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US-Botschafter Philip Murphy „Hier habe ich meine Frau getroffen..."

Der scheidende US-Botschafter Philip Murphy über den Obama-Besuch, seine Zeit in Deutschland, die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern und seine beste Erinnerung an die Stadt am Main.

In den Räumen der Frankfurter Rundschau: Philip D. Murphy erklärt die verschiedenen Mentalitäten von Deutschen und US-Amerikanern. Foto: Alex Kraus

Der scheidende US-Botschafter Philip Murphy über den Obama-Besuch, seine Zeit in Deutschland, die Unterschiede zwischen Deutschen und Amerikanern und seine beste Erinnerung an die Stadt am Main.

US-Botschafter Philip Murphy verlässt Anfang Juli nach knapp vier Jahren Deutschland. Zuvor begleitet Murphy noch US-Präsident Barack Obama am kommenden Dienstag, 18. Juni, bei dessen Berlin-Besuch. Obama hatte den Banker und Harvard-Absolventen im Sommer 2009 als Botschafter ernannt und sich damit auch für rund 600.000 Dollar Wahlkampfspenden des Multimillionärs bedankt – ein in den USA übliches Verfahren. In Murphys Amtszeit fiel die Wikileaks-Affäre. Wikileaks hatte Murphys Einschätzungen von deutschen Politikern veröffentlicht – die Kanzlerin soll er „Angela Teflon Merkel“ genannt haben. Murphy besuchte vor wenigen Tagen die FR-Redaktion in Frankfurt.

Herr Botschafter, nach vier Jahren im Amt verlassen Sie Deutschland. Was nehmen Sie mit?
Unglaubliche Erinnerungen! Tolle Freundschaften! Hochachtung vor der Freundschaft zwischen den USA und Deutschland. Wir lassen aber auch viel zurück. Unsere vier Kinder haben uns überredet, ein Haus in Berlin zu kaufen. Damit wir immer mal zurückkommen können. Und natürlich bin ich stolz darauf, mein Land repräsentiert haben zu dürfen. Wir genossen es alle. Alle sechs, nicht nur meine Frau oder ich.

Und wie geht es nun weiter?
Das weiß ich noch nicht. Ich habe mit einigen Leuten in Washington über ein mögliches Engagement gesprochen. Da entwickeln sich tolle Perspektiven, aber noch gibt es nichts Konkretes. Wir haben uns aber vorgenommen, uns erst einmal Zeit zu nehmen, um in unserer Heimat New Jersey anzukommen. Ich möchte eine Aufgabe finden, die dem ähnelt, was ich die vergangenen vier Jahre gemacht habe. Aber das wird nicht leicht. Der Job eines Botschafters ist schon einzigartig.

Was sagen Ihre Kinder zu der Rückkehr in die USA?
Sie haben sehr gemischte Gefühle. Auf der Habenseite ist, dass wir näher bei unserer Familie leben werden. Mein Sohn geht bereits in Boston auf eine Schule. Kürzlich bestand er einen schweren Chemie-Test. Da ist man schon sehr weit weg: Am Telefon kann ich ihn nicht umarmen. Aber für unseren zehnjährigen Sohn wird es ganz schwer. Er verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Berlin. Hier spielt er Fußball, hier ist sein Leben, seine Heimat.

Was ist ihre tollste Erfahrung? Für zehn haben wir leider keine Zeit.
Schwer zu sagen, was das Beste war. Aber die Begegnungen mit Menschen – besonders mit jungen Leuten – , die vorher kaum die Möglichkeit hatten, mit einem Amerikaner zu reden, also vor allem viele Immigranten-Kinder, das war schon sehr besonders. Da habe ich viel gelernt. Ich habe natürlich auch viele Universitäten besucht und mit vielen Studenten gesprochen. Aber am eindrücklichsten waren Treffen mit Jugendlichen, etwas über ihre Vorstellungen und Wünsche zu erfahren. Vor kurzem habe ich in Düsseldorf mit 150 Teenagern über Helden gesprochen. Für sie gehörten Feuerwehrleute und Helfer bei der atomaren Katastrophe in Fukushima zu ihren Vorbildern. Man muss also kein berühmter Mensch sein, um für Jugendliche zum Held zu werden.

Und Ihr schlimmstes Erlebnis?
Wikileaks – nächste Frage. (Gelächter) So etwas habe ich nie zuvor erlebt. Ich hatte nichts falsch gemacht. Und dann kam wie aus den Nichts diese Geschichte. Plötzlich war ich mitten in dieser Kontroverse. Mit mir auch Freunde und Bekannte, die auch nichts falsch gemacht hatten. Es war furchtbar. Ich hoffe, niemand von Ihnen muss so etwas je erleben. Wie auch immer. Ich wusste, es würde vorübergehen. Aus zwei Gründen: Ich denke, die Leute glauben mir, dass ich eine aufrichtige Person bin und niemandem schaden wollte. Außerdem ist die Deutsch-amerikanische Freundschaft einfach zu wichtig – egal was jemand von mir hält. Die Welt kann sich keine Auszeit dieser transatlantischen Beziehungen leisten. Was ich nicht vorhersah: Die meisten Beziehungen, die zunächst durch diese Affäre belastet wurden, wurden danach noch enger getreu dem amerikanischen Sprichwort: Was dich nicht umbringt, mach dich stärker. Das gilt für Politiker wie für Journalisten. Aber die Geschichte machte überhaupt keinen Spaß.

