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Verständnis für Femen fehlt

Tunesiern sind Proteste viel zu radikal

Heute ist der tunesische Ministerpräsident Ali Laraayedh zu Besuch bei der Kanzlerin in Berlin. Eigentlich stehen harmlose Themen auf der Tagesordnung – wären da nicht Josephine Markmann und ihr nackter Busen. Die Frauenaktivistin sitzt seit Ende Mai in Tunesien in Haft, und dort wird sie vorerst bleiben.

Am Mittwoch begann der Prozess gegen sie und ihre beiden französischen Mitstreiterinnen. Ende Mai hatten sie sich mit nacktem Oberkörper vor den tunesischen Justizpalast gestellt: „Revolution!“ stand auf ihren Brüsten. In traditionellen weißen Gewändern erschienen die drei am Mittwoch zum Prozessauftakt. Doch der Richter hörte sie nicht einmal an, sondern vertagte auf kommende Woche. Dann will er zunächst entscheiden, ob er radikale Salafisten als Privatkläger am Prozess teilnehmen lässt. Keine schönen Aussichten für die Angeklagten.

Markmann und zwei weitere Aktivistinnen der radikalfeministischen Organisation Femen waren nach Tunesien gereist, um für die Freilassung von Amina Sboui zu protestieren. Die 18-Jährige hatte im März unter dem Pseudonym Amina Tyler Bilder von sich im Internet veröffentlicht: „Mein Körper gehört mir“, hatte sie mit Kajal auf ihre nackte Brust geschrieben. In einem AFP-Interview berichtete sie im April, dass sie anschließend von ihrer Familie schwer misshandelt worden sei. Ihre Mutter entgegnet, sie habe ihre Tochter nur beschützen wollen. Radikale Islamisten hätten gedroht, sie umzubringen. Anfang Mai wurde Sboui verhaftet, nachdem sie in Kairouan in großen Lettern „Femen“ an eine Mauer nahe der großen Moschee gesprüht hatte. Der Protest der Femen-Aktivistinnen richtet sich gegen Männerherrschaft, Diktatur und Religion.

Die Meinungen der Tunesier über den Nackt-Protest gehen auseinander. Für viele, vor allem die Anhänger der regierenden Al-Nahda-Partei und die Salafisten, verkörpert Femen alles Übel, das der Westen zu bieten hat. Die Vorstellung, dass man sich nackt in der Öffentlichkeit bewegt, um eine politische Forderung durchzusetzen, ist aber auch vielen durchschnittlichen Tunesiern völlig unverständlich. Menschenrechtsaktivisten hingegen kritisierten das Verfahren und die Hetzkampagne gegen die Frauen. Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit würden mit den Füßen getreten, empörten sie sich. Viele von ihnen betonten aber zugleich, dass sie die Art des Protestes als für Tunesiens islamisch geprägte Gesellschaft für unangemessen hielten.

Sogar Nadia Chaabane, Frauenrechtlerin und linke Abgeordnete in der Verfassungsversammlung, die sich gegen die Islamisierung der Gesellschaft und die Beschneidung von Frauenrechten starkmacht, sprach sich scharf gegen Femen aus: „Dies ist eine unproduktive Provokation. Sie lenkt von den eigentlich wichtigen Themen ab, die uns heute beschäftigen: die schlechte sozioökonomische Lage, die Verfassung und die zunehmende Gewalt“, sagte sie. Sboui hingegen nahm sie in Schutz: „Ich denke, dass Amina eine etwas verlorene Jugendliche ist. Der Zorn, der sich gegen sie richtet, ist nicht angemessen“, sagte sie.

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