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Venezuela Staatskrise in Venezuela legt Nahverkehr lahm

Wer kein Geld fürs Taxi hat, dem bleibt nur die mitunter lebensgefährliche Fahrt.

Venezuela
Fast schon Komfort: ein Seil zum Festhalten. Die wenigsten der „perreras“ genannten Lastwagen und Kleintransporter sind für die Beförderung von Personen ausgelegt. Foto: rtr

Perreras bedeutet im Spanischen so viel wie Hundezwinger. Oder auch Käfig. In Venezuela haben Hundezwinger Räder und transportieren Menschen. Meist von einem Stadtviertel ins andere, manche fahren aber auch raus ins Umland von Caracas oder anderen Städten, in denen die Bewohner, die selbst kein Auto besitzen, keine andere Wahl haben, als auf einen der kleinen Lastwagen aufzuspringen, mit denen sonst Vieh oder Umzugskartons transportiert werden. Sie haben keine Wahl, weil von den einstmals 15 000 Bussen, die in Caracas fuhren, nur noch 4000 ihre Runden drehen. Die anderen stehen in den Depots – die Stadt kann die notwendigen Ersatzteile nicht bezahlen. Auch die Mechaniker nicht. Und das Benzin. Wenn es überhaupt welches gibt.

Die Krise in Venezuela hat inzwischen auch den öffentlichen Nahverkehr erreicht – und innerhalb eines Jahres nahezu lahmgelegt. Statt der maroden Busse fahren nun also marode Kleinlaster durch die Städte. Und wer mitfahren will, reiht sich irgendwo an der Straße, wo sich schon andere versammelt haben und auf einen der Transporter zu warten scheinen, in die Schlange ein. Und wartet mit. Manchmal bis zu zwei Stunden, bis ein Jeep oder Kleinlaster hält, in dem noch Platz ist für weitere Mitfahrer. So berichtet Wilmer Ruiz aus Caracas der Zeitung „El Comercio“: „Ich muss morgens spätestens um 6 Uhr aus dem Haus gehen, weil ich um 8 Uhr arbeiten muss – aber ich komme nie pünktlich an.“

Angesichts der Zustände auf den Ladeflächen der „perreras“ gerät der Zeitfaktor schnell zur Nebensache; es geht nicht in erster Linie um das wann, sondern immer mehr um die Frage, ob man als Pendler überhaupt sein Ziel erreicht. Der Reuters-Fotograf Marco Bello war in Venezuela unterwegs und hat unter anderem in Caracas und Valencia mit seiner Kamera eingefangen, welchen Gefahren sich rund die Hälfte der Venezolaner auf ihren täglichen Fahrten mit den „perreras“ aussetzen: Wie sich 60 Menschen auf die Ladefläche quetschen oder in einen geschlossenen Kastenwagen drängen; wie sie auf Tritten am Heck der Fahrzeuge balancieren und sich an Leinen oder anderen Mitfahrern festhalten. Abgefahrene Reifen, schlechte Bremsen und unsichere Aufbauten erhöhen die Gefahr noch zusätzlich.

Desirée Molina aus Maracaibo vermeidet es inzwischen, „perreras“ mit offener Ladefläche zu benutzen. „Die sind die schlechtesten Transporter. Bei einem Unfall kann es passieren, dass man nach vorne rausfliegt. Das ist sehr, sehr gefährlich“, sagte die junge Frau der Zeitung „Panorama“. Andere wiederum verzichten auf die Passage, wenn ein Laster mit geschlossenem Kasten vorfährt: aus Angst vor Diebstählen in den dunklen Laderäumen. Oder weil sie miterlebt haben, wie jemand in der stickigen Luft kollabiert ist.

Inzwischen gibt es auch offizielle Erhebungen zu Unglücken mit „perreras“: So beziffert ein venezolanischer Fahrgastverband die Zahl der Toten im laufenden Jahr 2018 auf mindestens 26. Die Zeitung „El Pitazo“ berichtet von mehreren Toten allein in den ersten Monaten des Jahres. Die Zahl der Verletzten wächst täglich. So verlor im März die achtjährige Joander Medina drei Zehen, weil sich auf dem Transporter, auf dem sie mit ihrer Mutter mitfuhr, beim Bremsen ein provisorisches Geländer löste und ihr den rechten Fuß zerquetschte. Und Eneida Salazar wäre um ein Haar von einem Viehtransporter gefallen, weil sie im Gedränge das Gleichgewicht verlor, als der Fahrer plötzlich beschleunigte – ein Mann bekam sie am Arm zu fassen und die 55-Jährige kam mit dem Schrecken davon.

Schon nach den ersten Unglücksfällen Ende 2017 wurden die Verantwortlichen bei den Verkehrsbetrieben gefragt, was sie zu tun gedächten. Hugo Ocando, der im Osten von Caracas 40 Buslinien betreut, verwies „El Pitazo“ gegenüber auf die hohen Kosten für die Reparaturen: Rund eine Milliarde Bolívar würde es kosten, alle Busse in technisch akzeptablen Zustand zu bringen. Ein Betrag, wie Ocando sagt, der angesichts von 2000 Bolívar, die ein Fahrgast für eine Fahrt bezahle, unmöglich zu finanzieren sei. Das klingt nach sehr viel Geld – andererseits ist die Währung nach mehreren Inflationsschüben nahezu wertlos. So entspricht derzeit ein Euro ungefähr 140 000 Bolívar.

Und obwohl die Behörden die Fahrer der inzwischen mehr oder weniger als Bus-Ersatz akzeptierten „perreras“ angewiesen haben, sich an den offiziellen Tarifen zu orientieren, um die Menschen nicht noch mehr zu belasten, halten sich die wenigsten daran. Manch einer knöpft den Mitfahrenden bis zu 15 000 Bolívar für eine Passage ab – das sind knapp zehn Euro-Cent. Wer sich beschwert, bekommt den Hinweis, doch einfach beim nächsten Halt auszusteigen. Oder mit der Metro zu fahren. In beiden Fällen bedeutet das, zu Fuß weitergehen zu müssen. Denn mit den Zügen der Metro in Caracas ist es wie mit den Bussen: Sie fahren meistens nicht.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Venezuela

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