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USA Obamacare boomt, ist aber nicht gerettet

Der Boom bei Obamacare steht im Widerspruch zu Trumps Vorhersage, das System sei „tot“. Trotz Einschnitten der Regierung verzeichnen die Gesundheitspläne einen Rekordzulauf - doch die Republikaner planen den nächsten Schlag.

Jimmy Kimmel
Der Comedian Jimmy Kimmel. Foto: rtr

Für viele Trump-Wähler ist Jimmy Kimmel ein rotes Tuch. Mehr als einmal hat der bekannte Fernsehmoderator die Gesundheitspolitik des Präsidenten gegeißelt. Doch in diesen Tagen bekommt er ungewohnte Zuschriften von rechten Zuschauern: „Respekt, dass Sie keine Vorurteile haben!“, steht darin, und: Es sei höchste Zeit gewesen, dass Kimmel endlich „den großen Gesundheitsplan des Präsidenten“ präsentiert.

Dabei hat sich der TV-Comedian nur einen Scherz erlaubt. „Trumpcare sichert Ihnen alle Leistungen, die Sie brauchen“, versprach ein fiktiver Werbespot in seiner Sendung. Die neue Gesundheitsvorsorge sei toll und für jeden bezahlbar. „Danke, Präsident Trump! Sie haben die Krankenversicherung wieder groß gemacht“, schwärmt ein vermeintlicher Trump-Wähler begeistert. Offenbar verstehen nicht alle Zuschauer die Ironie. Und tatsächlich ist das schräge Kompliment nicht einmal falsch: Weil Trumps Versuche, das Gesetz seinen Vorgängers Barack Obama zurückzunehmen, bislang krachend gescheitert sind, besteht Obamacare unter dem neuen Präsidenten einfach fort – und scheint erfolgreicher denn je.

Zulauf für Obamacare

Mehr als 600.000 Männer und Frauen haben sich nach offiziellen Angaben in der ersten Novemberwoche für einen Gesundheitsplan eingeschrieben. Das sind nach Medienberichten 79 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Fachleute zeigen sich überrascht. „Wir erleben einen Zulauf deutlich über unseren Erwartungen“, berichtet Mario Schlosser, der Chef der Krankenversicherung Oscar Health. Allerdings hat Trump die Registrierungsfrist auf sechs Wochen halbiert. Deshalb sei es noch zu früh für endgültige Urteile, schränkt Larry Levitt, vor der Wahl ein Gesundheitsberater von Präsident Obama und heute Vizepräsident der Kaiser-Familienstiftung, ein: „Aber mit diesem Start hatte sicher niemand gerechnet.“

Der Boom bei Obamacare steht nicht nur im Widerspruch zu Trumps Vorhersage, das System sei „tot“. Er läuft auch der Politik des Präsidenten komplett entgegen. So hatte Trump die Mittel für Marketing und Beratungshilfen im Internet drastisch gekürzt. Beobachter glauben aber, dass die Republikaner mit ihren Dauer-Attacken auf Obamacare bei gleichzeitiger Unfähigkeit, ein anderes System zu entwickeln, unfreiwillig PR-Arbeit geleistet haben. Außerdem forderte Ex-Präsident Barack Obama mit einem öffentlichen Aufruf zur Einschreibung auf, und auch die automatischen Benachrichtigungen von Alt-Kunden, die ihren Vertrag erneuern müssen, scheinen noch zu laufen.

Republikaner planen den nächsten Schlag

Verwunderlich wirkt der Zulauf auf den ersten Blick gleichwohl wegen der brutalen Rotstift-Politik des Präsidenten. Mit einem Erlass stoppte er den staatlichen Ausgleich für die Geringverdiener-Tarife der Versicherungen.

Das beschert den Assekuranzen hohe Verluste. Viele haben deshalb die Policen massiv verteuert. Doch unabhängig von der Subvention der Gesellschaften gibt es steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für die Versicherten. Da diese mit den höheren Beiträgen steigen, müssen Familien mit einem Gesamteinkommen unter 98.000 Dollar im Jahr nun unterm Strich oft nicht mehr zahlen als bisher.

Gerettet ist Obamacare damit keineswegs. Schon planen die Republikaner den nächsten Schlag: Um das Finanzierungsloch ihrer Steuerreform zu verkleinern, wollen sie die Versicherungspflicht abschaffen, was zu einer ungünstigeren Risikomischung und weiter steigenden Beiträgen führen dürfte. Vorerst aber kann der Entertainer Kimmel noch scherzen: „Trumpcare ist eine gute Sache. Darüber sprechen viel mehr Leute als über Obamacare.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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