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Unruhen in Tunesien Tausende stecken am Flughafen fest

Ein Einkaufszentrum geht in Flammen auf, Schüsse fallen auf offener Straße. Inmitten des Chaos laufen Verhandlungen über vorgezogene Neuwahlen. Die Reiseveranstalter fliegen massenweise Touristen aus dem Unruheland Tunesien aus.

15.01.2011 18:35
Rauch steigt über einem tunesischen Supermarkt in der Nähe von Tunis auf. Foto: dpa

Wegen der nächtlichen Ausgangssperre waren Hunderte Menschen am Samstagabend am Flughafen von Tunis blockiert. „Die Lage ist angespannt, niemand darf den Flughafen verlassen“, sagte ein Soldat. Den Restaurants ging das Essen aus, es bildeten sich lange Schlangen, um die letzten Chips und Kekse zu kaufen. Überall bildeten sich kleine Lager, Reisende versuchten, auf dem Boden zu schlafen und deckten sich mit Kleidungsstücken zu. Eine Familie bettete ihr Kleinkind in einen geöffneten Koffer.

Am späteren Abend und in der Nacht sollte noch ein gutes Dutzend Maschinen eintreffen. Viele Tunesier, die aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkamen, waren besorgt um ihre Familien. „Ich bin schockiert, was in meinem Land passiert“, sagte ein 35-Jähriger, dessen Frau am Abend vergeblich auf ihn wartete. „Wir machen uns große Sorgen, wie es nun weitergehen soll“, fügte er hinzu.

Thomas Cook, Neckermann und Bucher fliegen Urlauber aus

Die großen Reiseveranstalter haben ihre Urlauber aus dem krisengeschüttelten Tunesien ausgeflogen. TUI und Thomas Cook brachten am Samstag mit zahlreichen Sondermaschinen Reisende in ihre Heimat zurück. Alle Gäste der Thomas Cook-Veranstalter, die Tunesien verlassen wollten, waren am späten Abend auf dem Heimweg oder bereits wieder zuhause eingetroffen.

Die letzten 120 der ursprünglich 2.000 Gäste der Veranstalter Neckermann Reisen, Thomas Cook, Bucher Last Minute und Air Marin befanden sich noch auf dem Rückflug nach Deutschland und werden am späten Abend in Frankfurt am Main erwartet. Thomas Cook hat heute insgesamt neun Sonderflüge organisiert, die seit dem frühen Nachmittag von den Flughäfen Djerba, Monastir und Enfidha gestartet sind. Die ersten Urlauber von Thomas Cook waren bereits am späten Freitagabend wohlbehalten in Düsseldorf und Berlin gelandet.

Einkaufszentrum brennt

Inmitten von Chaos und Gewalt haben in Tunesien Verhandlungen über die Bildung einer neuen Regierung und vorgezogene Wahlen begonnen. Eine Koalition unter Beteiligung der Opposition soll das Land befrieden und das Machtvakuum füllen, das nach der 23-jährigen Regentschaft des außer Landes geflohenen Staatschefs Zine al-Abidine Ben Ali entstanden ist. In der Hauptstadt Tunis feuerten bewaffnete Angreifer am Samstag aus fahrenden Autos wahllos auf Passanten. Ein Einkaufszentrum stand in Flammen.

In der Innenstadt gingen Soldaten mit Panzern in Stellung, um nach den nächtlichen Plünderungen die Ordnung wiederherzustellen. Bei Massenausbrüchen aus den Gefängnissen im Urlaubsort Monastir und in Mahdia kamen offenbar Dutzende Menschen ums Leben. Nach der Flucht Ben Alis ernannte der Verfassungsrat unterdessen Parlamentspräsident Fouad Mebazaa für eine Übergangszeit zu dessen Nachfolger. Mebazaa kündigte eine Regierung der nationalen Einheit an, binnen 60 Tagen sollen Präsidentenwahlen stattfinden.