Verfolgen Sie den laufenden Prozess gegen den Wikileaks-Informanten Manning?
Nur in den Zeitungen. Für mich ist er kein Held. Er steht vor Gericht, weil er von der US-Regierung Informationen gestohlen hat. Wir werden sehen, wie das Gericht urteilt.

Was verstehen Deutsche nicht an US-Amerikanern?
Es gibt große Unterschiede. Obwohl wir uns so nahe stehen, obwohl wir wie viele Werte teilen – vielleicht mehr, als mit jeder anderen Nation auf dieser Welt…

…lassen Sie das die Briten nicht hören…
…naja, die Briten gehören auch dazu, aber die größte Gruppe der US-Amerikaner ist jene mit deutschen Vorfahren. Aber ich will Ihnen ein ernstes und ein unterhaltsames Beispiel geben, um die Unterschiede zu verdeutlichen. Ein Umfrage-Institut hat folgende Frage gestellt: Mein Erfolg beruht auf Faktoren, die ich nicht kontrollieren kann. Amerikaner stimmen dieser Aussage mehrheitlich nicht zu, Deutsche stimmen ihr mehrheitlich zu. Das bringt den Unterschied zwischen der sozialen Marktwirtschaft und der damit verbundenen Psychologie auf der einen Seite und der amerikanischen Überzeugung „Der-Gewinner-bekommt-alles“ mit den enormen Schwankungen nach unten und oben auf den Punkt. Das sagt auch viel über unser Land aus, es erklärt größtenteils die Debatte über das Gesundheitssystem, es sagt viel aus über unsere Diskussion über Waffen und es erklärt auch, warum viele Deutsche die US-Debatte über das Gesundheitssystem nicht nachvollziehen können.

Und der unterhaltsame Teil?
Sie sind Gastgeber einer Dinner-Party in Berlin. Eingeladen ist für 19 Uhr zu Cocktails, Essen gibt es um 19.30 Uhr. Wann erscheint der erste und wann der letzte Gast? Die ersten kommen zwanzig Minuten vor sieben. Ich habe das erst lernen müssen. Bei meiner ersten Einladung hatte ich die Hose noch nicht an, als es erstmals klingelte. Wann kommen die letzten, hier in Deutschland? Um fünf Minuten nach sieben. Wie lange entschuldigen diese Leute sich? Mindestens fünf Minuten. Die Schwester war mit den Kindern beschäftigt, der fürchterliche Stau. . . Ich habe dann immer gesagt: Hey, es ist fünf nach sieben. Trinken sie etwas, beruhigen Sie sich, alles ist in Ordnung. In den USA ist das völlig anders. Der erste Gast kommt um 25 Minuten nach sieben – wenn Sie Glück haben. Der letzte Gast kommt um ungefähr acht Uhr. Wie lange entschuldigen diese Menschen sich? Die denken nicht mal darüber nach, sich zu entschuldigen. Die kommen einfach rein. Wir haben Freunde in New Jersey, denen sagen wir immer eine Stunde früher als es wirklich losgeht, weil sie immer so spät kommen.

Viele Deutsche freuen sich auf den Besuch von US-Präsident Obama am kommenden Dienstag. Was wird das wichtigste Thema dieses Staatsbesuchs?
Die Programmpunkte sind noch nicht festgelegt und orientieren sich tagesaktuell. Es wird ein Besuch bei einem unserer engsten Verbündeten. Zwei Punkte werden vor allem wichtig sein. Der erste ist symbolisch. Ein US-amerikanischer Präsident kommt nach Berlin, in diese besondere Hauptstadt mit dieser Geschichte. Und er ist ungemein beliebt in Deutschland. Wenn er die Umfrage-Werte in den USA gehabt hätte wie hier, wäre die Wahl nicht so knapp geworden. Obama kommt kurz vor dem 50stem Jubiläum des Kennedy-Besuchs, bei dem Kennedy den berühmten Satz sagte: Ich bin ein Berliner. Es wird aber auch gearbeitet werden. Bundeskanzlerin Merkel und Obama werden sich sicher mit Finanz- und Wirtschaftskrise beschäftigen, der Energiewende, einem Handelsabkommen zwischen den USA und Deutschland, Syrien, Afghanistan, Iran, Nahost. Bei all dem spielt Deutschland eine wichtige Rolle. Selbst bei Themen, bei denen Deutschland vordergründig gar nicht beteiligt zu sein scheint wie beim Korea-Konflikt. Deutschland ist zwar kein Teil der Sechser-Gespräche, aber selbst darüber sprechen wir dauernd und intensiv. Das gehört zu unserem Tagesgeschäft. Wir fangen ja nicht erst an über diese Themen zu sprechen, wenn der US-Präsident zu Besuch kommt.

