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Volkstrauertag Russischer Shitstorm nach Bundestags-Rede

Ein sibirischer Gymnasiast erntet nach seiner Rede zum Volkstrauertag im deutschen Bundestag bodenlosen Hass für Mitleid mit deutschen Kriegsgefangenen.

Volkstrauertag 2017
Zentrale Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Bundestag. Foto: dpa

Russland hat einen neuen Antihelden: Nikolai Desjatnitschenko, 16 Jahre, Schüler eines Gymnasiums im sibirischen Nowy Urengoi. „Schweinehund!“ „Verräter!“ „Er leckt den Faschos den Arsch!“ So dröhnt es in den Kommentaren zu dem 140 Sekunden langen Video. Zu sehen ist da, wie der Junge am Volkstrauertag, 19. November, im deutschen Bundestag über einen bei Stalingrad gefangenen Wehrmachtssoldaten berichtet, dessen Grab in der Uralstadt Kopeisk er besucht hat.

„Ich sah die Gräber unschuldig umgekommener Menschen, unter denen viele in Frieden leben und nicht kämpfen wollten. Sie haben während des Kriegs unwahrscheinliche Mühen durchlebt, über die mir auch mein Urgroßvater erzählte, der als Kommandeur einer Schützenkompanie am Krieg teilnahm.“

Diese mitfühlenden Worte lösten in Russland einen Shitstorm aus. „Dieser umprogrammierte Schuljunge stellt sich hin und rammt der Heimat das Messer in den Rücken“, wütet das Massenblatt „Komsomolskaja Prawda“. Und der Nationalpopulist Wladimir Schirinowski schimpfte: „Ein Bandit bemitleidet einen anderen.“ Sibirische Regionalabgeordnete wie Duma-Parlamentarier haben Beschwerden bei Staatsanwaltschaft und Geheimdienst eingereicht: wegen „Rechtfertigung des Nazismus“.

Seine Deutschlehrerin verteidigt ihn

Man kann die Worte über Wehrmachtssoldaten als „unschuldig umgekommene Menschen“ durchaus hinterfragen. In der Blutspur, die Hitlers Heer auf seinem Weg nach Stalingrad hinterließ, bewahrten wohl nur wenige Landser ihre Unschuld. Und Nikolais Mutter rechtfertigt ihn nun, sie habe lange mit ihrem Sohn an dem Bericht für den Bundestag gearbeitet, aber am Ende habe er den Text auf zwei Minuten zusammenkürzen müssen. „Es blieben nur Fragmente übrig, beim Lesen wird mir jetzt selbst bange.“ Wohl auch angesichts derer, die auf Nikolais Seite im Sozialnetz „vkontakte“ drohend fragen, ob er auswandern oder sich lieber aufhängen wolle.

Seine Deutschlehrerin Ljudmila Kononenko verteidigt ihn: „Er hat die Taten der Faschisten mit keinem Wort entschuldigt.“ Auch der Historiker Wladimir Ryschkow stellt sich hinter Nikolai: „Seine Hauptaussage war humanistisch und pazifistisch: Krieg ist immer eine Katastrophe, in der einfache Menschen leiden. Das Kesseltreiben gegen den Jungen zeigt nur, wie viel Faschismus, Hass und Gewalt in unserer Gesellschaft noch stecken.“ Am Dienstag sagte dann auch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, der Schüler habe nichts Böses gewollt. „Die exaltierte Hetze, die jetzt stattfindet, ist völlig unverständlich.“ Nikolai selbst schweigt noch.

Bleibt zu hoffen, dass es ihm dort besser ergeht als dem 18-jährigen Wlad Kolesnikow aus Podolsk: Nach einem Auftritt in seiner Berufsschule im Juni 2015 mit einem T-Shirt und dem Spruch „Gebt die Krim zurück!“ darauf wurde er so drangsaliert und gehetzt, dass er sich sechs Monate später umbrachte.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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