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Vatikan Die großen Hoffnungen nicht erfüllt

Papst Franziskus ist den Konservativen zu radikal und den Progressiven zu zaghaft. Strahlkraft entfaltet er eher außerhalb der Kirche.

Papst Franziskus
Windzerzaust: Papst Franziskus muss allerlei Stürme meistern, kirchliche wie weltliche. Foto: afp

Die Begeisterung über den „Papst vom anderen Ende der Welt“, wie er sich in der ersten Ansprache von der Loggia des Petersdoms nach seiner Wahl am 13. März 2013 nannte, hat sich etwas gelegt. Wenn der Argentinier Jorge Bergoglio jetzt mittwochs die wöchentliche Generalaudienz hält und mit dem Papamobil durch die Menge fährt, strömen zwar noch immer Tausende auf den Petersplatz. Aber es sind längst nicht mehr solche Massen wie im ersten Jahr, als jede Woche bis zu 40 000 Menschen kamen, um den Papst mit Namen Franziskus zu erleben, der unverkrampft und ohne Berührungsängste in einfacher Sprache und ohne jeden Prunk die Herzen eroberte.

Heute, fünf Jahre später, wird Franziskus kontroverser wahrgenommen, vor allem innerhalb der Kirche. Er hat erbitterte Gegner in der Kurie, die sich mit offener Opposition oder Intrigen gegen seine Reformbemühungen wenden. Die Konservativen werfen ihm vor, die kirchliche Lehre aufzuweichen. Den Progressiven dagegen gehen seine Reformen zu langsam voran, sie sind enttäuscht. Franziskus hat Hoffnungen geweckt, die er bislang nicht erfüllt hat, etwa was die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene oder den Einfluss von Frauen angeht.

Franziskus, der Politiker-Papst

Sehr viel strahlender ist dieser Papst in seiner Wirkung außerhalb der Kirche. Mit seiner kompromisslosen Haltung in der Flüchtlingsfrage, mit klaren Worten zu Themen wie soziale Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung, Umwelt- und Klimaschutz, mit seiner Kritik an Kapitalismus und Konsumdenken hat er sich Sympathien auch bei Nicht-Gläubigen erworben. Er ist politischer als sein Vorgänger Benedikt XVI. Er mischt sich ins Weltgeschehen ein, ermahnt die Mächtigen und tritt in Konflikten als internationaler Vermittler auf.

Franziskus trug entscheidend dazu bei, dass sich die USA und Kuba nach mehr als einem halben Jahrhundert Kaltem Krieg einander annäherten. In Kolumbien hatte die Vatikan-Diplomatie ebenfalls Anteil daran, Regierung und Rebellengruppen zu einem Friedensabkommen zu bewegen. Auch im Nahostkonflikt tritt der Papst als Mediator auf und ist ein gefragter Gesprächspartner. Franziskus’ oberster Diplomat, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, nennt seinen Chef einen „globalen Leader“.

„Die weltweite Bedeutung des Papstes ist in diesen fünf Jahren gestiegen“, lautet das Fazit des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. „Und das war nicht zu erwarten in einer Welt, in der die Religion auch – jedenfalls bei uns – stark hinterfragt wird“, sagte Marx der Frankfurter Rundschau. Die katholische Kirche mit ihrem universalen Auftrag sei eine weltweite Gegenbewegung zu Nationalismus und Rassismus.

Franziskus redet mit allen – mit US-Präsident Donald Trump, mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, mit Russlands Präsident Wladimir Putin. „Er stellt sich nicht auf eine Seite, es gibt keine Guten und Bösen für ihn“, sagt der Journalist Antonio Spadaro, Jesuit wie Franziskus und ein enger Vertrauter des Papstes. Er sei keiner politischen Richtung verbunden, sein Ansatz sei nie ideologisch, immer nur seelsorgerisch. „Und wenn es irgendwo auf der Welt kompliziert ist, dann will er hin“, sagt Spadaro. Ob es der Nahe Osten ist, die Zentralafrikanische Republik oder zuletzt Myanmar.

Die traditionelle Vatikandiplomatie, die hinter den Kulissen wirkt, hat Franziskus aufgestockt, neue Botschaften eröffnen lassen. Er selbst überrascht auf seinen Auslandsreisen immer wieder mit unerwarteten und höchst symbolträchtigen Gesten, die keine PR-Agentur besser inszenieren könnte. In Bethlehem ließ er seinen Wagen stoppen, um demonstrativ und still an der acht Meter hohen Sperrmauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten zu beten. In der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez bestand er darauf, die Messe in unmittelbarer Nähe des von den USA errichteten Zauns zu feiern, damit die Menschen auf der anderen Seite teilnehmen konnten. Und von der griechischen Insel Lesbos nahm er muslimische Flüchtlingsfamilien im Papstflugzeug mit sich zurück nach Rom.

Das Thema Migration sehe dieser Papst als zentrale Problematik unserer Zeit an, sagt Antonio Spadaro. „Er kämpft gegen die Narrative der Angst und der Wut. Das ist der Basso continuo seines Handelns.“

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