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Völkermord in Deutsch-Südwestafrika Herero verklagen Deutschland

Mehr als 100 Jahre nach Ende der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia fordern zwei Volksgruppen Entschädigung für die Massaker in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

Maschinengewehrtrupp der deutschen Kolonialtruppe im Kampf gegen die Herero. Foto: dpa

Deutschland holt seine koloniale Vergangenheit ein. Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama aus Namibia haben in New York eine Sammelklage gegen Deutschland eingereicht mit dem Ziel, Entschädigungszahlungen wegen der Anfang des 20. Jahrhunderts begangenen Kolonialverbrechen zu erhalten. Darüber hinaus fordern Herero-Chef Vekuii Rukoro und Nama-Chef David Frederick, dass Vertreter ihrer Gruppen in Verhandlungen zwischen den Regierungen Deutschlands und Namibias einbezogen werden müssen.

In der Klage heißt es, in der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft über das damalige Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, sei zwischen 1885 und 1903 ein Viertel des Landes der Herero und Nama mit Einverständnis der Kolonialbehörden von deutschen Siedlern enteignet worden. Geduldet von den Kolonialbehörden hätten die Siedler Frauen und Mädchen vergewaltigt und der Bevölkerung Zwangsarbeit auferlegt. Bei einem 1904 einsetzenden Aufstand habe der deutsche General Lothar von Trotha einen Vernichtungsfeldzug geführt, in dem 100.000 Herero und Nama getötet worden seien.

Bundesregierung lehnt Zahlungen ab

Die beiden Kläger berufen sich auf die UN-Erklärung der Rechte für indigene Völker, die seit 2007 eine Beteiligung an wichtigen, sie betreffenden Entscheidungen durch selbst bestimmte Vertreter vorsieht. Die Bundesregierung hat bislang in fünf Verhandlungsrunden mit der namibischen Regierung über Wiedergutmachung verhandelt, individuelle Zahlungen aber stets abgelehnt. Stattdessen soll eine „Zukunftsstiftung“ gegründet werden, die „Erinnerungsprojekte“ finanziert. Die Bundesregierung hatte im Juli 2016 erstmals in einem offiziellen Dokument die Massaker an den Herero und Nama als Völkermord anerkannt.

Der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, Unterhändler der Bundesregierung in Entschädigungsverhandlungen mit Namibia, wird von „Spiegel online“ mit den Worten zitiert, die Klage komme nicht überraschend. Auch in der Vergangenheit habe es mehrere erfolglose Versuche gegeben, Entschädigungszahlungen vor Gericht zu erstreiten. Nach Angaben der Bundesregierung wurden Klagen früher nicht angenommen, weil es den Tatbestand des Völkermords während der deutschen Kolonialherrschaft 1904 noch nicht gab. Er entstand erst 1948 durch die Völkerrechtskonvention. „Das heißt aber nicht, dass die Massaker an den Herero und Nama nicht als Völkermord einzuordnen sind“, sagte Polenz.

Der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer, einer der führenden Kenner der deutschen Kolonialpolitik und mit mehreren Veröffentlichungen zum Völkermord an den Herero und Nama hervorgetreten, bewertet die Klage allerdings als wichtige Neuerung. Der Bezug auf die UN-Erklärung zu den Rechten Indigener, die von Deutschland und Namibia anerkannt wurde, könnte eine direkte Beteiligung der Vertreter an Verhandlungen rechtfertigen, sagte Zimmerer „Spiegel online“.

Historiker: Erste Genozid des 20. Jahrhunderts

Der Völkermord in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika war das blutigste Verbrechen der deutschen Kolonialgeschichte. Obwohl die aufständischen Herero bereits geschlagen waren, hatte General von Trotha den berüchtigten „Vernichtungsbefehl“ erteilt: „Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Das sind meine Worte an das Volk der Herero.“

Nach Einschätzung Zimmerers war die Vernichtung der Herero nicht nur der erste Genozid des 20. Jahrhunderts, vielmehr sieht er eine Verbindung zum Holocaust: „Eine ‚industrielle‘ Ermordung gab es zwar nicht, allerdings möchte ich daran erinnern, dass auch im Zweiten Weltkrieg die Hälfte der Holocaustopfer nicht in ‚Todesfabriken‘ wie Auschwitz oder Treblinka zu Tode kamen, sondern durch Massenerschießungen und unerträgliche Lebensbedingungen in Gettos. Aber sehr wohl gab es eben eine Kontinuität des Denkens.“

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