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Unisex-Tarife Das neue Geschlechter-Einerlei

Ab dem 21. Dezember spielt beim Abschluss neuer Versicherungen das Geschlecht keine Rolle mehr. Der Europäische Gerichtshof hat die Diskriminierung beendet und ein Wort in Mode gebracht. Wir spüren dem Phänomen nach.

Ein Toilettenraum für alle. Unisex könnte manch einem Mann einen schmerzhaften Blasenverhalt ersparen. Foto: Fotolia

Männer sind rational, machtbewusst, stehen ständig im Wettbewerb und wollen sich allen beweisen. Frauen sind einfühlsam, kommunikativ, sozial und unglaublich gute Teamplayer. Geschlechterklischees sind hartnäckig, vor allem, wenn sie im Gewand vermeintlich wohlmeinender Charakterisierungen daherkommen. Die These, dass Männer denken und Frauen fühlen, wird dann gerne noch wissenschaftlich untermauert durch diverse Studien, die die Ursachen für Geschlechterunterschiede im Hirn oder den Hormonen gefunden haben wollen. Neurosexismus, nennt das die australische Psychologin Cordelia Fine. In ihrem Buch „Die Geschlechterlüge“ hat die Autorin hundert entsprechende Studien untersucht. Ihr Fazit: Es ist ein Mythos und wissenschaftlich nicht haltbar, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen biologisch, genetisch, hormonell oder neuronal bestimmt sind. Fine schreibt von der subtilen Macht der Rollenstereotype, von geschlechtertypischen Erwartungen und Vorurteilen, die uns beeinflussen, selbst wenn wir das nicht wollen oder uns dessen gar nicht bewusst sind.

Das Gericht und die Prämie

Ein Beispiel: Als den Teilnehmern in einem Test, der das räumliche Vorstellungsvermögen untersucht, erklärt wurde, dass diese Fähigkeit mit Erfolg auf Gebieten wie Luftfahrttechnik oder Nuklearantriebstechnik zusammenhängt, schnitten Männer deutlich besser ab. Als es dagegen hieß, dass ein gutes Ergebnis eine Begabung für Häkeln, kreative Stickerei und Blumenarrangements prognostiziert, hatte dies einen verheerenden Einfluss auf die Leistung der männlichen Teilnehmer. Das Fazit der Wissenschaftler: Das Ergebnis solcher Tests hängt davon ab, wie motiviert Männer und Frauen sind. Die Motivation wiederum wird von unzähligen Faktoren beeinflusst. Typisch männlich, typisch weiblich war da nichts.

Sind Männer und Frauen also alle gleich? Sie sind es genauso wenig wie alle Männer oder alle Frauen gleich sind. Frauen in den Führungsetagen der Banken hätten die Finanzkrise nicht verhindert und Männer können einfühlsame Erzieher sein. Niemand muss sich mehr in feste Rollen zwängen lassen, auch wenn rosa glitzernde Spielwarenabteilungen oder der Erfolg von Heidi Klums Germany’s next Topmodel einen gelegentlich daran zweifeln lassen.

Also, ja zu Unisex-Tarifen bei den Versicherungen, denn niemand darf wegen seines Geschlechts benachteiligt werden. Das hat der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr ganz richtig entschieden, als er die vom Geschlecht abhängige Höhe der Prämie diskriminierend fand, für ungültig erklärte und der Versicherungsbranche eine Frist zur Umstellung setzte. Vom Freitag nächster Woche an gelten nun beim Abschluss neuer Versicherungen Unisex-Tarife. Und das höchstwahrscheinlich, obwohl der Bundesrat am Freitag das dazugehörende Gesetz erst mal in den Vermittlungsausschuss verwiesen hat. Denn die Versicherer, die sich seit Monaten mit der Umstellung beschäftigen, werden vermutlich auch ohne diese gesetzliche Grundlage die neuen Tarife einführen. Ja also zu Unisex-Versicherungsprämien.

Ja zu gleichen Rechten, Löhnen und Gehältern. Aber müssen wir deshalb alle auf Unisex-Toiletten gehen? Nein!

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