Lade Inhalte...

Völkermord-Prozess Mladic nennt die Vorwürfe „monströs“

Zum ersten mal ist der der bosnisch-serbische General vor dem UN-Tribunal in Den Haag aufgetreten. Dabei gab sich der mutmaßliche Völkermörder reichlich vergesslich - selbst bei seinem Geburtsdatum.

General vor Gericht: Ratko Mladic am Freitag in Den Haag. Foto: getty

Zum ersten mal ist der der bosnisch-serbische General vor dem UN-Tribunal in Den Haag aufgetreten. Dabei gab sich der mutmaßliche Völkermörder reichlich vergesslich - selbst bei seinem Geburtsdatum.

"Ich habe nur mein Volk und mein Land verteidigt“, rief ein wütender Ratko Mladic in offenbar vorbereiteten Sätzen am Ende seiner Vorführung gegen die Panzerglasscheibe, die den Gerichtssaal von den Journalisten trennt: „Und auch hier verteidige ich nur mein Volk und mein Land.“ Mit trotzig gerunzelter Stirn, meist unsicher, dann aber auch plötzlich wieder mit alter Energie präsentierte sich am Freitag der vorige Woche gefasste bosnisch-serbische General zum ersten Mal dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag. Der Auftritt lässt wenig Aussicht auf einen aufschlussreichen Prozessverlauf.

Misstrauen im Blick

Wenn man beginnende Demenz spielen wollte, dann müsste man es so oder ähnlich tun. Im grauen Anzug, mit nachlässig gebundener Krawatte und einer unpassenden Kappe auf dem Kopf betrat Ratko Mladic, von zwei Justizbeamten mehr gestützt als geführt, gestern den Großen Saal des Haager Tribunals. Willig, zuweilen überpräzise, jedoch mit diffusem Misstrauen im Blick gab der Angeklagte Antwort auf die einfachen Verfahrensfragen des niederländischen Richters Alphons Orie.

Dass er zum Beispiel auch Mazedonisch spreche, verriet Mladic dem Richter auf die Frage, ob er der serbischen Übersetzung folgen könne. Und, mit schwerer Zunge, dass sein bosnischer Geburtsort Bozanovici „zweieinhalb Kilometer“ vom Gemeindesitz Kalinovik entfernt liege. Wenn er sich zwischendurch mit seinem Pflichtverteidiger Aleksandar Aleksic beriet, vergaß er, das Mikro auszuschalten und ließ den ganzen Saal teilhaben.

Ob er die Anklageschrift erhalten und gelesen hatte, war aus dem Angeklagten dagegen nicht herauszubringen. Drei Ordner hätten sie ihm in die Zelle gebracht, sagte Mladic in vorwurfsvollem Ton. Die eigentliche Anklage aber, ein Dokument von 37 Seiten, hatte er gesondert zugestellt bekommen, wie Richter Orie sich überzeugte. Mladic hatte es augenscheinlich vergessen. Auch die Verwirrung um sein Geburtsdatum konnte er nicht klären: Er sei am „Karmontag 1943“ geboren, erklärte der Angeklagte mit fester Stimme. Das Gericht führte ihn bis dato unter dem Geburtsdatum 12. März 1942. Aber weder 1942 noch 1943 fiel nach dem serbisch-orthodoxen Kirchenkalender der Montag der Karwoche auf den 12. März. Gefragt, ob er die Anklage vorgelesen haben wolle, wurde Mladic erstmals ärgerlich: „Nicht einen einzigen Satz“ wolle er davon hören – und das, obwohl der mündliche Vortrag nach dem Verfahrensrecht ein Recht des Angeklagten ist, nichts, das er ertragen müsste oder soll.

Als der Richter die wichtigsten Punkte der Anklage zusammengefasst hatte, von der Belagerung Sarajevos über den Völkermord von Srebrenica bis zu den „ethnischen Säuberungen“ in 23 bosnischen Gemeinden, schien Mladic auch zu vergessen, dass er nicht mehr der mächtige Offizier ist, der er einst war: Solche „widerwärtigen Anschuldigungen“, solche „monströsen Worte“ habe er noch nie gehört, brachte er grollend vor.

Vertagt bis Anfang Juli

Zu Beginn der Verhandlung bestätigte Mladic nach einigen Nachfragen, dass seiner ersten Vorführung keine gesundheitlichen Hindernisse entgegenstünden. Gleich darauf ließ er aber wissen, er sei ein „schwerkranker Mann“. Mit beifälligem Händeklatschen nahm Mladic das Angebot des Richters auf, sich zu seinem Gesundheitszustand nur in geschlossener Sitzung zu äußern. Gleich darauf wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Mladics Belgrader Anwalt Milos Saljic hatte behauptet, Mladic leide an Lymphdrüsenkrebs und habe sich deshalb 2009 in einer Belgrader Klinik einer Chemotherapie unterzogen. Der Sonderstaatsanwalt dementierte: Mladic habe keinen Tumor. Der Arztbericht der Klinik, den der Anwalt vorgelegt hatte, sei eine Fälschung.

30 Tage stehen dem Angeklagten zur Verfügung, um auf „schuldig“ oder „nicht schuldig“ zu plädieren. „Ich brauche viel länger“, sagte Mladic. Das bewog Richter Orie, ein weiteres Missverständnis aufzuklären: Für seine Verteidigung habe er später noch ausführlich Gelegenheit. Die nächste Verhandlung ist für den 4. Juli anberaumt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen