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Volksabstimmung im Sudan Zittern vor der Spaltung

Bei einem Scheitern der Volksabstimmung im Sudan droht wieder Krieg. Und selbst wenn das Referendum über die Abspaltung des muslimischen Nordens wie geplant stattfinden würde, gäbe es Probleme.

Sturm zieht auf. Eine Dinka vor ihrer Hütte im Sudan. Foto: rtr

Weniger als hundert Tage vor dem Volksentscheid im Sudan, in dem der christlich dominierte Süden des Landes über eine Abspaltung vom muslimischen Norden entscheiden soll, nehmen die Spannungen in dem Unruhestaat immer mehr zu. Während Politiker aus dem Norden immer neue Gründe für eine Verschiebung oder gar die Nichtanerkennung der Ergebnisse vorbringen, drohen Repräsentanten aus dem Süden mit einem Bürgerkrieg, falls der im Friedensvertrag von 2005 vorgesehene Volksentscheid nicht zustande kommt.

Die US-Regierung hat der Krise oberste Priorität eingeräumt: Während einer Sudan-Konferenz Ende September warnte Präsident Barack Obama, „das Schicksal von Millionen Menschen“ stehe auf dem Spiel. Gestern trafen die Botschafter der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats im Sudan ein: Im Rahmen eines mehrtägigen Besuchs wollen sie sicherstellen, dass der für den 9. Januar anberaumte Termin doch noch zustande kommen kann.

Zuvor war bekanntgeworden, dass die Vorbereitungen für das Referendum schon um Wochen hinterherhinken. Nach Angaben des aus dem Norden stammenden Vorsitzenden der Wahlkommission, Mohammed Ibrahim Khalil, kann die Registrierung der Wähler frühestens Mitte November und nicht wie ursprünglich beabsichtigt Ende Oktober beginnen.

Südsudanesische Politiker fürchten, dass die Regierung in Khartum schon dabei Fälschungen plant: Da kaum Zweifel daran bestehen, dass sich eine überwältigende Mehrheit der Südsudanesen für die Unabhängigkeit ausspreche, bliebe dem Norden nur die Chance, die erforderliche Beteiligung von 60 Prozent der registrierten Wähler nicht zustande kommen zu lassen. Als derzeit größtes Problem erweist sich die Grenzregion Abyei zwischen Norden und Süden, in der ein Großteil der Ölreserven des drittgrößten afrikanischen Ölproduzenten südlich der Sahara liegt.

Im Friedensabkommen wird festgelegt, dass die Einwohner Abyeis zeitgleich mit dem Referendum bestimmen können, ob sie zum Süden oder Norden gehören wollen: Gestritten wird jedoch darüber, wer als Bewohner der Region anzusehen ist. Abyei wird von Dinkas bewohnt, die sich dem Süden zugehörig fühlen, aber auch von arabischen Nomaden – den Missiriya – aus dem Norden genutzt, die im Fall einer Abspaltung den Verlust ihres Weidelands befürchten. Lasse man die Missiriya nicht wählen, würden sie „alles in Flammen setzen“, drohte deren Führer Babo Nimr: „Wenn das zu einem neuen Krieg führt, dann ist das halt so.“

Umgekehrt befürchten die Dinkas, dass der Norden die Zahl der wahlberechtigten Missiriya in die Höhe treiben könnte: Da es sich um Nomaden handele, sei ihre Anzahl leicht zu manipulieren.

Ohnehin sind die Missiriyas bei den Dinkas schlecht angesehen: Der gut bewaffnete Stamm hatte während des 21 Jahre langen Bürgerkriegs, der weit über zwei Millionen Menschen das Leben kostete, auf der Seite Khartums gekämpft. Falls das Abyei-Problem nicht rechtzeitig gelöst werde, könne auch der Volksentscheid nicht stattfinden, warnte Vizepräsident Ali Osman Taha daher.

Deutlich wie noch nie sprach sich der Präsident des Südens, Salva Kiir, für eine Abspaltung aus. Khartum habe in den vergangenen fünf Jahren nichts getan, um die Einheit attraktiver zu machen, sagte Kiir auf einer Kundgebung in der südlichen Hauptstadt Juba: „Wenn ich alleine zu bestimmen hätte, würde ich für die Abspaltung votieren.“ Diese Aussage wurde wiederum in Khartum als „vollkommen unakzeptabel“ kritisiert: Sie stelle einen Verstoß gegen das Abkommen dar, in dem sich beide Seiten verpflichteten, auf die Beibehaltung der Einheit des größten Flächenstaates Afrikas hinzuarbeiten.

Khartum warf dem Süden ferner vor, sich auf eine neue Konfrontation vorzubereiten – die südsudanesische Befreiungsarmee SLA habe in der Nähe umstrittener Regionen bereits Truppen zusammengezogen. Umgekehrt warf der Süden dem Norden vor, im Grenzgebiet 70.000 Soldaten zur Vorbereitung einer Invasion stationiert zu haben. „Immer deutlicher zeichnet sich die Gefahr eines neuen Krieges ab“, warnt der US-Sudan-Experte John Prendergast. Selbst wenn das Referendum wie geplant stattfinden würde, ist auch noch immer nicht geklärt, wie etwa die Einnahmen aus dem Ölexport aufgeteilt werden. 80 Prozent der bekannten Reserven befinden sich im Süden, während die einzige Pipeline des Landes durch den Norden ans Rote Meer führt.

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