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„Vice Magazine“-Mitgründer Gavin McInnes Die Hass-Hipster

Der Mitgründer des „Vice Magazine“ Gavin McInnes macht mit seinem rechtsradikalen Männerklub „Proud Boys“ in den USA mobil.

Gavin McInnes
Der rechte US-Aktivist Gavin McInnes setzt auf Provokation – und seine „Proud Boys“ auf Gewalt. Foto: rtr

Bis auf blaue Augen und blaue Flecken war nicht viel passiert bei der kurzen Schlägerei in der Upper East Side von Manhattan vergangene Woche, die Polizei war innerhalb von Minuten vor Ort und trennte die Raufbolde voneinander. Und doch beschäftigte der Vorfall die Medien mehr als manche der immer seltener werdenden Schießereien mit tödlichem Ausgang. Es war das erste Mal im vermeintlich solide linksliberalen New York, dass linke und rechte Gruppen auf offener Straße aufeinander losgegangen waren. 

Eine Gruppe von Antifa–Aktivisten hatte vor dem konservativen Metropolitan Republican Club darauf gewartet, dass Gavin McInnes, eine neue Kult-Figur der „Alt-Right“-Bewegung seine Rede beendet. Als dieser mit seiner Entourage, den „Proud Boys“ auf die Straße trat, schlugen sie zu. Der Vorfall war ganz nach dem Geschmack von McInnes, der in den folgenden Tagen auf allen nationalen Nachrichtenkanälen den Zwischenfall kommentieren und dabei immer wieder die Agenda seiner Proud Boys („Stolzen Jungs“) verkünden durfte. Die „New York Times“ widmete McInnes gar ein ganzseitiges Feature.

„Political Correctness“ war ihm schon immer ein Graus

Wie McInnes selbst entsprechen die Proud Boys auf den ersten Blick so gar nicht dem Feindbild, dass die Linke in Amerika von der Trump-sympathisierenden neuen Rechten mit sich herum trägt. Die Proud Boys, die Zweigstellen in den ganzen USA und sogar in Australien und Japan besitzen, sind urban, hip und gebildet. Mit der weißen, offen rassistischen Arbeiterschicht im amerikanischen Süden etwa, die zum Klischee des typischen Trump-Wählers geronnen ist, haben sie so wenig gemein, wie die linke Elite Manhattans.

Von Hardcore-Rechtskonservativen werden McInnes und die Proud Boys deshalb auch gerne als „Alt-Light“ bezeichnet – ein Label mit dem McInnes gut leben kann. „Ich bin noch immer derselbe Punk, der ich vor 20 Jahren war“, sagt McInnes, der einen Hipsterbart trägt und Lederjacken bevorzugt. „Nur dass meine Zielscheibe nicht mehr die bourgeoisen Spießer aus den Vororten sind, sondern die politisch korrekte linke Elite.“

„Political Correctness“ war dem Kanadier McInnes schon immer ein Graus, die pubertäre Lust am Tabu-Bruch sein Markenzeichen. So war die Transgression auch das redaktionelle Konzept des „Vice Magazine“, das er in den 90er Jahren in Brooklyn mitgründete.

Die frühen Ausgaben des Heftes, dessen Verlag sich seither zu einem globalen Medienkonzern entwickelt hat, waren voller Geschichten und Bildern von Exzessen und Grenzüberschreitungen, ein Fenster in die Welt der jungen männlichen Partyszene von Brooklyn jener Jahre, die sich darin gefiel, auf Konventionen zu scheißen. Das Konzept ging auf, die Ästhetik wurde als cool und neuartig wahrgenommen. „Vice“ wurde Kult. Als der Verlag vor rund zehn Jahren in das eher traditionelle Nachrichtengeschäft vorstieß, verabschiedete sich McInnes jedoch, wegen „kreativer Differenzen“, wie er sagt. 

Als geschickter Zeitgeist-Analytiker verstand McInnes es jedoch, per Podcast und seiner eigenen TV-Show, sich erfolgreich neu zu positionieren. Lange vor Trump und Brett Kavanaugh verstand er es, jenes weiße männlich Publikum zu mobilisieren, dass sich durch sogenannte Political Correctness bedroht fühlt, sich aber nicht mit reaktionären offen rassistischen Kreisen des ländlichen Süden identifiziert.

Er bezeichnet sich als „westlichen Chauvinisten“

Bei McInnes’ Populismus handelt sich viel eher um eine „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“-Mentalität. Er bezeichnet sich als „westlichen Chauvinisten“, der die Werte des Abendlandes verteidige. Er findet, dass Frauen gleiche Rechte vor dem Gesetz haben sollten, hält aber das Aufbrechen traditioneller Gender-Rollen für eine Katastrophe und widernatürlich. McInnes sieht sich selbst nicht als Rassisten, bittet aber um das Recht, „bestimmte Verhaltensmuster von Schwarzen“ benennen zu dürfen. Und er hat laut eigener Aussage nichts per se gegen den Islam, glaubt aber, „dass in muslimischen Gemeinden ein überproportionales Maß an Intoleranz herrscht“.

Die Sternstunde von McInnes kam jedoch mit der #MeToo-Bewegung. Wie stets verstand er es, einen vermeintlichen Mittelweg zu formulieren. Er verteidige nicht Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch, sagt er. Doch McInnes beklagt sich sehr wohl über das, was er als Weinerlichkeit bezeichnet und eine „Obsession mit Mirko-Aggressionen.“ Wenn es ein Problem mit sexuellem Missbrauch gibt, sagt McInnes ganz im Gleichlaut mit Trump, dann sollen die Frauen halt zur Polizei gehen.

Aus der Kritik an #MeToo entstanden im vergangenen Jahr dann die Proud Boys, Männerclubs im ganzen Land, wo Männer zusammen kommen um Männer zu sein. Man säuft und rauft und wettert über feministische Hysterie, über die vermeintliche Perversion von Transgender-Identitäten und teilt die gemeinsame Bewunderung für Donald Trump.

Ihr Recht, „echte Männer“ zu sein, leben die Proud Boys aber auch bei politischen Veranstaltungen und Kundgebungen aus, wo sie sich als Schlägertrupps mit Neonazi-Gruppen verbünden. Es ist eine von mehreren Gründen, warum die Watch-Dog Organisation Southern Poverty Law Center die Proud Boys als Hassgruppe einstuft.

Das schreckt die immer zahlreicher werdenden Proud-Boys-Gruppen jedoch nicht ab. Sie bleiben ein beliebter Schutzraum für den vermeintlich bedrohten urbanen weißen Mann. Und ganz nebenbei kann er dort dann seinen ganzen Hass auf alles das los werden, was nicht so ist, wie er.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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