben-Charme hat der Protagonist der Kremlgate-Affäre auch mit knapp 60 noch nicht eingebüßt. Mehr als für seine russischen Verstrickungen interessierte die Klatschpresse sich für die edlen Rösser, die bei seiner Hochzeit mit der Ethno-Popsängerin Anna Oxa am Comer See die Torte zogen.

Noch vor dem Eklat in Russland hatte Pacolli seine Freundschaft zu einem anderen KPdSU-Mann aktiviert: Kasachstans „Demokrator“ Nursultan Nasarbajew, für den Mabetex den pompösen Präsidententempel in der Retorten-Hauptstadt Astana bauen durfte. 13000 Kosovaren sollen auf Mabetex-Großbaustellen in Astana und Taschkent Arbeit gefunden haben.

Nur in seiner Heimat konnte Pacolli nicht landen. Der erste Kosovo-Verwalter Bernard Kouchner verhinderte, dass der Kremlgate-Held eine Bank gründen durfte. Erst unter dem Deutschen Joachim Rücker wendete sich das Blatt. Um die Investitionen abzusichern, gründete Pacolli 2006 seine „Allianz für ein neues Kosovo“. Obwohl die Partei kaum mehr als ein Ableger seiner Firma war, bekam sie im Jahr drauf auf Anhieb stattliche 12,3 Prozent der Stimmen. Für seinen zweiten Wahlkampf im letzten Herbst dann konnte der frisch gebackene Politiker sich namhafte Unterstützung sichern: Ex-Premier Agim Ceku und der geachtete Psychiater Ferid Agani kandidierten auf seiner Liste und verschafften ihm immerhin noch 7,3 Prozent.

Formal in Opposition, ging der Tycoon schon bald nach seinem Einzug ins Parlament wieder „parallele Wege“ mit der Politik. Bei Großaufträgen für die Regierung Prishtina zahlte Pacolli angeblich drauf. Dafür verrechnete er für die Renovierung des Pressehauses das Drei- bis Fünffache des realistischen Preises. Statt die Regierung zu attackieren, wuchs seine Partei sich zu Thacis wichtiger Stütze aus. Pacolli ernannte sich selbst zum „Sonderbotschafter“ und warb in afrikanischen Kleinstaaten für die Anerkennung des Kosovo. Erst vor wenigen Wochen reiste Pacolli mit großer Entourage zu Muammar al-Gaddafi.

Das Präsidentenamt für Pacolli ist Teil eines Koalitionsdeals. Premier Thacis innerparteilicher Rivale Fatmir Limaj machte gestern selbstbewusst klar: Bringt Thaci seinen Kandidaten nicht durch, steht er selbst zur Disposition. Doch Pacolli und vor allem seinem Scheckbuch trauen seine Kritiker in Pristina noch einige Überzeugungskraft zu.

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