Lade Inhalte...

Versicherungskonzern R+V Schwangere ausgebootet

Die Geschichte der Sule Eisele-Gaffaroglu ist komplizier und könnte zum Vorzeigebeispiel in der deutschen Rechtsgeschichte werden: Das Arbeitsgericht Wiesbaden wird sie nach dem AGG verhandeln. Von Jana Schulze

30.10.2008 18:10
Jana Schulze

Sule Eisele-Gaffaroglu ist vorsichtig geworden mit dem, was sie sagt. Sie habe Angst. Dabei klingt die Stimme der 38-Jährigen ruhig und klar. Ihre Geschichte ist kompliziert, erschreckend und könnte zum Vorzeigebeispiel in der deutschen Rechtsgeschichte werden: Das Arbeitsgericht Wiesbaden wird sie demnächst nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verhandeln, als ersten Fall in diesem Umfang.

Die Personenversicherungsbetreuerin Sule Eisele-Gaffaroglu aus dem schwäbischen Saulgau klagt gegen ihren Arbeitgeber, den Versicherungskonzern R+V, wegen Geschlechterdiskriminierung. Ihre Anwälte verlangen dafür 500 000 Euro Schadensersatz.

Auf 101 Seiten haben die Arbeitsrechtler Michael Alenfelder und Frank Jansen, beide gehören der Deutschen Gesellschaft für Antidiskriminierungsrecht an, die Klage festgehalten: Als die Versicherungsbetreuerin im Dezember 2006 schwanger wurde, habe sie ihren Filial-Leiter schriftlich informiert. "Darauf gab es keine Reaktion", erzählt Eisele der FR. Erst im Januar 2007 habe ihr Chef sie zum Gespräch geladen: Wie sie sich die Zeit nach der Schwangerschaft vorstelle? "Dabei war er überfreundlich und betonte, dass das Wohl des Kindes an erster Stelle steht", sagt Eisele-Gaffaroglu. Der Geburtstermin der zweiten Tochter war für Juni 2007 angesetzt. "Wie sollte ich ein halbes Jahr vorher wissen, was dann passiert?"

Das Ehepaar Eisele entschied, dass Sule die staatliche zugestandenen drei Monate Mutterschutz nimmt und dann wieder in ihren Job als Außendienstlerin zurückkehrt. "Aber bei der Übergabe vor dem Mutterschutz erfuhr ich, dass mir mein Nachfolger und nicht mein Vertreter vorgestellt wurde - nach mehrfachen Nachfragen." Ihr Vorgesetzter habe - über ihren Kopf hinweg - "beschlossen", dass sie in die längere Elternzeit geht. Noch heute sei sie fassungslos und wütend darüber.Der letzte Arbeitstag wurde für Eisele-Gaffaroglu zum Alptraum; sie brach zusammen, hatte Angst um ihr Baby. Sie habe den Betriebsrat um Hilfe gebeten - und warte darauf bis heute. Auch auf ihr Passwort für den Computerzugang, das ihr am ersten Tag des Mutterschutzes gesperrt worden sei.

Nach dem Mutterschutz habe ihr Chef weiter auf die Elternzeit gedrungen. Sie lehnte ab. Daraufhin habe der Chef Eisele-Gaffaroglus Dienstzuständigkeit in einen Bezirk verlegt, der viel weniger Provisionen einbringe. Arbeiten könne sie auch da nicht, weil sie kein Passwort habe; sie bekomme nun ein geringes Basisgehalt.

Weil ihr Mann krank ist, ernährt die zweifache Mutter die ganze Familie. Im Mai 2007 ging die studierte Germanistin zum ersten Anwalt. Der kannte sich, so Eiseles Ehemann, nicht mit dem AGG aus und klagte auf Wiedereinstellung in den alten Tätigkeitsbezirk. Die R+V habe eine Vertragsauflösung und eine Abfindung angeboten. Die Klägerin lehnte ab.

Seit Dezember 2007 liegt der Fall bei Alenfelder und Jansen. "Es wird nicht einfach, weil das Gesetz neu ist und wir viele europäische Vorschriften beachten müssen", sagt Anwalt Jansen. Man leiste Pionierarbeit. Der Konzern will sich zu einem laufenden Verfahren nicht äußern.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen