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Umweltexperte Michael Braungart „Boykottiert den Grünen Punkt“

Joghurtbecher sollten nicht in den gelben Sack, fordert Umweltexperte Braungart. Nur wenn Kunden die Abfälle „massenhaft zurück in die Läden bringen“, entstünden umweltfreundliche Produkte und gute Kompostiersysteme für biologisch abbaubares Plastik.

Plastiktüte
Nur ein Bespiel von vielen: die kleine Plastiktüte in der Obstabteilung des Supermarkts. Foto: imago

Der international renommierte Umweltexperte Michael Braungart ruft zu einem „Boykott des Grünen Punktes“ auf. Sein Ziel dabei: die Hersteller von Kunststoffen zu einem umweltfreundlicheren Design ihrer Produkte zu zwingen. 

„Wir sollten alles ausgediente Plastik dorthin wieder zurückbringen, wo wir es eingekauft haben. Also Joghurtbecher nicht in den gelben Sack und Altkleider nicht in den Container werfen, sondern massenhaft zurück in den Laden bringen“, sagte er der FR.

Er sei sich sicher, dass dann „schnell gesunde und umweltfreundliche Produkte entwickelt sowie Recycling- und Kompostiersysteme" für biologisch abbaubares Plastik eingerichtet würden, die ihren Namen verdienen“, sagte der Chemiker und Verfahrenstechniker.

Braungart ist nicht irgendein Experte. Mit dem US-Architekten William McDonough entwickelte er in den 1990er Jahren mit „Cradle to Cradle“ (C2C, „Von der Wiege zur Wiege“) ein Konzept für nachhaltiges Produktdesign. Er wurde unter anderem mit dem „Hero of the Planet Award“ des „Time Magazine“ ausgezeichnet. Er lehrt an den Universitäten in Lüneburg und Rotterdam und ist Geschäftsführer des Umweltinstituts EPEA in Hamburg. 

Professor Braungart, Reifenabrieb ist die größte Quelle von Plastikemissionen, die in die Umwelt landen. Wie gefährlich ist das? 
Gefährlich ist vor allem der Feinstaub in der Luft, der sich durch den Reifenabrieb bildet. Reifen sind nicht einfach aus Gummi, sie enthalten bis zu 470 teils hochgiftige und krebserzeugende Chemikalien, die ihnen die gewünschten Eigenschaften wie gute Straßenhaftung und Langlebigkeit geben. Hinzu kommt der Abrieb vom Asphalt und von Brems- und Kupplungsbelägen, die ebenfalls ungesund sind. Die abgeriebenen Teilchen sind teilweise so klein, dass sie nicht einmal mehr vom Regen aus der Luft ausgewaschen werden. Die Partikel werden dann eingeatmet, vor allem von Menschen, die an stark befahrenen Straßen in den Städten wohnen. Es trifft also vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten.

Was sind die gesundheitlichen Folgen?
Der Plastikfeinstaub mit den angelagerten Schadstoffen bedeutet eine ständige Reizung der Atemwege und Belastung des Herz-Kreislauf-Systems. Infektionen und Entzündungen können unter diesem Stress dann viel schneller zu Krankheiten führen – wie Bronchitis, Lungenentzündung oder Herzinfarkt.

Sie sagen, der Reifenabrieb ist gefährlicher als früher. Wieso? 
Heute halten die Reifen doppelt so lange wie vor 30 Jahren. Das hört sich gut an, wurde aber erkauft durch immer mehr Zutaten, die gesundheitsgefährlich sind. Man hat sozusagen den falschen Ansatz perfektioniert – anstatt zu fragen: Wie muss ein Reifen aussehen, dessen Abrieb keine Schäden setzt?

Solange Autos fahren, wird es diesen Abrieb geben – sonst flögen sie aus der Kurve. Was tun? 
Alle Zutaten in den Reifen müssen so ausgewählt werden, dass sie nicht eingeatmet werden können, sondern auf dem Boden bleiben und quasi kompostierbar sind. Die Biosphäre muss sie aufnehmen können, ohne dass Schäden entstehen.

Ist das überhaupt möglich?
Durchaus. Mein Institut entwickelt mit einem Hersteller Fahrradreifen, die diesem Prinzip entsprechen – das ist ein echter Innovator. Auch die Sportschuhhersteller Puma und Nike haben Schuhsohlen entwickelt, deren Abrieb für Mensch und Umwelt gesund ist. Das Material ist schadstofffrei, es könnte kompostiert und etwa als Dünger in der Landwirtschaft genutzt werden. Allerdings waren es bei Puma und Nike nur Prototypen.

