Lade Inhalte...

Verdacht der Hinrichtung Gaddafi wurde aus nächster Nähe erschossen

Die offizielle Version der libyschen Regierung zu den Todesumständen Gaddafis deckt sich nicht mit Fotos und Videos arabischer Medien. Amnesty International forderte eine Untersuchung.

21.10.2011 09:00
Gaddafi ist zu diesem Zeitpunkt gefangen und verletzt - aber er lebt. Foto: rtr

Libyens Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi starb nach Einschätzung eines Arztes durch „Schüsse aus nächster Nähe in Kopf und Bauch“. Ein Mediziner im Krankenhaus von Misrata, der Gaddafis Leiche untersucht habe, sei zu diesem Schluss gelangt, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija am Freitag. Dies könnte auf eine Hinrichtung nach der Gefangennahme hindeuten.

Ein Kämpfer der Nationalrats-Milizen, der nach eigenen Angaben am Donnerstag bei Gaddafis Festnahme in Sirte dabei war, stellte die Situation am Freitag in einem Gespräch mit dem Nachrichtensender Al-Dschasira anders dar. Nach einem heftigen Feuergefecht mit seinen Leibwächtern am Zugang zu dem Abwasserrohr, in dem er sich versteckt hielt, habe sich Gaddafi ohne weitere Schwierigkeiten festnehmen lassen, sagte der Milizionär Osama al-Tajib.

„Wir übergaben ihn dem Sicherheitskomitee“, führte er weiter aus. „Doch dann brach ein Gefecht zwischen den Gaddafi-Loyalisten und den Revolutionären aus.“ Gaddafi sei dabei durch Schüsse an Kopf und Brust getroffen worden. „Wir legten ihn einen Ambulanzwagen, ein Arzt machte Wiederbelebungsversuche, aber er starb.“

Offizielle Version lässt Fragen offen

Ministerpräsident Mahmud Dschibril hatte in der Nacht erklärt, Gaddafi sei zunächst gefangen genommen worden.

Dann sei der Pritschenwagen, mit dem der gefangenen Gaddafi von Sirte in die Küstenstadt Misrata gebracht werden sollte, unter Beschuss durch Anhänger des langjährigen Diktators geraten. Dabei wurde Gaddafi nach Angaben Dschibrils schwer verletzt. Er sei kurz vor der Ankunft im Krankenhaus von Misrata an dem schweren Blutverlust gestorben, erklärte der Ministerpräsident laut einem Bericht des Senders CNN.

Die New York Times schrieb am Freitag, die offizielle Version der Regierung scheine durch die kursierenden Fotos und Videos nicht gedeckt zu werden. In einem am Donnerstag aufgetauchten verwackelten Video ist offenbar zu sehen, dass Gaddafi in seiner Geburtsstadt Sirte noch lebend in die Hand der Aufständischen fiel. Der britische Telegraph zeigt ein Handyvideo der letzten Sekunden im Leben Gaddafis.

In dem von Al-Arabija ausgestrahlten Video ist ein offenbar verwundeter Gaddafi zu sehen. Er wird von der Kühlerhaube eines Fahrzeugs gezogen und von Milizionären umringt, die ihn wegzerren. Gaddafi scheint dabei noch auf eigenen Beinen zu stehen und zu wanken. Sein Hemd ist blutgetränkt. Er scheint zu sprechen und seine rechte Hand zu bewegen.

Auf späteren Bildern ist Gaddafi tot mit einer Schusswunde im Kopf zu sehen. Die britische BBC berichtete, Milizionäre des Übergangsrates hätten in ersten Berichten erklärt, Gaddafi sei erschossen worden, als er zu fliehen versucht habe.

Amnesty fordert Untersuchung

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte eine Untersuchung der Todesumstände. Die neue Regierung müsse mit der „Kultur des Missbrauchs“ unter Gaddafi vollständig brechen und Menschenrechtsreformen durchsetzen, die das Land bitter nötig habe, hieß es.

Nach einem Bericht der „New York Times“ wurde Gaddafis Leichnam in Misrata von Hunderten Menschen angeschaut. Feiernde Soldaten der Übergangsregierung gaben unterdessen die Trophäen der Festnahme von Hand zu Hand weiter - Gaddafis goldene Pistole, sein Satellitentelefon, seinen braunen Schal und einen schwarzen Stiefel.

Noch kein Termin oder Ort für Gaddafis Beisetzung

Außer Gaddafi wurden auch seine Söhne Saif al-Islam und Mutassim getötet, wie das staatliche Fernsehen berichtete. Gaddafi werde in Kürze an einem unbekannten Ort nach islamischem Ritus begraben, sagte Dschibril. Was mit seinem Körper geschehe, sei „ziemlich egal, Hauptsache, er verschwindet“. Offenkundig will der Übergangsrat damit verhindern, dass das Grab zu einem Wallfahrtsort für Gaddafi-Anhänger wird.

Die Beerdigung des früheren libyschen Machthabers Muammar Gaddafi wird sich nach Angaben der Übergangsregierung noch um einige Tage verzögern. Ein Termin stehe noch nicht fest, sagte der Ölminister des Übergangsrats, Ali Tarhuni, am Freitag.

Experten: Tod Gaddafis besser für Libyen

Nach Ansicht von Experten ist der Tod von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi besser für die weitere Entwicklung in Libyen. „Der große Vorteil“ sei, dass nun kein Gerichtsverfahren stattfinden müsse. „Man kann sich sofort den Herausforderungen der Zukunft stellen“, sagte Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz am Freitag im „Deutschlandfunk“.

Ähnlich äußerte sich auch der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes. Würde Gaddafi noch leben, hätte man in Libyen nicht genau gewusst, was man mit ihm machen solle, sagte Perthes im „Deutschlandradio Kultur“. Nach seiner Einschätzung hat der Übergangsrat „gute Chancen“, das Land in geordnete Bahnen zu führen. Wichtig sei es aber, die Gaddafi-Unterstützer zu integrieren. „Man wird Ressourcen und Positionen so verteilen müssen, dass alle sagen, das ist halbwegs fair.“

Die Frage sei: „Was passiert mit den Milizen, die wirklich hervorragend ausgerüstet sind“, sagte Meyer. Es sei ungewiss, ob sie bereit seien, ihre Waffen abzugeben. „Da werden noch erhebliche Probleme zu lösen sein.“ Allerdings sei die „Gefahr von Guerilla-Aktivitäten“ durch den Tod des Ex-Diktators geschrumpft. Die Hoffnung bei Gaddafis Anhängern, das Blatt noch wenden zu können, „ist endgültig zerstört“.

Nationalrat will Libyen für „befreit“ erklären

Der libysche Nationalrat will an diesem Samstag Libyen für „befreit“ erklären. Dies soll in feierlichem Rahmen erfolgen, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira in der Nacht zum Freitag. Innerhalb von 30 Tagen soll eine provisorische Regierung gebildet werden. Deren Aufgabe wird es sein, eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen und freie, demokratische Wahlen vorzubereiten.

Der Nationalrat werde außerdem sein Hauptquartier von Bengasi, wo vor acht Monaten der Volksaufstand gegen Gaddafi begann, in die Hauptstadt Tripolis verlegen. Der Nationalrat hatte die restlose Niederringung der letzten Überreste der Gaddafi-Streitkräfte zur Voraussetzung dafür gemacht, das Land für „befreit“ zu erklären und den demokratischen Neuanfang einzuleiten. (dpa/rtr)

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum