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Unabhängigkeitsreferendum Zwei religiöse Welten im Südsudan

Die Menschen im Süden des afrikanischen Staates sollen bis zum 15 Januar darüber entscheiden, ob sie politisch zum Norden des Landes gehören wollen. Die Risiken zeigen sich im Bezirk Abyei, der geografisch zum Norden und kulturell zum christlichen Süden gehört. (Mit Video)

Geteiltes Land oder einiges Land - die Südsudanesen müssen sich per Wahl bis zum 15. Januar 2011 entscheiden. Foto: dpa

Die Menschen im Süden des afrikanischen Staates sollen bis zum 15 Januar darüber entscheiden, ob sie politisch zum Norden des Landes gehören wollen. Die Risiken zeigen sich im Bezirk Abyei, der geografisch zum Norden und kulturell zum christlichen Süden gehört. (Mit Video)

Sonntagmorgens um acht rufen die Trommeln zum Gottesdienst. Ihr dumpfes Schlagen klingt weniger einladend als drohend: Abyei ist eine Frontstadt des christlichen Glaubens, hart an der Grenze zum Reich des Propheten Mohammed gelegen. In dem aus vielen verstreut gelegenen Lehmhütten und nur wenigen gemauerten Häusern bestehenden Ort stoßen zwei Welten aufeinander, die seit Generationen höchst spannungsvoll koexistieren: Immer wieder brechen zwischen den arabisch-muslimischen Nomaden und den afrikanischen Ackerbauern – Christen und Animisten – blutige Konflikte aus.

In Abyei droht sogar der am Sonntag begonnene Volksentscheid über die Unabhängigkeit Südsudans noch zum Scheitern gebracht zu werden. „Sie haben alles zerstört“, sagt Priester Biong Kuol Deng, während er auf die melonengroßen Einschusslöcher in seiner Kirche zeigt: „Selbst die eiserne Glocke und die Madonna aus Gips haben sie mitgenommen“. Im Mai vor zwei Jahren eskalierte der Konflikt zum vorerst letzten Mal: Von den Vereinten Nationen in einer Brigade zusammengefasste Soldaten aus dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden richteten ihre Waffen aufeinander. Während der Kämpfe wurde Abyei einschließlich seiner katholischen Kirche in Schutt und Asche gelegt, die rund 50.000 Einwohner der Stadt flohen in die Umgebung. Priester Biong, der sein Gotteshaus inzwischen mühsam wieder aufgebaut hat, blieb nur ein Trost: Dass der muslimische Kommandeur, der den Angriff auf das Gotteshaus offenbar befohlen hatte, nur wenige Augenblicke später von einer Granate getötet wurde.

Der nächste Konflikt bahnt sich an

Heute herrscht wieder Ruhe in der Stadt. Selbst die Brigade hat wenig außerhalb der Stadt wiedervereint ihr Lager aufgeschlagen. Schon bahnt sich allerdings der nächste, wesentlich explosivere Konflikt an: Wie jedes Jahr zur Trockenzeit wollen die Hirten der nomadischen Misseriye mit Hunderttausenden von Rindern aus der Sahelzonen-Provinz Süd-Korofan in die fruchtbarere Abyei-Region ziehen, um Gras und Wasser für ihr Vieh zu finden. „Wenn die tatsächlich kommen“, sagt Priester Biong, „gibt's Krieg“. Lange versuchte der Geistliche vergeblich, ausländischen Journalisten von der explosiven Lage in seiner Heimat zu berichten: „Aber keiner kam jemals hierher.“

Der Grund für die ausbleibenden Besuche ist allerdings nicht mangelndem Interesse, sondern der Unzugänglichkeit Abyeis zuzuschreiben. Problemlos ist die abgelegene Region nur mit dem UN-Helikopter aus dem Norden zu erreichen – nur selten gelingt es ausländischen Reportern, ein Visum aus der sudanesischen Hauptstadt Khartum zu bekommen. Vom Süden aus liegt die ehemalige Garnisonsstadt Bentiu am nächsten, von der jedoch nur eine Holperpiste nach Abyei führt. Für die sechs Stunden lange achsenbrecherische Fahrt ist außerdem ein gesalzener Gefahrenzuschlag zu entrichten. Mein Fahrer, im Hauptberuf Polizist, hat neben seinem Sitz eine Kalaschnikow eingeklemmt: „Hier“, sagt er, als wir an einem Waldstück vorbei kommen, „haben die Misseriye vergangene Woche 13 südsudanesische Soldaten in einem Hinterhalt ermordet“. Und am Vorabend des Volksentscheids kam es auf der Strecke zu einem Zusammenstoß zwischen südsudanesischen Soldaten und Milizionäre aus dem Norden, dem neun Menschen zum Opfer fielen.