Wird US-Präsident Obama Frau Merkel dazu bringen, mehr Geld auszugeben, um die Finanzkrise besser in den Griff zu bekommen?
Die Prämisse Ihrer Frage gefällt mir nicht. Wir sagen den Menschen nicht, was sie tun oder lassen sollen. So arbeiten wir nicht. Aber danke, dass Sie gefragt haben. Natürlich werden die Gespräche über die Finanzkrise anders sein, als die Diskussion über die Sanktionen gegen den Iran. Beim Iran sind wir uns einig, er soll sein Atomprogramm aufgeben. Wenn die deutsche und die amerikanische Regierung über die Euro-Zone oder das US-Defizit sprechen, dann geht es mehr um einen Erfahrungsaustausch. Habt ihr jenen Aspekt bedacht, habt ihr jenes oder dieses ausprobiert. Das kann auch gar nicht anders sein, weil es für die Finanzkrise kein Patentrezept gibt. Dafür ist sie zu komplex und zu frisch. Als ich 2009 als Botschafter nach Deutschland kam, hat noch niemand über diese Krise gesprochen. Keiner sprach über den Euro. Damals ging es um die Immobilien-Krise. Aber niemand sprach über Griechenland oder Portugal. Seither haben wir viel gelernt. Aber ich bin ein Optimist und wir werden auch diese Krise überwinden – auf beiden Seiten des Atlantiks. Es wird aber länger dauern als viele hoffen.

Jeder US-Diplomat sagt: Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist wichtig und eng. Warum kommt US-Präsident Obama erst viereinhalb Jahre nach seiner ersten Wahl hierher?
Viele vergessen, dass Obama bereits hier war. Beim Nato-Gipfel in Baden-Baden beispielsweise. Und natürlich will Obama wieder nach Berlin zurück kehren. Dort empfingen ihn 200.000 Menschen als er noch Senator war. Das ist eine wirklich gute Erinnerung. Obama wollte längst Berlin besuchen. Manchmal dauert es eben länger. Aber Merkel und Obama sprechen schließlich ständig miteinander und Obama hat Merkel bereits in den USA zum Staatsbesuch empfangen.

Trotz allem wird immer wieder befürchtet, dass sich die USA China zuwenden und von Europa abwenden könnten?
Man könnte sagen, dass wir diejenigen besuchen, die uns wichtig sind. Und in den vergangenen Monaten waren viele Mitglieder unserer Regierung und auch viele Kongreßmitglieder hier in Berlin. Nun kommt Obama. Das ist ein wichtiges Zeichen. Natürlich kann ich damit den Eindruck vieler Menschen vielleicht nicht widerlegen. Also versuche ich es anders: Wir haben vier Kinder. Die lieben wir alle gleich. So ähnlich ist es auch mit Freundschaften der Staaten: Es ist also kein entweder-oder. Alle wenden sich China und dem Fernen Osten zu – auch Deutschland und die EU. Am Ende – so glaube ich – werden auch alle etwas von dieser Entwicklung haben.

Wir wollten eigentlich gerne mit Ihnen als Fan über Fußball sprechen, aber da war dann dieses Spiel zwischen den USA und Deutschland…
(lacht) Ich habe das Spiel gesehen und genossen. Ich würde aber nicht zu viele Schlussfolgerungen ziehen. Meine Familie und ich haben das Champions-League Finale zwischen Dortmund und Bayern gesehen und eine Woche später das DFB-Pokal-Endspiel zwischen Bayern und Stuttgart. Beide Partien waren hervorragend. Natürlich haben wir uns über den 4:3-Sieg des US-Teams gegen Deutschland gefreut. Ich war stolz auf unser Team. Aber wir wissen auch, dass dem DFB-Team viele Stammkräfte fehlten.

Und zum Schluss die Frage nach Frankfurt. Sie haben hier lange gelebt und gearbeitet. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?
Frankfurt werde ich nie vergessen: Hier habe ich meine Frau getroffen. Wir arbeiteten in den 80er Jahren gemeinsam bei Goldman & Sachs. Sie ging dann nach London, ich blieb in New York. Wir trafen uns zufällig wieder in Europa. In Frankfurt gingen wir dann erstmals zusammen aus. Hier haben wir uns auch verlobt: im Restaurant Isoleta, Tisch 9.

Interview: Arnd Festerling und Andreas Schwarzkopf

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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