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Urlaub Malediven verkommen zum Gangsterstaat

Heroin, Islamisten und Schwarzgeld aus Russland: Auf den Malediven geben Gangster den Ton an. Einige von ihnen sitzen sogar in der Regierung.

Male, die teure Hauptstadt der Malediven, hat inzwischen eine Schattenseite. Foto: rtr

Der alte Baum mit seinem ausladenden Blätterdach nimmt dem kleinen Café „Palm Deck Garden“ zwar den größten Teil des Tageslichts. Aber er schützt vor der gleißenden Mittagssonne über Male, der sündhaft teuren Hauptstadt im tropischen Urlaubsparadieses Malediven. Vom Luxus blitzblank gebohnerter Yachten, die ein paar hundert Meter entfernt am Pier auf Passagiere für einen kurzen Trip warten, ist zwischen den Ventilatoren, Plastikstühlen und einer fauchenden Kaffeemaschine wenig zu spüren. Finster blicken die jungen Männer, die an der engen Karankaa Magu zwischen vielen Espressos an ihren Zigaretten paffen, nur kurz auf und vertiefen sich dann wieder in ihren Smartphones.

Fremde, das macht sogar das Personal ziemlich deutlich, sind in der Schattenwelt des Lokals nicht gern gesehen. Im „Palm Deck Garden“ treffen sich Males gefürchtete Mopedrocker. Die islamistischen Banden heißen Bosnia, Buru und Kuda Henveyru. Wenn die selbst ernannten Wächter religiöser Moral auf der gerade mal 1,5 Quadratkilometer großen Hauptstadt-Insel gerade keine Jagd auf vermeintliche „säkulare“ Feinde oder die auf 2000 Mitglieder geschätzte liberale Facebook-Gruppe „Colorless“ machen, stehen sie jenen Leuten zu Diensten, die auf den Malediven seit 2012 das Sagen haben und das tropische Ferienparadies mit seinen rund 1200 Atollen in einen Al-Capone-Staat verwandeln.

Boss der Moped-Gangs ist der 32-jährige Vize-Präsident Ahmed Adeeb, dessentwegen im Juli eigens das für den Posten in der Verfassung vorgesehene Mindestalter gesenkt wurde. Adeeb mag seine „Bros“, wie die jungen Rocker sich in Anlehnung an US-Slang untereinander ansprechen. Manchmal kurvt Adeeb auf einem aufgemotzten Zweirad an ihrer Spitze durch Male. Wenn seine Jungs zornig würden, so erläuterte Adeeb bei einem Interview einmal das Verhältnis zu seinen Schützlingen, „wäre das nicht gut“.

Mord und Mopeds

Angst verbreiten die „Bros“ auch so. Im März fuhren sie mit Vollgas kurzerhand in eine Gruppe Demonstranten, die gegen die Regierung von Präsident Abdullah Yameen und für Untersuchungen über eine Schmiergeldaffäre von Adeeb protestierten. Er hatte laut dem Rechnungshofs in seiner Zeit als Tourismusminister rund sechs Millionen US-Dollar in die eigene Tasche abgezweigt. Der Chef der Behörde musste gehen. Adeeb rückte zum Vize-Präsidenten auf.

„Jemand mit Kenntnissen von Bandenaktivitäten auf höchster Ebene bestätigte, dass Adeeb in der Vergangenheit Bandenmitglieder bezahlt hat, um für ihn Aufträge zu erledigen“, zitiert die Menschenrechtsgruppe „Maldivian Democracy Network“ (MDN) den Bericht eines Detektivs, der das spurlose Verschwinden des 28-jährigen Journalisten Ahmed Rilwan Abdulla vergangenes Jahr untersucht hat.

Von dem jungen Reporter, der früher zu einer von Saudi Arabien finanzierten Islamistengruppe namens „Dot“ gehörte, fehlt jede Spur, seit er vor Überwachungskameras von Mitglieder der Rockerbanden belästigt wurde. „Wir fürchten, er wurde ermordet und irgendwo den Haien zum Fraß vorgeworfen“, sagt ein Kollege beim Nachrichtenportal „Independent/Minivan“, bei dem Rilwan arbeitete.

„Die Malediven haben bis vor zwei oder drei Jahrzehnten keine Gewalttaten gekannt“, sagt Shahindha Ismail vom MDN, „heute sind wir ein Staat, in dem Leute aus politischen Gründen spurlos verschwinden oder ermordet werden.“ Ihr Büro ist nur einen Steinwurf vom „Palm Deck Garden“ der islamistischen Rocker entfernt. Der Eingang ist kameraüberwacht. Fremde kommen nicht in das Gebäude. „Unser altes Büro wurde am Tag von Adeebs Amtseinführung gestürmt“, erzählt Shahindha, „sie haben alle unsere Computer mitgenommen.“

Kräftig absahnen

Die Umschreibungen „Ganoven-Staat“ und „Willkürregime“ reichen den Machthabern offenbar nicht aus. Für viele Drogenfahnder gilt das Atoll heute als wichtiger Transitpunkt des Heroinschmuggels von Afghanistan und Pakistan in alle Welt. Extremisten, die zwischen Somalia und dem Nahen Osten pendeln, machen dort Halt. Selbst ein paar somalische Piraten verschlug es zwischenzeitlich auf die Inselgruppe im Indischen Ozean, deren Name einer Legende nach aus Sanskrit übersetzt „Insel der Girlanden“ heißen soll.