Mitglieder von Ben Alis Familie festgenommen

In Militärkreisen wurde vermutet, dass Verbündete Ben Alis hinter den bewaffneten Angreifern steckten, die schießend durch die Stadt fuhren. Experten spekulierten über eine Beteiligung der Präsidentenpolizei. Im Zentrum von Tunis errichteten Soldaten Straßensperren. Nach der Flucht Ben Alis waren nach Angaben von Einwohnern marodierende Banden durch die Stadt gezogen, hatten Gebäude in Brand gesetzt, geplündert und Menschen angegriffen. In den Arbeitervierteln am Rande von Tunis bewaffneten sich Anwohner mit Metallstangen und Messern, um Plünderer abzuwehren.
Als Zeichen des Machtwechsels nahmen Arbeiter vor der Zentrale von Ben Alis RCD-Partei ein Porträt des ehemaligen Präsidenten ab, der nach wochenlangen Protesten mit Dutzenden Toten am Freitag ins saudi-arabische Dschidda geflohen war. Frankreich hatte eine Einreise zuvor abgelehnt. In Tunesien wurden unterdessen Mitglieder von Ben Alis Familie laut Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi festgenommen.

Regierung der nationalen Einheit angekündigt

Übergangspräsident Mebazaa beauftragte Ghannouchi mit der Bildung einer Koalitionsregierung. Der Ministerpräsident hatte zuvor mit Vertretern der Opposition gesprochen. Dabei habe Ghannouchi den Vorschlag einer Koalitionsregierung akzeptiert, sagte der Vorsitzende der Union für Freiheit und Arbeit, Mustafa Ben Jafaar. Am Sonntag sollten nach einem weiteren Treffen die Verhandlungsergebnisse verkündet werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Übergangspräsident Mebazaa zu einem grundlegenden Politikwechsel auf. „Gehen Sie auf die protestierenden Menschen zu und führen Sie wirkliche Demokratie ein“, erklärte sie. Menschenrechte, Presse- und Versammlungsfreiheit seien unabdingbar. Zugleich sagte Merkel die Unterstützung Deutschlands und der Europäischen Union für einen solchen Neuanfang zu.

Der Reiseveranstalter Thomas Cook hatte in der Nacht zum Samstag die ersten von etwa 2000 deutschen Touristen aus Tunesien nach Deutschland ausgeflogen. Auch der TUI-Konzern wollte seine Urlauber möglichst rasch zurückholen. Das Auswärtige Amt rät wegen der gespannten Lage von Reisen nach Tunesien ab.

Demonstranten wollen altes Regime komplett verjagen


„Wir sind froh, nach 23 Jahren im Gefängnis frei zu sein“, sagte Fahmi Bouraoui, der in einem der wenigen geöffneten Geschäfte in Tunis am Samstag einen Kaffee trank. Einige Demonstranten kündigten jedoch Widerstand gegen die Machthaber der alten Elite an. Sie wollen „den zivilen Ungehorsam fortsetzen, bis das Regime fort ist“, wie Fadhel Bel Taher deutlich machte, dessen Bruder unter den Dutzenden Todesopfern der Proteste ist. „Die Straße hat gesprochen“, sagte er.

Auch die Unternehmensberatung Eurasia erwartet trotz Ben Alis Flucht keine rasche Entspannung der Situation. „Wenn Ghannouchi keinen festen Zeitplan für vorgezogene Präsidentenwahlen verkündet und keine Übergangsregierung mit prominenten Oppositionspolitikern bildet, könnte dies die Menschen zurück auf die Straßen treiben“, erklärte Eurasia.

Die Gewalt auf den Straßen von Tunis und die rasche Abfolge der Ereignisse versetzen die arabische Welt in Aufregung. Zahlreiche autokratische Herrscher verteidigen dort zwar seit langem ihre Macht, geraten aber zunehmend unter Druck durch eine protestierende Jugend, wirtschaftliche Probleme und militanten Islamismus. Der Westen hat sich lange zurückgehalten, weil diese Machthaber als Bollwerk gegen den Islamismus gelten. (rtr/dpa/dapd)

Tote bei sozialen Unruhen in Tunesien und AlgerienLandkarte von StepMap StepMap Tote bei sozialen Unruhen in Tunesien und Algerien

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