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Unruhen in Nordafrika Tunesien brennt

Nach blutigen Unruhen steht Tunesien am Rande eines Bürgerkrieges. Die Zahl der Todesopfer ist nach Angaben von Menschenrechtsgruppen mittlerweile auf 35 gestiegen. Viele der Opfer sollen von Polizisten erschossen worden sein.

11.01.2011 19:02
Ralph Schulze
Zehntausende demonstrieren seit Tagen für bessere Lebensbedingungen. Foto: Reuters

Nach blutigen Unruhen steht Tunesien am Rande eines Bürgerkrieges. Die Zahl der Todesopfer ist nach Angaben von Menschenrechtsgruppen mittlerweile auf 35 gestiegen. Viele der Opfer sollen von Polizisten erschossen worden sein.

Nach tagelangen schweren Ausschreitungen im nordafrikanischen Urlaubsland Tunesien, die auch am Dienstag weitergingen, wächst der Druck auf Staatspräsident Zine el Abidine Ben Ali. Die Europäische Union wie auch die USA äußerten sich besorgt über die Eskalation in dem Staat, der als enger Partner des Westens gilt. Touristen wurden zur Vorsicht aufgerufen.

Bei den schweren Unruhen im Zentrum des Landes sind nach Angaben von Menschenrechtsgruppen bisher mindestens 35 Menschen getötet worden. Die meisten sollen von Polizisten erschossen worden sein. Die Krankenhäuser sind laut den Menschenrechtlern mit Verletzten überfüllt.

Vermutlich liegt die Zahl der Opfer aber noch viel höher. Allein in Kasserine seien bereits mehr als 50 Menschen getötet worden, sagte der Gewerkschafter Sadok Mahmoudi unter Berufung auf Krankenhausmitarbeiter: „In Kasserine herrscht Chaos.“ Häuser und Geschäfte würden geplündert, die Polizei habe sich zurückgezogen. Auf den Dächern lauerten Heckenschützen.

Bürgerkriegsähnliche Zustände

In mehreren anderen Städten nördlich der Hauptstadt Tunis spielen sich laut Augenzeugen ähnliche Szenen ab wie im südlichen Kasserine. Die Orte würden buchstäblich von Polizei und Militär belagert, um die Aufstände unter Kontrolle zu bekommen. Rauchsäulen stehen angeblich über den Städten und öffentliche Gebäude und Barrikaden brennen, Schüsse seien zu hören. Die Rede ist von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“.

Der seit 23 Jahren herrschende Ben Ali ließ zudem alle Schulen und Universitäten, die Zentrum vieler Protestaktionen junger Tunesier sind, auf unbestimmte Zeit schließen. Zehntausende demonstrieren seit Tagen für bessere Lebensbedingungen, Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven. Vor allem in der Provinz Sidi Bouzid schlugen die Proteste in Gewalt um. Die Polizei soll mancherorts wahllos in die Menge geschossen haben.

Auch das Versprechen Ben Alis, 300.000 Arbeitsplätze für die vielen arbeitslosen Hochschulabsolventen zu schaffen, konnte die soziale Revolte nicht beenden. Zumal seine Verurteilung der gewaltsamen Proteste als „terroristische Akte“ den Zorn der Menschen auf der Straße eher anfachte. Mindestens 30 Prozent der jungen Akademiker sind ohne Beschäftigung.

„Diese jungen Leute sind keine Terroristen“, sagte der Oppositionspolitiker Ahmed Nejib Chebbi, „sie wollen nur Arbeit und ein bisschen Freiheit.“ Die Mehrheit der rund 10,5 Millionen Tunesier glaube nicht mehr Ben Alis Versprechungen. „Er hat schon zu viele Zusagen gebrochen.“ Unbestätigten Berichten zufolge sollen etliche Mitglieder des Herrschaftsclans von Ben Ali das Land verlassen haben.

Der Westen hat lange geschwiegen

Nach Tagen des Schweigens kam am Dienstag im Westen vorsichtige Kritik am Vorgehen des tunesischen Regimes auf. EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sagte: „Wir sind besorgt über die jüngsten Ereignisse“, die EU fordere eine Untersuchung der Vorfälle. Sie rief Tunesiens Sicherheitsbehörden zur Zurückhaltung und zum „Respekt der fundamentalen Freiheiten auf“.

Verhaftete „Blogger, Journalisten, Rechtsanwälte und andere festgenommene Personen, die friedlich demonstriert haben“ müssten sofort freigelassen werden. Tunesien, mit dem die EU gerade eine engere wirtschaftliche Partnerschaft aushandelt, gilt als Polizeistaat ohne Meinungsfreiheit und Demokratie.

Tote bei sozialen Unruhen in Tunesien und AlgerienLandkarte von StepMap StepMap Tote bei sozialen Unruhen in Tunesien und Algerien

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