Mindestens 200, manche Schätzungen sagen gar 300 junge Malediver haben sich der Terrortruppe „Islamischer Staat“ angeschlossen. „Niemand weiß, ob jemand von ihnen bereits zurückkehrte“, sagt ein Diplomat. Für die Terrortruppe jedenfalls müssen die Malediven mit ihren betuchten Touristen aus aller Welt mehr als verlockend klingen.

Adeeb freut sich derweil auf eine große Party im Ganovenstaat mit islamistischem Anschlagspotenzial. „Im kommenden Jahr lassen wir es in Berlin krachen“, verkündete Adeeb per Twitter, nachdem der Inselstaat zum offiziellen Partner der weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin für 2016 ernannt wurde. Der Marketing-Auftritt soll helfen, die jährliche Besucherzahl auf 1,5 Millionen Touristen hochzuschrauben. Rund 100 000 Besucher kommen gegenwärtig aus Deutschland. Lufthansa plant laut Berichten in der Reiseindustrie von Dezember an Direktflüge von Frankfurt in den Ganovenstaat.

Aber die gegenwärtigen Zahlen deuten in die entgegengesetzte Richtung. Die Belegzahlen von Hotels sind bereits um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen. Der Grund: politische Probleme und die brutale Art, mit sich der ITB-Partner seiner Gegner entledigt. Just am Wochenende wurde der 2012 gestürzte Präsident mit Gewalt vom Hausarrest in ein Gefängnis verfrachtet. Ein Dokument des Obersten Gerichtshofs, dass die Umwandlung einer fragwürdigen Strafe von 13 Jahren Gefängnis bestätigt habe, sei gefälscht – behauptet jedenfalls die Polizei. Nasheeds Partei MDP hatte zuvor im Tausch für den Hausarrest zwei Verfassungsänderungen zugestimmt.

Das Mindestalter des Vize-Präsidenten wurde gesenkt und erstmals können Ausländer jetzt Land erwerben – wenn sie mindestens eine Milliarde US-Dollar investieren und 70 Prozent des Lands dem Meer abgewinnen. Ein Konsortium aus Saudi-Arabien arbeitet bereits an den Plänen einer Vergnügungsstätte für reiche Saudis im Norden der Malediven. Der geschäftliche Vorteil für Präsident Abdulla Yameen und seinen Stellvertreter: Sie erließen ein Dekret, laut dem das Kabinett Zuschläge für solche Projekte ohne Parlament genehmigen darf. Originalton Adeeb: „Wir machen jetzt Mega-Projekte.“

Inzwischen aber fürchten sogar Staatsoberhaupt Abdulla Yaheem und seine First Lady Fathmath Ibrahim ihren Vize Adeeb, den Komplizen und Emporkömmling, mit dessen Hilfe sie das Ferienparadies in ein modernes El Dorado im Indischen Ozean verwandelt haben. Das Staatsoberhaupt wird sich in Deutschland bald einer lebensrettenden Operation unterziehen, während Vorgänger Nasheed nach Folter und Misshandlungen mit schweren Rückenleiden in einer Zelle schmachtet. Fathe, wie die Präsidentengattin im Volksmund heißt, buhlt inzwischen um die Gunst der Mopedrocker.

Denn Adeeb, Sohn eines Gefängniswärters und einer Zollbeamtin, der 2008 Schatzmeister der Handelskammer de Malediven war, 2012 Tourismusminister wurde und im Juli als stellvertretender Staatspräsident vereidigt wurde, gehört nicht zu den fünf Clans der Inselnation, die bislang die Millionen unter sich aufteilten, die seit Anfang der 70er Jahre von Touristen in dem Taucherparadies gelassen werden.

Opposition wird aktiv

Nachdem im Juni des vergangenen Jahres auf mysteriöse Weise Adeebs Laptop verschwand, zeigte sich plötzlich, wie der Emporkömmling es dennoch in den Klub der Reichen gebracht hatte. Der Mann, der demnächst zusätzlich zu seinen beiden Ehefrauen seine alte Jugendliebe heiraten wird, ließ sich die Genehmigung für jedes neues Tourismus-Projekt mit einer Million US-Dollar in bar vergüten. Außerdem wurde ruchbar: Adeeb half Russen mit massig Schwarzgeld und auch anderen Unterweltgruppen aus Europa ins Land. „Ich lächele nur und werde nicht zornig“, sagte Adeeb einmal, als er auf solche Vorwürfe angesprochen wurde.

Das Lächeln könnte ihm und anderen Regierungsmitgliedern bald vergehen. Seit Ex-Präsident Nasheed wieder im Gefängnis sitzt, geht seiner Partei MDP die Geduld zur Neige. „Wir haben mit der Regierung geredet, weil wir an das Schicksal des kranken Nasheed gedacht haben,“ sagt sein im Exil in Sri Lanka lebender Ex-Außenminister Ahmed Naseem. Jetzt hat die MDP alle Kontakte zur Regierung abgebrochen. „Ich fürchte, uns bleibt nur eine Wahl“, sagt Ibrahim Ismail, der Leiter des angesehenen Mandhu-College in Male. „Totale Konfrontation. Das wird hart, das wird gefährlich. Wir werden leiden. Aber ein anderer Weg bleibt uns nicht mehr.“ Sein College ist gegenwärtig in einer Notunterkunft untergebracht. Die Regierung der Malediven hat die Privatuni mir nicht, dir nichts aus den Räumlichkeiten geworfen, die es seit Jahrzehnten gemietet hatte.

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