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Unternehmen Staatsstreich

Heute beginnt der Prozess gegen Simon Mann, den Manager des Putschversuchs im Jahr 2004 / Spuren führen auch nach Frankfurt

17.06.2008 00:06
MATTHIAS THIEME
WIRECENTER
Der Deutsche Gerhard Merz kam nach dem gescheiterten Staatsstreich in einem Gefängnis in Malabo ums Leben. Foto: Boeckheler

Wenn Simon Mann heute aus seiner Zelle im berüchtigtsten Gefängnis der Welt, dem "Black Beach" in Malabo, zum ersten Prozesstag geführt wird, geht es für ihn um sein Leben. Aber es geht auch um eine Verschwörung von Söldnern, die im Jahr 2004 kein geringeres Ziel hatte, als die Staatsgewalt in Äquatorialguinea an sich zu reißen und die Erdölquellen zu kontrollieren.

Simon Mann ist kein Unschuldiger. Er war der Drahtzieher des unglaublichen Plans, der erst aufflog, als seine konspirative Söldnerarmee mit Flugzeugen und tonnenweise zugeladenen Waffen bei einem Zwischenstopp in Simbabwe verhaftet wurde.

Seitdem sind manche freigekommen und einige Kronzeugen in Südafrika haben aus Angst auch die Hintermänner und Finanziers des geplanten Staatsstreichs genannt. Prominentestes Beispiel: Mark Thatcher, Sohn der ehemaligen britischen Regierungschefin. Thatcher war mit Söldnerchef Simon Mann befreundet und versprach sich offenbar gute Geschäfte. Als seine Beteiligung an dem Plan ans Licht kam, wurde er von der südafrikanischen Polizei verhaftet. Bei einer Auslieferung nach Äquatorialguinea hätte ihm die Todesstrafe gedroht, doch Thatcher zahlte eine hohe Geldstrafe und kam frei.

Nur Simon Mann hatte Pech. Seine medial vermittelten Hilferufe und sein Flehen, ihn "um Himmels Willen" vor der Auslieferung zu bewahren, nützten nichts. Jetzt sitzt der ehemalige britische Eliteoffizier Mann im schlimmsten Knast der Welt, in einem Land, das er mit seiner Söldnertruppe nach dem geplanten Überfall besitzen wollte.

Simon Mann hatte alles genau geplant. Er war kein Anfänger in dem Geschäft der privat organisierten schmutzigen kleinen Kriege in Afrika. In seiner Söldner-Firma "Exekutive Outcomes" standen viele ehemalige Polizisten und Soldaten unter Vertrag, die schon für das Apartheid-Regime in Südafrika gearbeitet hatten. Mit diesen Söldnern hatte Mann schon in diversen afrikanischen Staaten Aufträge ausgeführt und war auch selbst im Diamanten- und Ölgeschäft tätig. Doch der Coup in Äquatorialguinea sollte etwas viel Größeres werden, sollte den Beteiligten unerschöpflichen Reichtum bringen.

Zuerst wollte Mann mit seiner 75 Mann starken Söldnerarmee den Flughafen des Landes einnehmen. Internationale Flüge sollten gestoppt und alle Telefonleitungen blockiert werden. Dann sollte die Palastgarde des Präsidenten Obiang Nguema getötet, der Radiosender des Landes besetzt und ein neuer Marionettenpräsident ausgerufen werden. In zahlreichen Dokumenten hat Mann den Plan immer weiter konkretisiert. Von seinen Finanziers verlangte er 15 Millionen Dollar für sich selbst. Zudem wollte er Bürger des Landes werden und Immunität genießen gegen jegliche Versuche anderer Länder, ihn für den Putsch oder Tötungen von Personen zu belangen.

Als Chef des Sicherheitsapparates mächtiger als der neue Präsident, den Mann pro forma einsetzen wollte, sah sich Mann nach dem geglückten Staatsstreich. Auch für die erste Regierungszeit hatte der Söldner sich mit seinen Verschwörern schon Gedanken gemacht. Man müsse andere Länder davon abhalten, zu intervenieren, indem man schnell politische und soziale Reformen verspreche, notierte Mann. Als Zeitpunkt für den Putsch schien ihm ein Freitag recht günstig, weil dann viele Minister in der Hauptstadt seien, die man gleich festnehmen könnte.