Der Chef des Volks der Dinka Ngok empfängt seine Gäste in einer strohbedeckten Hütte. Grundsätzlich hätten sie nichts dagegen, ihr Land mit den Nomaden zu teilen, sagt Kuol Deng Majok: „Das funktionierte über Generationen ohne größere Konflikte.“ In jüngster Zeit habe sich die Situation jedoch grundsätzlich verändert, fügt der Stammesfürst hinzu. Jetzt würden die Misseriye von Khartum zu Destabilisierungszwecken missbraucht und kämen bewaffnet nach Abyei. „Sie suchen Streit zu provozieren und unser Land zu nehmen.“ Ob Abyei zum arabischen Norden oder afrikanischen Süden gehört, sei schon zu Kolonialzeiten umstritten gewesen, sagt ein UN-Experte: „Die Provinz ist einer der vergiftetsten Zankäpfel Sudans.“ Im Bürgerkrieg, der seit 1956 mit nur einer zehnjährigen Unterbrechung tobte, unterstützten Dinkas und Misseriye die jeweiligen Gegenseiten. Die ehemaligen arabischen Sklavenhändler wurden von Khartum als Bewacher der Eisenbahnlinie eingesetzt, während sich viele Dinka der Südsudanesischen Befreiungsarmee anschlossen. Im 2005 unterzeichneten Friedensvertrag wurde ein Volksentscheid vereinbart, in dem die Bevölkerung Abyeis über ihre Zugehörigkeit zum Norden oder Süden entscheiden können soll. Nicht definiert wurde aber, wer zur Bevölkerung Abyeis zu rechnen ist. „Die Misseriye gehören selbstverständlich nicht dazu“, stellt Chief Kuol apodiktisch fest. „Die leben ja nicht hier.“

Tatsächlich ist im Städtchen kein Misseriye auszumachen. Entgegen anders lautender Behauptungen habe sich keiner von ihnen in Abyei niedergelassen, versichert Priester Biong. Auch gebe es keinerlei gemischte Familien. Ins nördlich gelegene Gebiet der Misseriye zu gelangen, ist derzeit ebenfalls ausgeschlossen: Polizeieinheiten haben am Zarga-Fluss einen Cordon gezogen, um den Nomaden den Vormarsch in den Süden zu verwehren. Der arabische Polizeichef in Abyei weigert sich, Journalisten einen Passierschein auszustellen. Mit der Handfläche über seine Kehle fahrend macht er deutlich, was mit ihm geschehen würde, falls er sein Einverständnis geben würde. Mein Fahrer hätte sich dem Vorstoß ins Feindesland ohnehin verweigert: „Mit denen ist nicht zu spaßen“, brummt der Polizist. Im UN-Posten ist zu erfahren, dass die Misseriye jüngst im Städtchen Muglad eine Exilregierung für Abyei gebildet haben. Sie wollen damit ihren Anspruch auf das Gebiet unterstreichen. Auch die Nomaden hätten gute Gründe, über die derzeitige Entwicklung besorgt zu sein, meint ein UN-Mann. Falls Abyei für den Anschluss an den Süden stimme und es – erwartungsgemäß – zu einer Abspaltung Südsudans komme, müssten die Misseriye befürchten, dass die Grenze dicht gemacht und sie von ihrem Weideland abgeriegelt würden.

Angeblich sucht Khartum 50.000 Männer für "PDF"

Eigentlich läge es im Interesse der Nomaden, die Beziehungen zu den Dinka so gut wie möglich zu halten, fügt der UN-Experte hinzu. Doch das Gegenteil ist der Fall. Gerüchten zufolge suche Khartum derzeit 50.000 Männer für die berüchtigte Miliz „Popular Defence Force“ (PDF) zu rekrutieren. Schon jetzt würden die Blauhelm-Patrouillen immer öfter auf PDF-Milizionäre stoßen, die mit schweren, auf den Ladeflächen ihrer Pickups montierten Maschinengewehren unterwegs seien. Befürchtet wird, dass Khartum mit den Misseriye in Abyei vor hat, was es mit den berüchtigten Dschandschawid-Nomaden in den Darfur-Provinzen getan hat: Sie als Stellvertreter-Truppe der regulären Streitkräfte für besonders schmutzige Aufgaben heran zu ziehen. Der eigentliche Grund für Khartums Interesse an der nur dünn besiedelten Region ist vom Städtchen Abyei aus gar nicht auszumachen: Das Erdölfeld Diffra liegt im äußersten Norden der Provinz und ist völlig abgeriegelt.

In Abyei schlummerten nur 0,6 Prozent der sudanesischen Reserven, wird die Bedeutung des schwarzen Goldes für die Abyei-Frage oft heruntergespielt. Doch in Wahrheit gibt Khartum die offiziellen Schätzungen der Öl-Reserven gar nicht bekannt. Alle Bemühungen, den Streit um Abyei noch vor dem Referendum beizulegen, scheiterten: Weder wird in Abyei heute über die Unabhängigkeit noch über die Zugehörigkeit der Region zum Norden oder Süden abgestimmt – diese Abstimmung wurde in dieser Region auf unbestimmte Zeit verschoben. „Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was das für ein Gefühl ist“, sagt Katechist Anderia Matiang beim Kaffee nach dem Gottesdienst: „Mein ganzes Leben habe ich auf unsere Unabhängigkeit gewartet, und jetzt kann ich nicht mal meine Stimme für sie abgeben.“ Wie fast jeder unserer Gesprächspartner ist der 65-Jährige überzeugt, dass sich der Konflikt auf friedliche Weise nicht beilegen ließe.

Selbst Sudans Präsident Omar al-Baschir äußerte am Vorabend des Volksentscheids die Befürchtung, dass der Streit um Abyei noch zu einem neuen Krieg führen könne. „Manchmal“, sagt Katechist Matiang, „ist Gewalt nötig, um Probleme aus dem Weg zu räumen“. Auf dem Rückweg nach Bentiu kommen wir an der Südgrenze der Region an schwerem, unter Bäumen verstecktem Kriegsgerät vorbei. Es handele sich um eine Division der Südsudanesischen Befreiungsarmee SPLA, sagt mein Fahrer, der Polizist: „Sie wartet hier auf ihren Einsatz“.

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