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(Un)Vereinte Nationen Die letzte Hoffnung der UN

Der Aktivist und Autor Jean Ziegler über die Gefahren durch US-Präsident Donald Trump, die Reform der Vereinten Nationen und die globale Zivilgesellschaft.

Soldaten-Begräbnis
Soldaten der Minusma in Bamako bei der Zeremonie der Heimführung gefallener Kameraden aus Bangladesch. Foto: rtr

Herr Ziegler, Ihr neues Buch trägt den Titel „Der schmale Grat der Hoffnung“. Viele Akteure auf der Weltbühne – Trump, Putin, Europas Populisten, Autokraten in Afrika und Asien – verschmälern diesen Grat zusehends. Und Sie haben trotzdem Hoffnung?
Es gibt eine doppelte Geschichte der Menschheit. Die Frankfurter Schule hat das sehr schön formuliert. Da ist die empirische, tatsächlich erlebte Gerechtigkeit – und da haben Sie ganz recht: Die ist regressiv. Einen so gefährlichen Präsidenten wie Trump hat die größte Demokratie der Welt noch nicht gehabt. Fürchterliche Halunken wüten auf dieser Welt, so wie dieser Baschar al-Assad, wie Omar al-Baschir im Sudan und noch eine ganze Reihe von denen … Und die UN, die den Weltfrieden und die Menschenrechte durchsetzen sollte, ist ruiniert.

Aber warum doch die Hoffnung? Weil das zugerechnete Bewusstsein, um Adorno zu zitieren, das, was das kollektive Bewusstsein als gerecht ansieht und durchsetzen will – das steigt! Und es gibt jetzt ein neues historisches Subjekt jenseits der Nationalstaaten, die weitgehend ihre Normativkraft verloren haben. Das ist die neue planetarische Zivilgesellschaft. Also Attac, Medico, die Frauenbewegung, Via Campesina – zehn Millionen Kleinbauern von Honduras bis Indonesien –, Greenpeace … Alle diese sozialen Bewegungen kämpfen an ganz verschiedenen Fronten gegen die Diktatur der Oligarchien, des globalisierten Finanzkapitals. Letztes Jahr haben die 500 größten transnationalen Konzerne 52,8 Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts kontrolliert. Diese Diktatur legitimiert sich mit der neoliberalen Wahnidee: Es gibt den Menschen nicht mehr, Marktkräfte gehorchen Naturgesetzen. Das entfremdet total das kollektive Bewusstsein. 

Joseph Stieglitz formulierte ja vor vielen Jahren die Bibel dieses Kampfes in „Globalization and its Discontents“. Jüngst, unter dem Eindruck des Isolationisten Trump, brachte er es neu heraus und korrigierte sich: Globalisierung sei gut, man habe sie nur falsch praktiziert.
Ja, man muss die Globalisierung menschlich machen.

Ein Jahrhundertprojekt?
Che Guevara hat gesagt: Auch die stärksten Mauern fallen durch ihre Risse – und überall treten Risse auf. Ein einziges Motiv treibt die planetarische Zivilgesellschaft zum Widerstand. Das ist der kategorische Imperativ in jedem von uns. Kant hat gesagt, die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir. Unter dem vom Neoliberalismus zubetonierten Bewusstsein glüht noch die Asche des Identitätsbewusstseins, das eine Praxis der Solidarität, der Komplementarität, der Reziprozität fühlt. In dieser neuen historischen Kraft – die nicht ohne Erfolge ist: der gestürzte transatlantische Handelsvertrag – liegt die Hoffnung. Die Zivilgesellschaft schreitet voran. Das Identitätsbewusstsein befreit sich immer mehr. Das kann man sehen. 

Nicht wenige in dieser Zivilgesellschaft schwören auf Stieglitz, aber ihnen fehlt der Mut, auf jenem Grat der Hoffnung zu balancieren. Denen reichen – wie Trump – einfache Antworten. Wie können Sie die erreichen?
Die Vereinten Nationen, das ist die multilaterale Diplomatie. Und das ist die letzte Hoffnung. Das schöne Wort „Vereinte Nationen“ erscheint zum ersten Mal am 12. August 1941, noch mitten in der faschistischen Nacht, formuliert von Roosevelt und Churchill. Die USA waren noch nicht einmal im Krieg, da versprachen diese beiden Visionäre oder Verrückte auf der USS Augusta vor der Küste Neufundlands das Ende des Faschismus – und darüber hinaus die Atlantik-Charta mit drei Säulen, die immer noch die Ziele der Menschheit sind: Kein Elend mehr auf der Welt, kein Krieg mehr, ein System kollektiver Sicherheit, wenn einer einen anderen angreift, hat er die gesamt Weltgemeinschaft gegen sich, schließlich Menschenrechte für jeden Erdenbewohner. Das wurde 1945 in San Francisco zur Charta der UN.

Aus den 43 Gründungsmitgliedern dort sind nun 193 geworden, die neue Weltordnung ist vollzogen. Aber die drei Säulen, die sind zertrümmert: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das World Food Programme hat errechnet, dass die heutige Landwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, wir sind 7,3 Milliarden. 2011 begann der Aufstand in Syrien, sieben Jahre später gibt es immer noch keinen Blauhelm dort, nicht einen humanitären Korridor zu einem der 41 eingeschlossenen Orte, keine Flugverbotszone, nichts aus dem Artikel 7 der UN-Charta wird durchgesetzt, die UN schauen dem Blutbad zu. In Darfur dasselbe, in Zentralafrika dasselbe, im Jemen, im Südsudan … Menschenrechte? Nehmen Sie den Amnesty-Report vom Oktober: 67 der 193 UN-Mitgliedstaaten praktizieren regelmäßig Folter.

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