Nun sitzt Simon Mann selbst fest. Kürzlich gab er einem Fernsehsender ein Interview. "Ich bedauere das alles", sagte Mann. "Wir wollten den Tiger schießen und haben nicht erwartet, dass der Tiger gewinnt." Er sei nur der "Manager" gewesen, betont er jetzt. Gewollt, geplant, finanziert, hätten den Putschversuch andere.

Zumindest einen Menschen hat der Plan das Leben gekostet: den Deutschen Friedrich Merz. Er hielt sich zur Zeit des geplanten Staatsstreichs in Mallabo am Flughafen auf. Als Angestellter einer Offenbacher Charterfirma, die Geräte für Ölbohrarbeiten transportieren sollte, lautet die Version der Firma. Als Vorhut der Putschisten galt Merz der Polizei in Malabo. Er wurde verhaftet, kam in das "Black Beach"-Gefängnis und war kurze Zeit später tot.

Als die Leiche von Gerhard Merz im Juli 2004 in Frankfurt ankommt, ist die Todesursache nicht mehr feststellbar. "Herr Merz ist nicht gestorben - er wurde zu Tode gefoltert", sagt Thomas Rinnert, Chef der Offenbacher Charterfirma. Sein Angestellter sei unschuldig in die Verhaftungswelle nach Bekanntwerden des Putschversuches geraten. "Ihm wurde mit Peitschenhieben und Gewehrkolben auf die Fußsohlen geschlagen und all seine Rippen waren gebrochen", sagt Rinnert, der die Überführung des Leichnams aus Afrika organisiert hat. "Das war das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist." Sein Mitarbeiter sei zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen, meint Rinnert, ein furchtbarer Zufall.

Was Gerhard Merz wirklich zu dieser Zeit am Flughafen von Malabo tat, wird wohl nicht mehr geklärt werden können. Merz war in Deutschland schon einmal wegen Waffenhandels angeklagt. Die Ermittler hatten ihm vorgeworfen, an der Lieferung und dem Aufkauf von Waffen in der gesamten Welt beteiligt gewesen zu sein, sagt Anwalt Ulrich Endres, der die Witwe von Merz vertrat. Doch das Verfahren wurde eingestellt.

Nach Merz Tod stellte Endres Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Mordes. Das gerichtsmedizinische Institut in Frankfurt untersuchte den Leichnam. Ergebnis: Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass Merz eines natürlichen Todes gestorben sei. Doch weil der Transport aus Afrika so viel Zeit in Anspruch nahm, sei dieser Befund wenig Wert, sagt Endres. "In diesem Zustand der Leiche war es für den Gerichtsmediziner nicht mehr möglich, die Todesursache zu finden." So wurde der Deutsche, das einzige bekannte Todesopfer des Umsturz-Versuchs, ohne abschließende Klärung der Umstände begraben.In Frankfurt-Zeilsheim liegt er auf dem Friedhof. Spuren zu einem internationalen Komplott vermutet man an diesem beschaulichen Ort nicht gerade.

Doch auch die Offenbacher Firma Central Asian Logistis soll in den Plan verwickelt sein, schreibt der Journalist des Economist, Adam Roberts, in seinem Buch "The Wonga Coup" über den Fall. Merz sei so etwas wie der "Transport-Offizier" der Söldnergruppe gewesen und habe die Flugzeuge organisiert. Rund 125 000 Dollar habe die deutsche Firma dafür bekommen, sagte der südafrikanische Waffenhändler und Mit-Drahtzieher des Coups, Nick Du Toit. So habe Merz zum Beispiel eine Antonov und eine Ilyushin Maschine sowie eine armenische Crew angeheuert, um den Umsturz logistisch zu unterstützen.

Dass seine Firma diese Flugzeuge gechartert und Merz nach Äquatorialguinea geschickt hat, bestreitet Thomas Rinnert nicht. Nur mit dem Putsch will er nichts zu tun haben. "Diese Flugzeuge sollten Maschinenteile für die Erdölförderung transportieren", sagt Rinnert. "Wir waren nie in illegale Geschäfte verwickelt."

Die Sache mit den Flugzeugen hatte für Rinnert allerdings noch ein Nachspiel. Erst kürzlich musste er vor Gericht erklären, warum er die Chartergebühr von 90 000 Euro nicht bezahlt habe. Putschversuch, Verhaftung, Beschlagnahmung, sagte Rinnert. Ob er dafür irgendeine Bescheinigung habe, fragte die Richterin.

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