Warum haben sie nicht alle Schuhe umgestellt?
Das Schwierige dabei ist das Marketing. Man macht die Kunden auf ein Problem aufmerksam, von dem sie gar nicht wissen, dass es das gibt. Die Firmen lassen lieber die Finger davon, solange kein öffentlicher Druck in der Sache vorhanden ist. Immerhin haben Puma und Nike gezeigt, dass es geht.

Wie stellen sich die Reifenhersteller zu der Problematik?
Sie kümmern sich nicht darum. Der Grund: Es hat sie bisher niemand aufgefordert, etwas zu tun. Vielleicht ändert sich nun etwas, nachdem das Thema in der Öffentlichkeit angekommen ist. Das Wichtigste wäre zu verhindern, dass die Reifen weiter mit Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) belastet sind, die krebserzeugend wirken. Das ist technisch inzwischen möglich.

Die aktuelle Fraunhofer-Studie zeigt, dass die weggeworfenen Plastiktüten und Flaschen gar nicht das Hauptproblem sind – anders als viele meinen. 
Die Plastiktütendiskussion ist eine Alibidiskussion, so wie zu Jürgen Trittins Zeiten die Dosenpfanddebatte. Wir brauchen insgesamt eine Plastikstrategie, die das Material entgiftet und entweder kompostierbar oder perfekt recyclebar macht. Wissenschaftler können Plastik so herstellen, dass man dabei quasi einstellen kann, wie lange es hält und wann es sich auflöst – nach zehn Minuten, nach zwei Stunden oder in zwei Jahren, je nachdem, wie es gebraucht wird.

Es gibt auch unter Umweltexperten Kritik an diesem Konzept. Das Umweltbundesamt zum Beispiel hält biologisch abbaubare Kunststoffe nicht für eine praktikable Lösung, um etwa das Problem mit den Plastiktüten zu lösen. 

Das gilt nur, solange nicht alle Tüten kompostierbar sind und die kompostierbaren das bisherige Recyclingsystem stören. Das kann man aber vorschreiben und dann funktioniert es. Der BASF-Konzern etwa hat mit seinem Produkt „Ecoflex“ einen perfekt biologisch abbaubaren Kunststoff entwickelt. Die Entwicklung und den Einsatz solcher Produkte darf man nicht als Kostenfaktor begreifen, sondern als Innovationschance.

Ist die Chemieindustrie generell denn bereit zum Umdenken?
Es kommt nur langsam in Gang. Leider hat das Image der Chemie durch Katastrophen wie Bhopal, Seveso und Sandoz schwer gelitten, dadurch hat sie eine ganze Generation von guten Chemikern verloren. Die kreativen jungen Leute haben andere Fächer studiert. So kamen zwar gut ausgebildete Chemiker in die Industrie, doch sie optimieren nur das Vorhandene. Es sind kaum Leute, die auch die ökologischen und sozialen Folgen ihres Tuns mit bedenken.

Die EU hat eine Plastikstrategie aufgelegt – für weniger Plastikmüll und mehr Recycling. Ein positives Signal?
Wieder ein Fall von Alibigesetzgebung. Die EU-Kommission will Plastikstrohhalme, Wattestäbchen und Einweggeschirr verbieten und die Menge an Plastiktüten soll bis 2025 von 200 auf 40 pro Kopf in der EU gesenkt werden. Das ist wie Stühlerücken auf der Titanic. Es muss doch darum gehen, das Material zu entgiften. In Kunststoffen werden heute insgesamt 600 problematische Stoffe eingesetzt, die EU hat gerade 64 davon verboten. Hier muss man ansetzen.

Was tut die Bundesregierung, um das Plastikproblem zu lösen?
Sie ist weitgehend abgetaucht.

Was kann der Verbraucher tun? Früher forderten die Umweltschützer: Jute statt Plastik.
Plastik zu verteufeln, ist Unsinn. Kunststoffe sind, richtig gemacht, ein hervorragendes Material, das unser Leben verbessert. Um das Umdenken in der Chemiebranche und in der Politik voranzutreiben, plädiere ich für einen Boykott des Grünen Punktes. Wir sollten alles ausgediente Plastik dorthin wieder zurückbringen, wo wir es eingekauft haben – also Joghurtbecher nicht in den gelben Sack und Altkleider nicht in den Container werfen, sondern massenhaft zurück in den Laden. Ich wette: Dann werden schnell gesunde und umweltfreundliche Produkte entwickelt sowie Recycling- und Kompostiersysteme eingerichtet, die ihren Namen verdienen.

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