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Verschwörungstheorien „Pegida und IS teilen Wahrnehmungsstandard“

Der Medienforscher John David Seidler erklärt im Interview mit der FR die Herkunft von Verschwörungstheorien und warum sie wieder Konjunktur haben. Anfällig seien vor allem Extremisten.

16.03.2016 12:59
Von Lisa Boekhoff
Auf die Freimaurer folgt das Feinbild „Lügenpresse“, wie hier illustriert auf einer Pegida-Kundgebung in Dresden. Foto: Matthias Schumann

Herr Seidler, Ihre Arbeit „Verschwörung der Massenmedien“ haben Sie im Herbst 2014 abgeschlossen. Kurze Zeit später riefen Demonstranten „Lügenpresse, halt die Fresse“. Hätten Sie erwartet, dass Ihr Untersuchungsgegenstand so schnell relevant wird?
In der Form hat es mich überrascht, nicht aber grundsätzlich. Es war erkennbar, dass sich am rechten Rand etwas tut. Dass die Szene und dieses Schlagwort so einen Aufwind bekommen, habe ich nicht vorausgesehen.

Wie funktionieren Verschwörungstheorien?
Ich definiere sie als Begleiterzählung zum Informations- und Bilderstrom der Massenmedien. Das ist ein ganz wesentliches Merkmal. Sie funktionieren dadurch, dass potenziell alles, was sich medial zeigt, im Kontext einer totalen Verschwörung interpretiert wird. Vormoderne Verschwörungstheorien haben sich noch an Erscheinungen der Natur orientiert, um Spuren des Teufels oder der Hexen nachzuweisen. Die moderne Verschwörungstheorie referiert dagegen für ihre Beweisführung nur noch auf Medien.

Gegen wen richteten sich die ersten modernen Verschwörungstheorien?
Ihre Feinde waren ganz klar die aufklärerischen Geheimbünde: die Freimaurer und Illuminaten. Sie standen im Verdacht, die Französische Revolution geplant und umgesetzt zu haben. Ihnen wurde unterstellt, alles Revolutionsunglück nun auch über den Rest der Welt verbreiten zu wollen. Tatsächlich haben die Illuminaten versucht, Herr über die Publizistik zu werden.

Um die Ermordung John F. Kennedys, die Mondlandung oder den 11. September 2001 ranken sich viele Geschichten. Lassen sich Strukturen erkennen, die sich über Jahrhunderte bis in die Verschwörungen der jüngsten Gegenwart gehalten haben?
Es sind epochemachende Ereignisse, um die es geht. Sie sind mit besonderer Wucht medial präsent. Die zugespitzte Variante der Verschwörungstheorie stellt nicht nur den Urheber infrage, sondern behauptet, dass das Ereignis gar nicht stattgefunden hat.

Welche Rolle spielen Emotionen?
Verschwörungstheorien sind seit ihrem Ursprung traditionell Bestandteil von Propaganda und Gegenpropaganda. Die funktioniert nicht rational, sondern brüllt und echauffiert sich. Verschwörungstheorien sind seit 250 Jahren fester Teil unserer Kultur und unserer politischen Debatten. Das Erzählmuster hatte Hochphasen, immer auch Phasen des untergründigen Überlebens, aber es war nie weg. Jetzt ist es wieder ganz präsent.

Warum sind Verschwörungstheorien aktueller denn je?
Grundsätzlich wird von einer Konjunktur von Verschwörungstheorien seit circa 20 Jahren gesprochen. Die Repopularisierung von „Lügenpresse“ hängt mit den aufsteigenden nationalistischen, rassistischen und völkischen Bewegungen zusammen. Sie wurde allerdings durch die Kultur der Verschwörungstheorien vorbereitet. Der aktuelle Tonfall und die pauschale Kritik an den „Systemmedien“ im Umfeld von Pegida et cetera unterscheiden sich heute in nichts von der verschwörungstheoretischen Medienkritik von vor 20 Jahren.

Wo hört Skepsis auf und wo beginnt der Glaube an eine Konspiration?
„Lügenpresse, halt die Fresse“ ist zunächst nur ein Slogan und keine Verschwörungstheorie. Wenn dahinter aber die Vorstellung steckt, dass der gesamte mediale Apparat manipuliert ist und uns tendenziell versklaven möchte, dann ist das eine komplexere Erzählung und man spricht von einer Verschwörungstheorie. Grundsätzlich muss man aber anerkennen, dass die Übergänge oftmals eher verschwommen sind und die Grenze nicht immer so leicht an einer simplen wahr/unwahr-Unterscheidung festzumachen ist. Verschwörungen sind schließlich auch äußerst reale Phänomene.

Ist aus dem Phänomen auch eine gewisse Überforderung abzulesen, weil das Weltgeschehen derart komplex ist?
Die Verschwörungstheorie macht es extrem einfach, weil alles in das Schema eingeordnet wird. Gleichzeitig wird durch sie aber auch wieder Komplexität aufgebaut. Die Reduktion von Komplexität ist ein beliebtes Erklärungsmuster in der Forschung, aber richtig nachgewiesen hat das noch niemand. Man muss sich den prototypischen Verschwörungstheoretiker wohl eher als ausgeschlafenen Analytiker vorstellen, den die gesteigerte Komplexität eher noch reizt als abschreckt.

Gibt es eine Gruppe oder eine politische Richtung, die besonders anfällig für diese Theorien ist?
Anfällig sind besonders diejenigen, die sich zu kurz gekommen fühlen und zu Extremismus neigen. Also das, was die Psychologie als autoritäre Persönlichkeit bezeichnet. Was hiesige Rechtsextremisten und Pegida mit den Kämpfern des „IS“ teilen, ist ja der verschwörungstheoretische Wahrnehmungsstandard. Das heißt, eine obsessive Beschäftigung mit dem Informations- und Bilderstrom der Massenmedien, an dessen vermeintlichen Lügen sich dann trotz aller Verschwörung die geheime Wahrheit, also die Bestätigung des eigenen Weltbilds verrät. Verschwörungstheorien sind jedoch kein exklusives Hobby der Rechtsextremen, sondern auch der Linken. Und es ist ebenso ein Phänomen der Mitte, des sogenannten Bildungsbürgertums.

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