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Von Baburowa bis Jewlojew Politische Morde in Russland

Der Politkowskaja-Prozess ist nur ein Beispiel für die mangelnde Aufklärung politischer Morde und die Verstrickung der russischen Justiz - die Frankfurter Rundschau nennt weitere. Von Stefan Scholl

Politische Opfer in Russland. Paul Chlebnikow, Magomed Jewlojew, Natalja Estemirowa und Stanislaw Markelow (von links). Foto: afp, rtr

Natalja Estemirowa

Die tschetschenische Geschichtslehrerin mühte sich als Aktivistin der Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien um die Aufklärung von Verschleppungen, Folter und Ermordungen. Dabei machte sie immer wieder Front gegen russische Sicherheitskräfte oder die Untergebenen des kremltreuen tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, die laut Memorial für die meisten illegalen Festnahmen verantwortlich sind.

Estemirowa arbeitete auch mit Anna Politkowskaja und dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow zusammen. Am 15. Juli 2009 wurde sie vor ihrem Haus in Grosny von Unbekannten in ein Auto geschleppt und wenige Stunden später tot in einem Straßengraben in der Nachbarrepublik Inguschetien aufgefunden. Trotz Großfahndung entkamen die Mörder.

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Magomed Jewlojew

Der inguschetische Geschäftsmann und Ex-Staatsanwalt gründete 2001 die Internetseite ingushetiya.ru und machte sie zu einem der informativsten Oppositionsmedien im Nordkaukasus. Die Staatsmacht strengte mehrere Verfahren an, um die Seite zu schließen, warf Jewlojew vor, er habe als Staatsanwalt Dokumente gefälscht, um Straftäter zu entlasten. Im Juni 2008 verbot sie die Seite wegen "Extremismus".

Jewlojew wurde am 31. August 2008 auf dem Flughafen der inguschetischen Hauptstadt Magas festgenommen und kurz darauf von einem Polizisten erschossen. Die Behörden sprachen von einem Versehen, dennoch kam es zu Massenprotesten, der Präsident der Republik musste zurücktreten. Die Staatsanwaltschaft weigert sich jedoch, im Fall Jewlojew ein Strafverfahren einzuleiten.

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Paul Chlebnikow

Der russischstämmige US-Journalist war Herausgeber und Chefredakteur der russischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes. Chlebnikow schrieb außerdem Enthüllungsbücher über den inzwischen im britischen Exil lebenden russischen Oligarchen Boris Beresowski und über den tschetschenischen Rebellenführer und Unterweltboss Chosch Achmed Nuchajew.

Unter seiner Leitung veröffentlichte Forbes immer wieder kritische Artikel über die politische und wirtschaftliche Entwicklung Russlands unter Putin. Chlebnikow wurde am 9. Juli 2004 vor der Forbes-Redaktion in Moskau von Unbekannten erschossen. Zwei Tschetschenen, die als Tatverdächtige vor Gericht kamen, wurden freigesprochen. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt.

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Wladislaw Listjew

Der TV-Journalist moderierte noch zu Sowjetzeiten "Wsgljad", das erste kritische Politikmagazin im russischen Fernsehen. Er kreierte zahlreiche Talk- und Unterhaltungsshows nach westlichem Vorbild und wurde 1995 Direktor des staatlichen Fernsehkanals ORT. Kurz darauf, am 1. März 1995, wurde Listjew vor seinem Haus erschossen. Sein Tod erschütterte die Öffentlichkeit, alle russischen Fernsehsender zeigten einen Tag lang statt ihrer normalen Programme nur ein Standbild des Ermordeten.

Hinter dem Tod des politischen Meinungsmachers wurden politische Gegner, aber auch Wirtschaftskreise vermutet, die sich dafür rächten, dass Listjew als ORT-Chef zahlreiche überteuerte Werbeverträge gekündigt hatte. Die Ermittlungen wurden mangels konkreter Spuren im April 2009 eingestellt.

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Stanislaw Markelow und Anastasija Baburowa

Der Moskauer Rechtsanwalt galt als einer der aktivsten Bürgerrechtsanwälte Russlands. Der erklärte Sozialdemokrat vertrat tschetschenische Kriegsopfer, junge Antifaschisten und systemkritische Journalisten, darunter auch Anna Politkowskaja. Er war auch der Anwalt des Journalisten Michail Beketow, der seit einem Attentat im November 2008 im Koma lag. Markelow war schon 2004 von Unbekannten in der Moskauer Metro zusammengeschlagen worden.

Am 19. Januar 2009 kündigte er bei einer Pressekonferenz im Moskauer Stadtzentrum an, er wolle juristisch gegen die vorzeitige Haftentlassung des Offiziers Juri Budanow vorgehen. Budanow war wegen Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Tschetschenin verurteilt worden, die Stanislaw Markelow vertrat. Nach dieser Pressekonferenz wurde der 34-jährige Markelow auf einer belebten Straße im Stadtzentrum Moskaus von einem Unbekannten getötet - mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe.

Mit einem weiteren Kopfschuss verletzte der Täter Markelows Begleiterin, die Journalistikstudentin Anastasija Baburowa. Die 25-Jährige starb wenig später auf der Intensivstation eines Moskauer Krankenhauses. Baburowa hatte für die oppositionelle Wochenzeitung Nowaja Gaseta gearbeitet - das Blatt Anna Politkowskajas. Sie hatte unter anderem mehrere Artikel über jugendliche Rechtsextremisten geschrieben.

Obwohl Dutzende Passanten Zeuge der Bluttat wurden, fehlt von dem Mörder Markelows und Baburowas bisher jede Spur.

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