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Umweltschutz Lutter zweifelt an der Ocean-Cleanup-Idee

WWF-Experte Stephan Lutter hat Zweifel an der Ocean-Cleanup-Idee und fordert abschreckende Strafen für illegale Müllentsorgung.

15.08.2014 14:26
So soll das gigantische, V-förmige Fangfeld aussehen. Die Meeresströmungen und Winde treiben den Müll von selbst hinein. Foto: AFP

Herr Lutter, was halten Sie von der Ocean-Cleanup-Idee?
Zunächst verdient es Bewunderung, wenn ein junger Mann alles daran setzt, um die Ozeane vom gefährlichen Plastikmüll zu befreien – und dafür, wie er für die Idee mobilisiert, inklusive des bisher erfolgreichen Crowdfunding. Es sind jedoch nach wie vor Zweifel angebracht, ob die vorgeschlagene Methode wirklich nachhaltig wirksam ist. Die Müllstrudel im Zentrum der Ozeane sind so gigantisch, dass die Voraussage gewagt ist, man könne sie binnen fünf oder zehn Jahren beseitigen. Außerdem wird die Lebensgemeinschaft des Meeresplanktons in Mitleidenschaft gezogen.

Kritiker behaupten, das Projekt spiele der weltweit boomenden Plastikindustrie in die Hände. Es suggeriere, selbst dieses Problem könne durch Einsammeln und Recycling gelöst werden. Ist da was dran?
Ein solches Bild kann leicht entstehen, wenn nicht mit gleicher Verve daran gearbeitet wird, die Ursachen der Vermüllung abzustellen. Zum Glück haben internationale Organisationen einschließlich Nichtregierungsorganisationen damit begonnen. Im Juni haben die Anrainerstaaten des Nordostatlantik einen entsprechenden Aktionsplan verabschiedet.

Welche Auswirkungen haben die Plastikstrudel im Meer, abgesehen davon, dass sie gespenstisch aussehen?
Die Strudel sind aufgrund der Ozeanströmungen die auffälligste Anhäufung von Plastikmüll. Doch der Müll ist überall, zum Beispiel auch am Grund von Nordsee oder Mittelmeer. Dies führt zu massiven Schäden in der Natur: Seevögel und Wale füllen ihre Mägen mit Plastik statt Nahrung und verhungern. Meeresschildkröten verwechseln Plastiktüten mit Quallen, ihrer Lieblingsspeise. Kleine Plastikpartikel geraten über Plankton, Schalen- und Weichtiere sowie Fische in die Nahrungskette.

Wie sind die Effekte auf den Menschen?
Über die marine Nahrungskette werden giftige und schwer abbaubare Chemikalien an uns weitergegeben. Zu solchen Plastikzusätzen gehören zum Beispiel Weichmacher und Flammschutzmittel, manche mit hormonähnlichen Wirkungen im Körper.

Gibt es Schätzungen zu den ökonomischen Folgen?
Es gibt Fallstudien: Die Küstengemeinden einzelner europäischer Staaten geben jährlich bis zu 20 Millionen Euro für die Reinigung von Stränden aus, Einsätze freiwilliger Helfer nicht mitgerechnet. Auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) spricht von erheblichen wirtschaftlichen Folgen.

Selbst wenn The Ocean Cleanup funktionieren sollte, bleibt der ständige Nachschub von Plastik, der über die Flüsse und von Schiffen ins Meer gelangt, ein Problem. Können die Konsumenten etwas dagegen tun?
Durchaus. Verzicht auf Produkte mit überflüssiger Kunststoffverpackung ist immer noch die beste Lösung. Sehr wichtig ist es auch, sich selbst und andere an maritimen Touristenorten von der Wegwerfmentalität abzubringen.

Wäre eine Umstellung auf Bio-Kunststoffe die Lösung?
Da gibt es begründete Zweifel. Wegen des damit verbundenen hohen Verbrauchs nachwachsender Rohstoffe rät zum Beispiel das Umweltbundesamt von diesem Lösungsansatz ab.

Was kann die Politik tun? Welche Maßnahmen wären sinnvoll? Eine Abgabe auf Plastiktüten?
Mindestens das. Wir müssen zwischen verschiedenen Regionen unterscheiden. In Ländern, in denen eine Müllvermeidungsstrategie und Kreislaufwirtschaft für Abfälle aus wirtschaftlichen oder kulturellen Gründen bisher nicht existiert, müssen sie möglichst schnell eingeführt werden, und wir sollten dort Hilfestellungen leisten. In Regionen oder Wirtschaftsbereichen, in denen es entsprechende Vorschriften und politische Zielsetzungen bereits gibt, sie aber nicht wirksam umgesetzt werden, muss der Druck dafür erhöht werden.

Ein Beispiel?
Ein krasses Beispiel kommt aus der Schifffahrt: Seit mehr als zwei Jahrzehnten verbietet das sogenannte Marpol-Abkommen der Internationalen Schifffahrtsorganisation (IMO) kategorisch die Entsorgung von Plastikabfällen auf See. Dagegen wir jedoch laufend verstoßen. Schärfere Kontrollen, abschreckende Strafen und eine attraktive Infrastruktur zur landseitigen Entsorgung in den Häfen fordern wir daher auch von den Industriestaaten.

Interview: Joachim Wille

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