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Van der Bellen Aufatmen in Wien

Alexander Van der Bellen ist neuer Präsident von Österreich. Überraschend klar kann er die Wahl für sich entscheiden. Vielen war der FPÖ-Mann Hofer zu aggressiv.

05.12.2016 06:45
Adelheid Wölfl
Alexander Van der Bellen siegt gegen den Rechtspopulisten Hofer. Foto: dpa

Als an diesem eiskalten Sonntag die ersten Umfragen über die Bildschirme in die österreichischen Wohnzimmer gelangen, können es viele nicht fassen. Alle waren davon ausgegangen, dass es knapp werden könnte. Doch kurz nach siebzehn Uhr lag Alexander Van der Bellen, der Kandidat, der zuletzt von allen Parteien außer der FPÖ unterstützt worden war, mit 53 Prozent klar vorn. Van der Bellen hat somit die Wiederholung der Stichwahl gewonnen und zwar viel klarer als im Mai. Er konnte offenbar in den letzten Tagen zulegen.

Nur manche hatten das geahnt und auch ihrem Gefühl getraut. Die ältere Dame etwa, die am Sonntagvormittag in der Nationalbibliothek in Wien ihren Kaffee trinkt. Neben dem Gebäude am Heldenplatz ist der Eingang zur Präsidentschaftskanzlei in der Hofburg. Am Samstag sei sie noch total verzweifelt gewesen, gesteht die Tochter von zwei Holocaust-Überlebenden, aber am Sonntag habe sie dann wieder Mut gefasst. Der Rechtsruck habe ihr stark zugesetzt, meint die Dame. „Ich hatte das erste Mal Furcht und das in unserem schönen Österreich, in unserem sicheren Wien“, meint sie. Angst gemacht habe ihr etwa die Härte, Respektlosigkeit und Entschlossenheit, die Norbert Hofer beim letzten TV-Duell gezeigt habe. Offenbar hat diese Aggressivität dem Kandidaten der FPÖ letztlich geschadet.

„Man geht einfach nicht so aufeinander los“, meinen auch die beiden Jura-Studentinnen, die sich hier im Warmen eingefunden haben. „Das war niveaulos und hat ihm geschadet.“ Laut dem Politologen Peter Filzmaier waren vor allem die Motive „Vertretung im Ausland“, die „Pro-EU-Ausrichtung“ und „das richtige Amtsverständnis“ für die Wahl ausschlaggebend. Die Grünen jubelten, die Sozialdemokraten freuten sich und sprachen vom Sieg des „Kandidaten der Mitte“. Sogar FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache gratulierte Van der Bellen „aufrichtig“.

In Wien lag Van der Bellen auch schon beim letzten Mal vorn – so wie in allen Städten – doch die Ergebnisse variierten stark. Der ehemalige Arbeiterbezirk Simmering ist schon länger in „blauer“ Hand, hier wird mehrheitlich FPÖ gewählt. Auf der Simmeringer Hauptstraße haben sich die Passanten eingemummelt, es ist eigentlich zu kalt, um ein längeres Gespräch zu führen, aber der 58-jährige Christian S. redet gerne. Ihm mache die „Spaltung“ in der Gesellschaft zu schaffen, dass „die in den Innenstadtbezirken auf uns runterschauen“.

Van der Bellen positioniert sich vorsichtig

Die Leute würden in ihrer „Furcht vor den Ausländern nicht ernstgenommen“, meint er. Tatsächlich beherrschten die Themen „Flüchtlinge“, „Integration“ und „Ausländer“ den Wahlkampf, obwohl sie eigentlich nichts mit der Rolle des Bundespräsidenten zu tun haben.

Van der Bellen positionierte sich vorsichtig. Es könne schon zu der Situation kommen, dass man sagen müsse: „Wir sind im Zuge der Aufnahme wohnungsmäßig oder schulmäßig überfordert“, meinte er zur sogenannten Obergrenze, die in Österreich bei 37 500 pro Jahr angesiedelt wurde. Nicht nur Österreicher wie Christian S. denken, dass die „Migration entgleist“ ist.

Auch Van-der-Bellen-Wähler wie das Pensionistenehepaar aus dem 23. Bezirk findet, dass die Eliten, „die Not der Leute mit dem Thema nicht erkennen“. Die „Arbeiterkinder“, wie sich die beiden Über-Siebzigjährigen selbst bezeichnen, war es trotzdem ein „großes Anliegen“ Van der Bellen zu wählen. Sie meint: „Der Hofer will, dass die Frauen an den Herd zurückkehren“. Ihr Mann meint: „Der ist ein Uneuropäer und will einfach so die Regierung entlassen, dafür ist das Parlament zuständig.“ Hofer hatte angekündigt, dass er die Regierung bereits während der Flüchtlingskrise entlassen hätte und eine stärkere Einmischung des Präsidenten angestrebt. Das hat offenbar viele Österreicher abgeschreckt.

Manche wollten bereits auswandern, wie die beiden Damen in ihren edlen Pelzmänteln, die gerade zum Konzert eilen. „Es gibt für uns nur einen Kandidaten und zwar den Konservativen, das ist der, der in der EU bleiben will“, meinen sie und eilen weiter. Nun ist Van der Bellen nicht gerade ein Konservativer, aber offensichtlich haben die Warnungen von Unterstützern, dass mit Hofer der Öxit nahen könnte, beim bürgerlichen Publikum doch gezogen.

Natürlich spielt das Thema „Ausländer“ wieder die Hauptrolle, vor allem, dass diese angeblich so viele Kinder kriegen. „Die haben eines am Buckl und eines schon im Kinderwagl“, sagt eine Passantin. Andere fürchten um die Zukunft ihrer eigenen Kinder. Wie die 45-jährige Krankenpflegerin Enisa B., die mit ihrem 18-jährigen Sohn wählen war. Für die eingebürgerte Migrantin war es besonders wichtig, Van der Bellen zu wählen. Sie ist im Bosnien-Krieg 1992 aus Sarajevo nach Österreich geflohen. Die antimuslimischen Töne im Wahlkampf hätten sie an die Kriegshetze auf dem Balkan erinnert, meint sie. Als Hofer im Wahlkampf gesagt hatte: „Kennt ihr einen Moslem, der im Pflegebereich arbeitet, der bereit ist, unseren Senioren die Windel zu wechseln? Ich kenne das nicht“, habe sie sich besonders geärgert. „Das ist hundertprozentig falsch“, sagt sie. „Ich bin ein Beispiel dafür.“

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